Anfänge des Strandurlaubs Visionäre des Nichtstuns

Was hätte wohl Dr. Richard Russell mit an den Strand genommen: Eine Luftmatratze oder doch eher Susan Hayward?

(Foto: Brighton and Hove Museums and Art Galleries/ Scherl/ dpa/ Collage SZ.de)

Am Strand liegen ist nichts Besonderes? Stimmt - seit ein paar Menschen ein paar Ideen hatten. Auch Bikini und All-Inclusive sind schließlich nicht vom Himmel gefallen.

Von Irene Helmes

Reisepioniere im klassischen Sinn haben als Erste Berge erklommen, Wüsten durchquert, abgelegene Landschaften erkundet. Wer dagegen die Strände dieser Welt für das Vergnügen entdeckte, lässt sich schwer sagen. Trotzdem haben auch hier manche Pionierarbeit geleistet - mit ihren Ideen und Erfindungen. Zur Bade-Hochsaison in unserer Serie "Reise-Pioniere" also ein paar, manchmal nichtsahnende, Wegbereiter des Strandurlaubs.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Plantschen nach Plan: das Seebad

Wer würde vermuten, dass der strenge Herr oben im Bild ein vehementer Verfechter des Badens im Meer war? Doch Doktor Richard Russell (1687-1759) war überzeugt: Salzwasser tut gut. Ganz besonders im englischen Brighton. Nach der Veröffentlichung eines entsprechenden medizinischen Traktats eröffnete er dort 1753 eine Praxis - mit direktem Strandzugang. Seine These, man solle im Meerwasser nicht nur baden, sondern es auch trinken, hat sich zwar nicht durchgesetzt. Zur englischen "Strandmanie" im weiteren 18. Jahrhundert trug Russell Historikern zufolge jedoch entscheidend bei.

Und diese "Manie" schwappte bald über den Kanal. Das erste deutsche Seebad wurde im September 1793 in Heiligendamm an der Ostsee vom mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. gegründet: auf Rat seines Leibarztes Samuel Gottlieb Vogel, der Russell folgend die "heilsame Wirkung des Badens im Seewasser auf sehr viele Schwachheiten und Kränklichkeiten des Körpers" pries. Was die gesundheitsbewussten Herren über stundenlanges Aalen in der prallen Sonne gesagt hätten, kann nur vermutet werden. Schließlich war zu ihrer Zeit volle Montur plus Sonnenschirmchen und Hut besonders für die Damen auch am Strand angesagt. Diese Zugeknöpftheit sollte erst im übernächsten Jahrhundert eine weitere Innovation endgültig überwinden.

Atom gegen Bikini

Nach dem Ersten Weltkrieg war die akzeptable Badekleidung an europäischen Stränden zwar schon knapper geworden. Wirklich Platz geschaffen im Koffer für den Badeurlaub hat aber eine französische Erfindung.

Der Verlierer in dieser Geschichte ist der Modedesigner Jacques Heim. Dabei hatte er große Ambitionen. 1946 verkündete er, er habe "den kleinsten Badeanzug der Welt" entworfen. Wäre es nach ihm gegangen, würden sich Frauen bis heute an den Stränden fragen: "Ob mir dieser 'Atom' da drüben auch stehen würde?" Denn "Atom" war Heims Name für die Kreation. Doch ausgerechnet ein Automobilingenieur lief ihm durch eine gewagte Aktion den Rang ab: Louis Réard, der den Lingerieladen seiner Mutter geerbt und so zur Mode gefunden hatte, ließ fast zeitgleich zu Heim einen Badeanzug schneidern, der nur aus vier Dreiecken bestand.

Links im Bild: Susan Hayward mit Hollywood-Kolleginnen in Bikini-Vorläufern (1938); rechts im Bild: Micheline Bernardini im ersten "Bikini" (1946).

(Foto: Collage Scherl/ dpa/ SZ.de)

Der Skandal: Erstmals in der Geschichte der europäischen Badekleidung wurde der weibliche Nabel nicht mehr verhüllt. So anrüchig schien der Entwurf, dass sich etablierte Models weigerten, ihn vorzuführen - Réard engagierte schließlich eine 19-jährige Stripperin für die Weltpremiere am 5. Juli 1946 in Paris. Der "Bikini" sollte Réards Hoffnung nach so einschlagen wie der Atomtest auf dem gleichnamigen Pazifikatoll wenige Tage zuvor. Als Seitenhieb auf Jacques Heim lautete der Werbeslogan "kleiner als der kleinste Badeanzug der Welt". 50 000 - vor allem von Männern verfasste - Dankesbriefe waren der Lohn für Réards Risikofreude. Sein "Bikini" setzte sich bekanntlich gegen Heims "Atom" durch. Nach diesem Triumph blieb Réard im Bademoden-Geschäft, Heim konzentrierte sich in Paris fortan auf Haute Couture und kleidete Stars wie Sophia Loren ein.

Aus Schmerz geboren: die Sonnencreme

Was also tun, wenn die Haut nicht mehr von langen Kleidern oder sackförmigen Badeanzügen geschützt wird? Diese Frage stellte sich im 20. Jahrhundert immer dringlicher, je mehr die Hüllen fielen. Natürlich hatten viele Kulturen schon seit Jahrtausenden Öle und Tinkturen gegen die Sonne benutzt. Schutzcremes im heutigen Sinn wurde aber erst seit den 1920er und 30er Jahren entwickelt, und sie waren zunächst meist klumpig und klebrig, ganz zu schweigen vom Geruch.

Wer sich heute im Badeurlaub eincremt, ist mehreren Chemikern dieser Zeit zu Dank verpflichtet - besonders aber dem Schweizer Franz Greiter. Der nannte seine Version 1946 "Gletschercreme", nachdem er sich selbst bei einer Klettertour einige Jahre zuvor einen unvergesslichen Sonnenbrand geholt hatte. Mit seiner Marke "Piz Buin", benannt nach dem unheilvollen Berg, trug er später zur Etablierung des "Lichtschutzfaktors" bei. Ein Standard, der über die Zeit immer mehr an Bedeutung gewonnen hat: Während im Urlaubsgepäck mittlerweile oft Sonnencremes mit Faktor 50+ landen, hatte Greiters erste Creme wohl nur den Faktor 2.