Zweiter Weltkrieg:"Nicht alle Deutschen waren Mörder"

1939 zettelt Hitler den Zweiten Weltkrieg an. Loinger gerät als französischer Soldat 1940 in Kriegsgefangenschaft. Er flieht, aus einem Lager in Bayern schlägt er sich im Winter zu Fuß bis nach Paris durch. Nahe der Hauptstadt leitet Flore, seine Frau, inzwischen ein Heim mit 123 Kindern jüdischer Internierter. Loinger beginnt ein riskantes Doppelleben.

Er verheimlicht seine jüdische Herkunft, verdingt sich als Animateur einer Jugend-Organisation der Vichy-Regierung, die mit den deutschen Besatzern kollaboriert. Zugleich engagiert sich Loinger im Kinderhilfswerk OSE (Œuvre de Secours aux Enfants), das bis Kriegsende 5000 jüdische Kinder vor dem Holocaust bewahren wird.

RETRO-ISRAEL-SHOAH-HOLOCAUST

Juden im französischen Drancy, dem letzten Stopp vor den deutschen Konzentrationslagern.

(Foto: AFP)

Was Loinger seit 1925 als Drohung im Kopf nachhallte, wird im Januar 1943 zur Gewissheit: Hitler organisiert den Massenmord, allen Juden in Frankreich droht die Deportation. Loinger erhält den Auftrag, jüdische Kinder außer Landes zu bringen. Und er findet einen Weg: In Annemasse, einem Städtchen an der Grenze zur Schweiz, verspricht der Bürgermeister Hilfe.

Anfangs organisiert Loinger am Grenzzaun Fußballturniere, nach jedem Spiel fehlen ein paar Jungs. Dann heuert er Fluchthelfer an, zahlt Bares für Schlepper, die nachts seine Kinder über die Grenze bringen. Die italienischen Soldaten, die im Auftrag der deutschen Achsen-Alliierten auf Posten stehen, sehen weg. "Nach ein paar Wochen", so erinnert sich Loinger, "kam dann deren Kommandant zu mir. Der sagte: Wir fangen keine Kinder. Und auch keine Juden. Machen Sie weiter, wir sehen weg."

Loinger machte weiter, todesmutig. Im Sommer 1943 sitzt er wieder im Zug, zusammen mit drei Dutzend jüdischen Kindern nach Annemase. Da steigt ein Gruppe deutscher Soldaten ins Abteil. "Ich hatte den Kindern eingebläut, sich nicht zu bewegen", erzählt er, "aber dann finden die Deutschen an, Bonbons zu verteilen."

Nach einer unendlich langen Stunde endet die Bahnfahrt. Aber der deutsche Offizier besteht darauf, "all die netten Kinder" zu ihrem vermeintlichen Ferienheim zu führen "Wir gehen vorweg, Sie folgen!", befiehlt er. Zum Abschied salutiert er. Und merkt nichts.

Georges Loinger erinnert sich bis heute an die Furcht der Kinder. Von der eigenen Angst redet er nicht. "Kinder zu retten, das war mein Handwerk", sagt er, "ich kannte die Gefahr - und ich habe mich durchgeschlagen." Er macht eine Atempause, lächelt: "Es hat ja funktioniert."

"Dem alten Deutschland kann ich nicht vergeben"

Dann, im Frühjahr 1944, geht nichts mehr. Die Résistance erteilt dem Fluchthelfer den Befehl, seine eigene Frau und seine beiden Söhne zu retten. Wieder mogelt sich Loinger per Zug nach Annemasse durch, in einer kalten Nacht will er rübermachen in die Schweiz. Da steht plötzlich eine deutsche Patrouille vor ihm.

Es ist einer dieser Momente, die Georges Loinger nur auf Deutsch erzählen kann. "Wer sind Sie?", habe der Unteroffizier gefragt. "Ich bin Jude." - "Was? Nein..." Noch heute sieht Loinger vor sich, wie der Deutsche staunt, dann zögert. Und wie er ins Grübeln kommt. "Stehen bleiben", wiederholt Loinger dessen harschen Befehl.

Der Soldat gibt seinem Schäferhund ein Zeichen, die vier Gefangenen zu bewachen. Das Tier knurrt. Loinger schwant das Ende. "Doch dann", erzählt er am Holztisch in Paris, sei "ein Wunder geschehen." Un vrai miracle. Der Soldat geht weg - und pfeift seinen Hund zurück. Die Loingers können fliehen, schaffen es am nächsten Morgen über die Grenze.

Bis heute begreift der Retter nicht, warum er gerettet wurde. "Ich bin Jude", damit hatte er eigentlich sein Todesurteil gesprochen. "Vielleicht habe ich es aus Müdigkeit gesagt", sagt Loinger. Und weshalb ließ der Soldat ihn laufen? Schulterzucken: "Vielleicht hat er nur gedacht: Diese Juden hol' ich mir nicht", rätselt Loinger, "Es war ein Mensch. Und nicht alle Deutschen waren Mörder."

Georges Loinger hat neu angefangen nach dem Krieg. Er nennt es "mein wahres Leben". Er hilft Holocaust-Überlebenden nach Palästina, wird Direktor einer israelischen Schifffahrtslinie. Und findet Versöhnung. "Dem alten Deutschland kann ich nicht vergeben - aber heute ist dies ein anderes Land", sagt Loinger auf Französisch. Und wiederholt es auf Deutsch.

© SZ vom 09.07.2016/odg
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