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Arco am Gardasee:Es war einmal ein Paradies

Und Arco kam auch für all die anderen nicht in Frage, die samstagmorgens auf der Münchner Leopoldstraße beschlossen, mal schnell "auf einen Cappuccino an den See" zu fahren. Wenn schon über den Brenner und wieder zurück in zwölf Stunden, dann wollte man wenigstens Kaffee mit Seeblick.

Natürlich waren die Bewohner von Arco immer ein bisschen neidisch auf die Nachbarorte, auf Riva del Garda und Torbole, die direkt am See liegen, denn die Klettertouristen waren nicht immer nur eine Bereicherung für den Ort. Fabrizio Miori, der Gemeindereferent für Sport und Umwelt, nennt diese Kletterer nur ,,die erste Generation''; dass viele von ihnen nun nicht mehr nach Arco wollen, weil ihr kleines Paradies an die Massen verloren gegangen ist, stimmt den Beamten nicht wirklich traurig.

"Viele von ihnen fuhren mit dem Auto direkt an den Felsen, übernachteten im Olivenhain und fuhren wieder weg." Zurück blieben Müll, jede Menge Ausscheidungen und Frust bei Geschäftsleuten, Olivenbauern und Pensionsbesitzern.

Nun aber drängt die "zweite Generation" nach Arco, und die gefällt dem Gemeindereferenten und auch den Geschäftsleuten weit besser. "Die wollen Spaß, Geld ausgeben und das Leben genießen", sagt Mauro Girardi, der die Kletterschule ,,Friends of Arco'' besitzt und sich auf die neuen Bedürfnisse eingestellt hat. So kann man bei ihm nicht nur Klettern, Yoga und Massage als Gesamtpaket buchen, es gibt auch das ,,Gourmet Trekking'', die ,,Fun Ferrata Monte Colodri'' oder die ,,Climb and Pasta Party''.

Und auch wenn Girardi mit seinen langen, schwarzgrauen Haaren, der sonnengegerbten Haut und seiner Spiegelbrille so aussieht, wie man sich einen verwegenen Felsenbezwinger vorstellt, sagt er: ,,Die echten Kletterer sind nicht meine Kundschaft.'' Er baue auf den ,,Comfi-Climber'', auf denjenigen also, der es gerne komfortabel möchte.

Sitzt man in diesen Tagen also im Straßencafé ,,Conti d'Arco'', möchte man die Bewohner der kleinen Stadt zum Touristenboom beglückwünschen - auch wenn es nicht mehr so ruhig und idyllisch ist wie vor ein paar Jahren, und auch wenn die Kletterer der ,,ersten Generation'' entsetzt sind, was aus ihrem Paradies geworden ist.

Trubel die ganze Nacht

Aber nahezu jedes Haus in der Altstadt ist renoviert und frisch gestrichen, es entsteht eine Pension nach der anderen, die Eisdielen, Pizzaläden und Bergsport-Geschäfte sind voller Kunden, und selbst in einst heruntergekommenen Garagen kann man sich jetzt die edelsten Fahrräder leihen.

Principio Carretta aber, der Chef des Straßencafés, den alle nur Pio nennen und der ein bisschen so aussieht wie der junge Tony Marschall, ist nicht wirklich glücklich, auch wenn sein ,,Conti'' fast immer überfüllt ist. ,,Vergessen Sie nicht, dass Arco ein Dorf ist'', sagt der 43-Jährige. ,,Die Bewohner sind einen solchen Ansturm nicht gewohnt, und es wird immer mehr.''

Die Olivenbauern seien sauer, weil die Kletterer die Felder zertrampeln oder ihre Autos darin parken, die Anwohner rund um den Kirchplatz könnten nicht mehr schlafen, weil die ganze Nacht über Trubel herrsche.

Am schlimmsten aber sei, dass die über Jahrzehnte gewachsene Struktur des Ortes langsam zerstört werde. Früher gab es in der Altstadt zwei Bergsport-Geschäfte, heute sind es sechs. ,,Aber dafür gibt es keinen Bäcker mehr, keinen Metzger und keinen Laden für Zubehör'', sagt Café-Chef Carretta.

Wenn Principio Carretta eine Glühbirne kaufen will, fährt er ins Einkaufszentrum Richtung Riva.