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Neue Landebahn am Flughafen Frankfurt:Feier ohne Freude

Das Regierungsflugzeug von Kanzlerin Angela Merkel darf als erstes auf der umstrittenen Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen aufsetzen. Doch die Freude über die Einweihung ist getrübt, bei den Anwohnern - und bei den Airlines.

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Frankfurter Flughafen Nordwest Landebahn

Quelle: Fraport AG

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Das Regierungsflugzeug von Kanzlerin Angela Merkel darf als erstes auf der umstrittenen Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen aufsetzen. Doch die Freude über die Einweihung ist getrübt, bei den Anwohnern - und bei den Airlines.

Mit der neuen Landebahn sollte einiges besser werden am Frankfurter Flughafen, für Airlines und auch für deren Frachtflugverkehr. Die lärmgeplagten Anwohner sehen den Ausbau naturgemäß weniger positiv, und auch die Fluggesellschaften sind inzwischen ernüchtert, vor allem Lufthansa Cargo: Nach der kurzfristigen Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes, mit der Einführung der neuen Landebahn keine Nachtflüge mehr zu erlauben, hätte Lufthansa die Nordwestbahn am liebsten brachliegen lassen und Kanzlerin Angela Merkel wieder ausgeladen, die am 21. Oktober mit ihrer Regierungsmaschine als Erste auf der Landebahn aufsetzte - pünktlich trotz Nebel.

Einweihung der neuen Landebahn Nordwest des Flughafens Frankfurt am Main

Quelle: dapd

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Statt Kapelle oder Kinderchor empfingen Merkel und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) unter anderem der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und Fraport-Vorstandschef Stefan Schulte. Diese nüchterne offizielle Eröffnung wurde dennoch lautstark untermalt - von den Tröten und Sprechchören der Demonstranten.

Einigung im Fluglotsen-Streit

Quelle: dapd

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Nach dem kurzfristigen Nachtflugverbot eineinhalb Wochen vor der Eröffnung war Lufthansa umgeschwenkt und wollte die neue Nordwest-Bahn zumindest vorerst nicht in Betrieb nehmen: Dann würde auch der Flugverkehr nicht zunehmen, hatte Lufthansa argumentiert - das Nachtflugverbot soll diesen zusätzlichen Lärm ein wenig ausgleichen. Ob nachts wirklich kein Flugzeug mehr in Frankfurt abheben darf, wird aber erst im Frühjahr endgültig entschieden und bis dahin hätte Lufthansa gerne alles beim Alten belassen.

Doch Flughafenbetreiber Fraport spielte da nicht mit: Schließlich arbeite man in Frankfurt seit Jahren an oder jenseits der Kapazitätsgrenze und für den Winterflugplan sei die neue Landebahn bereits fest eingeplant.

Erstmals kann auf zwei Pisten völlig unabhängig voneinander gelandet werden. Damit wird die Zahl der Starts und Landungen langfristig und nach Bau eines neuen Terminals von jetzt 82 Flugbewegungen pro Stunde auf 126 gesteigert.

Robin Wood Aktion auf Frankfurter Flughafen

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Damit sollen künftig knapp 90 Millionen Passagiere Station in Frankfurt machen - im vergangenen Jahr waren es 53 Millionen. Der Frankfurter Flughafen ist bereits jetzt der größte Airport in Deutschland und gehört weltweit zu den Top Ten.

Aktivisten von Robin Wood entrollen am Freitag, 21. Oktober, im Frankfurter Flughafen ein Protesttransparent.

Frankfurter Flughafen Nordwest Landebahn

Quelle: Fraport AG

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600 Millionen Euro hat das Projekt Nordwest-Landebahn verschlungen - an reinen Baukosten unter anderem für Rollwegbrücken über die Autobahn A3. Hinzu kommen weitere 670 Millionen Euro: Ein ungünstig gelegenes Chemiewerk musste weichen - ebenso wie 282 Hektar Wald, die für 160 Millionen Euro an anderen Stellen des Rhein-Main-Gebiets wieder aufgeforstet werden müssen. Gemeinsam mit dem geplanten dritten Passagier-Terminal wurden laut Fraport etwa vier Milliarden Euro investiert. Diese Investition soll sich lohnen, und nicht wegen des plötzlichen Nachtflugverbotes brachliegen. Bislang gab es in Frankfurt etwa 50 Flugbewegungen pro Nacht.

Deutschlands groesster Flughafen wird 75 Jahre alt

Quelle: dapd

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1949 war die Start- und Landebahn am Flughafen noch 2150 Meter lang. Heute beträgt die Pistenlänge der Startbahn 18 West 4000 Meter, die neue Landebahn Nordwest ist 2800 Meter lang.

1955 erhielt die Bundesrepublik Deutschland die volle Lufthoheit zurück, die wiedergegründete Lufthansa nahm den Linienverkehr auf - Heimatflughafen wurde Frankfurt. Bald lösten Düsenflugzeuge die Propellermaschinen ab. Da die Flugzeuge immer größer und schneller wurden, war auch mehr Platz für Starts und Landungen nötig.

75 Jahre Frankfurter Flughafen

Quelle: dpa

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Doch das stetige Wachstum des Airports stieß auf heftigen Widerstand: Der Bau der Startbahn 18 West, die 1984 in Betrieb ging, wurde zum Symbol für Bürgerprotest. Es gab Dutzende Klagen, aber auch Krawalle.

Drei Jahre nach Inbetriebnahme der Startbahn wurde immer noch protestiert. Im November 1987 wurden bei einer Demonstration zwei Polizisten erschossen, der Schütze wurde 1991 verurteilt.

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Quelle: AP

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Zwar ist auch der Bau der neuen Landebahn Nordwest umstritten, doch ein Ansturm der Gegner blieb diesmal aus - wegen dem gewaltsamen Ende der Proteste gegen die Startbahn West, und weil diese damals nicht verhindert werden konnte, meint Politologe Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Zu Beginn der Diskussion im Jahr 2000 sei die Wut zwar noch groß gewesen, berichtet Ingrid Kopp, Sprecherin der Bürgerinitiativen gegen die neue Landebahn: So hätten an einer Demonstration in Wiesbaden 12.000 Aktivisten teilgenommen. Doch danach flaute das Interesse ab. Das spürten auch die Ausbaugegner im Protestcamp im Kelsterbacher Wald. Als die Bagger 2009 mit der Rodung begannen, klagte einer der Umweltaktivisten: "Wir hatten gehofft, die Bürger kommen, wenn die Bäume fallen." Doch sie kamen nicht.

Mainz hisst Trauerflagge als Protest gegen Fluglaerm

Quelle: dapd

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Die Proteste gegen den Ausbau nehmen erst seit diesem Frühjahr zu, als über die neuen Flugrouten entschieden wurde: Mit dem regulären Betrieb auf der neuen Landebahn von Ende Oktober an sind Menschen in Mainz und Rheinhessen viel stärker vom Lärm betroffen als zuvor. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) hisste daher einen Tag vor der Einweihung eine schwarze Trauerflagge vor dem Rathaus.

Am Wochenende sollen die Proteste gegen den Fluglärm durch den Flughafenausbau ihren Höhepunkt erreichen: Ein Bündnis aus 70 hessischen und rheinland-pfälzischen Initiativen hat zu einer Großdemonstration am Samstag in Mainz (Beginn 11 Uhr) aufgerufen.

Inbetriebnahme der neuen Landebahn Nordwest - Protest

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Die Freigabe der Nordwestlandebahn sei "alles andere als ein Festtag für die Region", teilten Innenminister Roger Lewentz (SPD) und Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) am Freitag in Mainz mit. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Hendrik Hering, warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit der Einweihung der Landebahn Instinktlosigkeit vor.

Laut Höfken und Lewentz ist die Grenze der Belastung in Rheinhessen durch die neuen Flugrouten schon jetzt überschritten - die Erweiterung gehe einseitig zulasten der Bevölkerung in Rheinland-Pfalz. Daher werde die Landesregierung gemeinsam mit den betroffenen Kommunen gegen die Flugrouten rechtlich vorgehen.

Als erstes werden Kommunen aus dem Landkreis Mainz-Bingen gegen die neuen Flugrouten von dem Bundesverwaltungsgericht klagen. Das Land werde dabei 50 Prozent der Kosten des Verfahrens tragen, teilte das Innenministerium nach einem Gespräch mit Vertretern der betroffenen Kommunen mit.

Demonstranten am Freitag in Flörsheim am Main

Protest im Flughafen von Frankfurt/Main

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1997 hatte der damalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber erstmals öffentlich die weitere Vergrößerung des Flughafens gefordert. Auch um abermaligen gewaltsamen Protesten vorzubeugen, veranlasste der damalige hessische Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) eine Mediationsgruppe mit Gegnern und Befürwortern des Ausbaus. Im Jahr 2000 sprachen sich die Mediatoren grundsätzlich für den Ausbau aus, koppelten diesen Beschluss aber an ein Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr: Der zusätzliche Fluglärm am Tag sollte durch Ruhe in der Nacht kompensiert werden.

Doch als das hessische Wirtschaftsministerium nach jahrelangen Diskussionen den Planfeststellungsbeschluss im Jahr 2007 erteilte, wurde das gewünschte Verbot ignoriert.

Gegner protestieren im Juni 2011 gegen den neuerlichen Ausbau im Terminal 1 mit einer Demonstration im Liegen.

Deutschlands groesster Flughafen wird 75 Jahre alt

Quelle: dapd

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Mit der vierten Landebahn sollten pro Nacht 17 Flüge zugelassen werden. Für diesen Kurswechsel geriet der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in die Kritik. Dennoch wurde mit dem Bau der neuen Landebahn im Jahr 2009 begonnen. Zwar genehmigte der Hessische Verwaltungsgerichtshof diesen Ausbau, doch die Richter forderten eine stärkere Einschränkung der Nachtflüge. Ohne Konsequenzen: Es wurde weiterhin mit 17 Flügen in der Nacht geplant.

Dann kam der Tiefschlag vor allem für den Frachtverkehr: Nur eineinhalb Wochen vor der Einweihung der neuen Landebahn untersagt der Verwaltungsgerichtshof Nachtflüge in Frankfurt generell. Damit wird der Winterflugplan ab Ende Oktober zumindest im Cargo-Bereich über den Haufen geworfen. Vor allem Lufthansa ist betroffen, die die Nacht weiterhin für Frachtflüge nutzen wollte und nun mit fünf nächtlichen Flügen nach Köln/Bonn ausweicht.

Christoph Franz

Quelle: dpa

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Lufthansa-Chef Christoph Franz (im Bild) fordert sogar, die Einweihung der neuen Landebahn zu verschieben, um weiter auch nachts fliegen zu können. Doch Airport-Betreiber Fraport lehnt dies ab: Der Flughafen benötige dringend Entlastung durch die neue Bahn, der Winterflugplan für den Passagierverkehr sei darauf ausgerichtet, und zwar unumkehrbar.

Ob es bei dem absoluten Nachtflugverbot bleibt, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig voraussichtlich im nächsten Frühjahr.

Deutschlands groesster Flughafen wird 75 Jahre alt

Quelle: dapd

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Die Gewerkschaft der Flugsicherung fürchtet, dass auch Passagiere mit dem Nachtflugverbot am Reisen gehindert werden könnten und startbereite Jets wieder zum Parken geschickt werden, wenn sie nicht rechtzeitig vor 23 Uhr abheben können. Nun versuchen Fraport und Lufthansa gemeinsam, beim hessischen Ministerpräsidenten Bouffier (CDU) eine Sonderregelung für verspätete Maschinen zu erreichen.

Als Beispiel führen sie in einem Schreiben den zweiten Sonntag im September an, an dem schwere Gewitter den Flugbetrieb in Frankfurt massiv gestört hatten. Die Flüge wurden bis spät in die Nacht nachgeholt. Nach dem vom 30. Oktober an geltenden Nachtflugverbot hätten rund 6000 Fluggäste in Frankfurt übernachten müssen, davon etwa 4500 Kunden der Lufthansa. Das Unternehmen bezifferte die möglichen Kosten auf 800.000 Euro.

© sueddeutsche.de/Katja Schnitzler/AFP/dapd/dpa/dd/leja

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