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Albanien:Die etwas andere Adria

Kühe stehen an einem Strand südlich von Dhërmi in Albanien.

Ungewohnte Begegnung im Urlaub: Freilaufende Kühe an einem Strand südlich von Dhërmi.

(Foto: Nele Gülck)

Eine Reise entlang der albanischen Küste führt zu Albträumen und Wundern - an einem Strand gehen die Menschen sogar übers Wasser.

Es gibt einen Strand nicht weit von dem Örtchen Karpen, da können Menschen übers Wasser gehen. Zumindest sagt das die weißhaarige Frau, die kurz vor der Autobahnauffahrt im Schatten eines Straßenschildes hockt und Obst verkauft. Vor sich auf dem Boden hat sie vier Orangen zu einer Pyramide gestapelt, im Verlauf des Tages wandert sie mit dem Schatten des Schildes, wie eine menschliche Sonnenuhr. Wer ihrer Beschreibung folgt, findet tatsächlich bald einen Strand, an dem das Meer so flach ist, dass das Wasser selbst 40 Meter weit draußen nur die Knöchel umspült. Genau dort hat ein ehemaliger Dorfschullehrer eine kleine Ferienanlage gebaut, mit einer großzügigen Terrasse über der Adria, von der aus man sich das bizarre Schauspiel ansehen kann: Badegäste, die mitten im Meer zu stehen scheinen, bevor sie dann ganz unvermittelt in den Wellen verschwinden.

Man würde nicht eigens aus Deutschland anreisen, nur um hier Urlaub zu machen, aber dieser abgelegene Strandstreifen zählt zu den vielen eigenartigen, liebenswerten Fleckchen, über die der Reisende an der albanischen Küste stolpert, wenn er sich einfach treiben lässt. Eine Mischung aus Campingplatz und Garni in einem ehemaligen militärischen Sperrgebiet, wo Urlauber heute zwischen Pinien und rosa Oleanderbüschen am Meer aufwachen oder auf einer eigens aufgeschütteten kleinen Insel zu Abend essen und zusehen, wie die Sonne hinter den Hafenkränen von Durrës untergeht.

Fotoserie für Reiseaufmacher 11. Juli 2019 // Drei Bilder aus der Serie bezahlt
ACHTUNG !!! Jeder weitere Nutzung honorarpflichtig und mit der Fotografin neu zu verhandeln !!!

Pa Emer, Insel ohne Namen, heißt das kleine Strandresort mit Camping, Zimmern und Restaurant, das ein pensionierter Lehrer auf ein ehemaliges Militärgelände gebaut hat.

(Foto: Nele Gülck)

Vielleicht wird sich der inzwischen pensionierte Lehrer, Elez Peposhi, dazugesellen und bei einem Glas Raki ein bisschen von sich erzählen: Wie er während des Sozialismus Redakteur der Stimme des Volkes war, dem offiziellen Organ der Arbeiterpartei Albaniens; wie er diesen privilegierten Posten verlor, nachdem einer seiner Cousins bei einem Fluchtversuch erwischt wurde; und wie er fortan Literatur in einer kleinen Schule auf dem Land unterrichten musste, natürlich nur solche, die die Partei erlaubte - bis er dann nach dem Ende der Diktatur das Gelände bei Karpen kaufte und nach und nach in eine Ferienanlage umwandelte.

Soweit das Auge reicht, ziehen sich zerklüftete Bergketten die Küste entlang

Eingeklemmt zwischen der Autobahn nach Süden und dem Mittelmeer, ist diese Anlage selbst ein bisschen wie eine Insel. Eine Insel ohne Namen, so hat Peposhi sie genannt: Pa Emer, namenlos. Wer sich weniger auf den Zufall verlassen will und die wirklich schönen Strände sucht, den weißen Pulversand, die türkisblauen Wellen, der muss weiter nach Süden, an die Küste hinter dem Llogara-Nationalpark.

Der Park ist eine eigene Reise wert, ein Gebirge wie schlafende Riesen, von dessen Passhöhen man auf eine Wolkendecke schaut wie auf einen weißen, unbeweglichen Ozean und kurz vergisst, dass man eigentlich an den Strand wollte - bevor sich dann auf dem Weg hinab der Blick öffnet und sich sehr weit unten das blaue, das wahre Meer ausbreitet. So weit das Auge reicht, ziehen sich zerklüftete Bergketten an der Küste entlang, deren Ausläufer bis ans Meeresufer reichen. Gleich hinter dem Nationalpark wartet einer der beliebtesten Strände des Landes. Albaner nehmen mehrstündige Autofahrten in Kauf, um hierherzukommen; inzwischen tauchen aber auch immer mehr Ausländer auf.

Bis Ende April ist Dhërmi ein gewöhnliches Dorf, dessen Bewohner sich in einem kargen Café treffen und in einem Laden mit kaltem Neonlicht Lebensmittel und Zigaretten einkaufen. Aber sobald die Saison startet und die Strandbars zusammengezimmert sind und die Clubs ihre Verstärkeranlagen in den Sand gestellt haben, ist Dhërmi kaum wiederzuerkennen. Die Strände sind voll; auch am Gjipe-Strand, noch vor Kurzem als Geheimtipp gehandelt, wird man nicht allein sein. Jetzt gibt es sogar ein Sommerfestival mit Elektro-Partys und Yoga-Kursen.

Alle wollen am Tourismus mitverdienen. Ein Restaurantbesitzer etwa bietet die Wiese neben seiner Küche als Zeltplatz an, dazu einen Bretterverschlag mit Loch im Boden und einem Wasserschlauch an der Wand. Am anderen Ende desselben Strandes liegt am Fuß der Klippen der Kompleksi Blu Blu: ein herausgeputztes Resort mit hölzernen Strandhäuschen, Himmelbetten im weißen Sand und einem Fischrestaurant auf einer überdachten Terrasse, auf der die Gäste Hummer und Weißwein genießen.

Fotoserie für Reiseaufmacher 11. Juli 2019 // Drei Bilder aus der Serie bezahlt
ACHTUNG !!! Jeder weitere Nutzung honorarpflichtig und mit der Fotografin neu zu verhandeln !!!

Tourismus ist eine der wenigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Kioske wie diesen bei Dhërmi gibt es deshalb viele.

(Foto: Nele Gülck)

Dhërmi gehört zu den "100 Dörfern", einer staatliche Kampagne, die in ausgewählten Orten den Tourismus fördern will. Solange das Land nicht in der EU ist, gibt es für die meisten Albaner kaum Möglichkeiten, Geld zu verdienen, und Urlauber aus dem Ausland bieten Anlass zu einiger Hoffnung, schließlich ist die Küste Albaniens dieselbe wie die von Kroatien und Griechenland - nur günstiger. Deshalb wurden entlang der Küstenstraße, die sich von Dhërmi am Meer entlang bis an die Grenze zu Griechenland schlängelt, gleich mehrere Orte in die Liste der "100 Dörfer" aufgenommen. Neben der Straße künden Graffiti an den Felswänden von dem, was an den Stränden wartet, wenn man den Wegen aus den Bergdörfern hinab ans Meer folgt: Camping Livadh. The Real Camp. Royal Blue. Was sich dahinter verbirgt, ist das gesamte Spektrum touristischer Träume und Albträume.