Reisepionier Heinrich Barth Totgeglaubte reisen länger

Porträt von Heinrich Barth (1821 - 65)

(Foto: imago/Leemage)

Während man ihn zu Hause schon betrauert, erforscht Heinrich Barth im 19. Jahrhundert Afrika wie keiner zuvor. Er findet sich in der Sahara und sogar im geheimnisvollen Timbuktu bestens zurecht - viel besser als in seiner europäischen Heimat.

Von Irene Helmes

Heinrich Barth hätte ein Held seiner Zeit werden können. Geschichten über Sandstürme, Oasen, exotische Gastgeber, gefährliche Banditen und sagenumwobene Städte hatte er zu erzählen wie kaum ein anderer. Er war Mitte des 19. Jahrhunderts unter extremen Bedingungen in Gegenden unterwegs, von denen andere noch nicht einmal gehört hatten. Und doch geriet der Reisepionier in Vergessenheit.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

1821 in Hamburg geboren, fällt der Kaufmannssohn schon früh mit seiner Neigung zum Strebertum auf, vertieft sich auch nach dem Schulunterricht lieber in Fremdsprachen als sich für Spiele oder gar Mädchen zu interessieren. Als 18-Jähriger in Berlin angekommen, überfordert ihn nicht das Leben in der erwachenden Großstadt, sondern die schier unendliche Auswahl an Studienfächern - so dass er zu einer einjährigen Bildungsreise nach Italien flüchtet. Mit Betonung auf Bildung, versteht sich. Auch danach bleibt er unentschlossen und befasst sich an der Universität mit Philosophie, Geographie, Geschichte sowie Linguistik.

Prahlen sollen die anderen

Nach der Promotion und erfolgloser Jobsuche folgt eine ausgedehnte Mittelmeer-Tour auf Kosten des gutmütigen Vaters. Doch was nach dolce vita klingt, ist harte, ehrgeizige Arbeit, wenn Heinrich Barth dahintersteckt. Reisen zum Zeitvertreib oder gar zur Erholung sind ihm fremd. Touristen, die heute achtlos an Kulturdenkmälern vorbei zur nächsten Bar schlendern - Heinrich Barth dürfte bei dieser Vorstellung im Grab rotieren. Ihn treibt nur eines an: unstillbarer Wissensdurst.

Er reist also, über seine Zielländer bestens informiert und fließend Arabisch sprechend, mit Mitte 20 von Marokko über Algerien, Malta, Tunesien und Libyen bis nach Ägypten. Dass er zwischendurch ausgeraubt und schwer verletzt wird, hält ihn nur kurz auf. Er durchquert noch fast den gesamten Nahen Osten und Teile der Türkei und Griechenlands, bevor er nach drei Jahren heimkehrt. Dem Vater kann er guten Gewissens gegenübertreten - die Erkenntnisse der Reise ermöglichen eine Habilitation in Geographie.

Dem Klischee des Weltenbummlers und Draufgängers aber entspricht Barth auch nach diesem Abenteuer nicht. In der Heimat gilt er als leise, eigensinnig und spröde, Frauen kann er ebenso wenig begeistern wie Studenten im Hörsaal. Das Prahlen mit Reisegeschichten überlässt Barth anderen; er sieht sich als Mann der Wissenschaft, der Besseres zu tun hat.

Ironie des Schicksals: So schwer sich Barth von Kind auf damit tut, mit seinen Mitbürgern warm zu werden, so erfolgreich passt er sich in fremden Ländern an. In einer Zeit, in der sich die europäischen Mächte den Rest der Welt in Kolonien aufteilen, lernt Barth eine Sprache nach der anderen, um mit Einheimischen reden und deren Kulturen verstehen zu können.

Bei den Tuareg etwa erwirbt er sich einen so guten Ruf, dass Reisende der folgenden Generation sich gerne als Verwandte Barths ausgeben, um einer freundlichen Begrüßung sicher zu sein. Dieses hohe Ansehen ist nur eines der vielen Dinge, auf die Barth nach seiner nächsten und größten Reise stolz sein darf.

Räuber, Sümpfe, wilde Tiere? Nichts wie hin!

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Als Barth 1849 erneut nach Nordafrika aufbricht, sind weite Teile der Sahara und Zentralafrikas für Europäer noch Neuland. Es mangelt an allem, von Karten bis hin zu Sprachkenntnissen. Die Regierung in London finanziert die Expedition. Sie soll das Terrain für künftigen Handel und Einfluss des Empire bereiten. Der Expeditionsführer James Richardson wiederum ist leidenschaftlicher Missionar. Barth wird auf Empfehlung von Alexander von Humboldt als wissenschaftlicher Begleiter verpflichtet - und lässt sich von niemandem vereinnahmen.

Von Marseille geht es über Tunis nach Tripoli, im April 1850 endlich mit einheimischen Führern auf Kamelen in die Sahara. Die Karawane ist bepackt mit Ausrüstung, Geschenken für Wegbekanntschaften und Waffen für den Ernstfall. Von den bisher bekannten Routen durch die Sahara kursieren Schreckensgeschichten über Mord, Hungertod, gefährliche Tiere und kriegerische Nomadenstämme. Es geht im Schneckentempo voran. Barth ist frustriert, umgekehrt treibt er die Gruppe mit Alleingängen zur Verzweiflung. Der Wunsch, einen Blick in den geheimnisumwitterten "Palast der Dämonen" zu werfen - Höhlen in der Wüste, in denen Nomaden Geister vermuten - kostet Barth in der sengenden Hitze fast das Leben. Rettung kommt in letzter Minute:

"Da plötzlich traf der Schrei eines Kamels mein Ohr. Der klangreichste Ton, den ich je im Leben gehört! Ich erhob mich etwas vom Boden und sah einen Gargi [einen Begleiter] in einiger Entfernung langsam nach allen Seiten umherspähend, vor mir vorbeireiten. Er hatte meine Fußstapfen im Sande bemerkt, und da er die Spur auf dem steinigen Boden verloren, suchte er ängstlich, nach welcher Richtung ich mich wohl gewendet. Ich öffnete meine trockenen Lippen, und mit meiner geschwächten Stimme aman, aman - Wasser, Wasser - rufend, war ich entzückt, zur beruhigenden Antwort das bejahende iwua, iwua zu bekommen. In wenigen Augenblicken saß er an meiner Seite, wusch und besprengte meinen Kopf, während ich unwillkürlich in ein oft wiederholtes el hamdu lillahi, el hamdu lillahi [ein Koranvers, "Lob sei Gott"] ausbrach."

Barth dokumentiert seine Reisen akribisch - auch mit Skizzen wie dieser.

(Foto: imago stock&people)

Barth lernt aus dem Erlebnis und schätzt seine Kräfte künftig realistischer ein, sein Wissen und sein Geschick im Umgang mit Einheimischen bringen ihn durch andere Gefahren. Diese reagieren auf den Fremden je nach Lage respektvoll bis irritiert. Im Reich Bornu etwa bekommt er den Spitznamen "der Nutzlose", weil er ständig nur Fragen stellt und seine Notizhefte vollkritzelt. Interessant ist für ihn alles. Als erster Europäer in der Wüstenstadt Agadez angelangt, trägt er, um unauffällig zu bleiben, längst landestypische Kleidung samt Turban. Er besichtigt Scharia-Gerichte, vermisst eigenhändig Moscheen. Vor allem aber hört er zu. Dank seines Sprachtalents redet er mit den Menschen, denen er begegnet - was banal erscheint, hebt ihn tatsächlich von den meisten zeitgenössischen Pionieren ab.