Ärger über Kampagne von Schleswig-Holstein Einzig echter Norden

"Der echte Norden": Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) stellt in Harrislee den offiziellen Slogan des Landes Schleswig-Holstein vor.

(Foto: dpa)

Ist Schleswig-Holstein nordischer als Hamburg? Oder gar als Dänemark? Die Kieler Landesregierung verärgert Nachbarländer mit einem neuen Werbeslogan. Wo ist der "echte Norden"?

Von Kristina Läsker

Wer von Dänemark mit dem Auto über die Grenze im Süden fährt, blickt seit dieser Woche auf neue Schilder. "Schleswig-Holstein. Der echte Norden", lautet die Begrüßung an der B 200 nach Harrislee. Die meterhohe Tafel ist babyblau, unten prangen ein Schleswigscher Löwe und das holsteinische Nesselblatt auf weißem Untergrund.

Viele Dänen verstehen Deutsch und sie dürften sich über das Schild wundern. Wie kann etwas der echte Norden sein, das südlich von einem liegt? Und wo beginnt eigentlich der falsche Norden?

Was nach Realsatire klingt, haben sie sich in Kiel ausgedacht - und sie meinen es echt ernst. Der Werbespruch gehört zur neuen Standortkampagne der rot-grünen Landesregierung. Für gut 230 000 Euro lässt Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) landesweit solche Schilder aufstellen und Briefköpfe in Behörden austauschen. Das soll das Image aufpeppen.

"Wenn wir im Wettbewerb mit den anderen Bundesländern nicht zurückfallen wollen, müssen wir unser Profil schärfen", sagt Meyer. Die Provokation kommt an: Schon jetzt ist der Slogan bekannter als es der freundliche, etwas lahme Vorgänger je war. Bisher hieß es "Schleswig-Holstein. Land der Horizonte".

Schleswig-Holstein, der echte Norden statt Land der Horizonte? Das Schulschiff Gorch Fock (links) führt 2013 die Windjammerparade bei der Kieler Woche an.

(Foto: dpa)

Doch all das bringt auch Ärger mit den norddeutschen Anrainern. Etwa in der Stadt Hannover, die Einheimische gerne für den Nabel des Nordens halten. Dort sind sie wütend darüber, dass Sylt und die Holsteinische Schweiz nun im echteren Norden liegen sollen als Norderney und der Harz.

"Diese Kampagne ist überheblich und ein Affront gegen die Zusammenarbeit der norddeutschen Länder", wettert Björn Thümler. Der Politiker leitet die CDU-Fraktion im Landtag von Niedersachsen (Slogan: "Immer eine gute Idee") - und er fühlt sich den Wählern verpflichtet, die qua Wohnort nun mal echte Nordlichter sind. Wie die Bürger von Norden in Ostfriesland und Nordenham in der Wesermarsch.

Auch in Schwerin (Slogan: "Mecklenburg-Vorpommern tut gut") reagieren sie verschnupft. Geschichtsbedingt fühlen sich hier viele mehr wie im Osten als im Norden - und so finden sie die neue Grenzziehung aus Kiel eher schwierig. "Wir wissen, dass wir echt sind und brauchen dies nicht zu betonen", sagt Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU).

Auffallend ruhig ist es dagegen in Hamburg. Kein Senator will sich öffentlich über den lauten Nachbarn und seine Reklame aufregen - das wäre wenig hanseatisch. Nur ein kurzes Statement war dem Sprecher von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) kürzlich vor der Kamera zu entlocken. "Uns geht die Debatte so ein bisschen am Mors vorbei", sagte er. Das ist hamburgisch, ein wenig unanständig und typisch für die Oberen der Stadt: Wenn die Idee eines Rivalen gut ist, wird darüber geschwiegen, oder sie wird abgetan.

Während die Politiker noch zanken, macht sich ausgerechnet ein Deutsch-Däne für die neue Werbung stark. Über den Slogan lasse sich so gut streiten wie über den Geschmack von Brokkoli, sagte Flemming Meyer, Parteivorsitzender vom Südschleswigschen Wählerverband, der dänischen Minderheitspartei im Kieler Landtag.

Einige Norddeutsche könnten den Slogan nicht ausstehen, sagte Meyer, aber "unbestritten macht er Schleswig-Holstein bekannt".

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