Zugehörigkeit:Was ist deutsch?

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Zugehörigkeit: AfD-Anhänger am Rande einer CDU-Veranstaltung in Bitterfeld: Gehören "Passdeutsche" nicht dazu?

AfD-Anhänger am Rande einer CDU-Veranstaltung in Bitterfeld: Gehören "Passdeutsche" nicht dazu?

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Zur Nation gehören auch die Deutschen mit Migrationshintergrund - erst wenn die Gesellschaft das begreift, ist sie der Herausforderung von rechts gewachsen.

Von Dunja Ramadan

Eine Apotheke mitten in München: Der Türöffner summt, eine gepflegte Frau, Mitte fünfzig, tritt ein. Sie sieht sich um, zögert, als sie eine Apothekerin mit Kopftuch entdeckt, die als einzige frei ist. "Sprechen Sie denn überhaupt deutsch?", fragt sie, als sie näher kommt. - "Ja, natürlich. Ich bin Deutsche." - "Na ja, weil Sie das da auf Ihrem Kopf tragen", sagt die Dame und wirbelt mit ihrer Hand einmal um den eigenen Kopf. - "Daran müssen Sie sich gewöhnen." - "Nein, das denke ich nicht." - "Doch, das denke ich schon." - "Das will ich aber nicht", sagt die Frau und geht zu einer anderen Mitarbeiterin.

Eine reale Alltagsszene aus dem Jahr 2017. Begegnungen wie diese gehören für Menschen mit Kopftuch, Turban, Kippa, für (Nicht-Hipster-) Vollbartträger, Menschen mit afrikanischem oder asiatischem Aussehen mehr oder weniger zum Alltag. Und zwar nicht erst, seitdem die AfD im Bundestag sitzt. Doch deren Aufstieg hat die Debatte über das Deutschsein neu entfacht.

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Viele Menschen befürchten offenbar, dass die Ration "Deutschsein" bald aufgebraucht ist. Als wäre das Deutschsein eine limitierte Sonderedition, so wie Vanillekipferl oder gebrannte Mandeln, nur erhältlich in der Vorweihnachtszeit und nur solange der Vorrat reicht.

Sätze wie "Deutschland den Deutschen" (AfD-Politiker André Poggenburg) oder "Ein deutscher Staatsbürger mit deutschem Pass ist noch lange kein Deutscher" (AfD-Politiker Andreas Wild) mögen viele Menschen in diesem Land als rechte Stimmungsmache abtun. Einige verurteilen sie aufs Schärfste, andere machen sich vielleicht darüber lustig, und wieder andere machen sich überhaupt keine Gedanken darüber. Im schlimmsten Fall werden diese Menschen von Rechten als Gutmenschen oder Volksverräter beschimpft. Doch niemand stellt ihre Existenz in diesem Land infrage - anders ist es bei den Menschen, die wissen, dass sie direkt gemeint sind.

Die Frage "Bin ich deutsch?" begleitet sie in diesem Land wie ein lästiger Schatten. Dabei hätte es schon längst eine Antwort geben können. Unsere Gesellschaft verändert sich. Im selben Jahr, in dem zum ersten Mal seit 1961 wieder eine rechtsnationalistische Partei im Bundestag sitzt, wurde auch die Ehe für alle beschlossen, genauso wie die Anerkennung der Intersexuellen als drittes Geschlecht.

Nochmal eine Runde auf dem Integrationskarussell

Doch für die nationale Identität, das "Wir" und das "Ihr" gibt es keine Aktualisierung. Kein Update fürs Deutschsein. Obwohl Deutschland seit Jahren de facto ein Einwanderungsland ist. Politiker großer Parteien haben sich nicht getraut, das laut auszusprechen, als wäre es etwas Negatives, nicht etwas Bereicherndes. Sie haben es verpasst, der Gesellschaft neue Identitätsmuster abseits von Herkunft und Religion zu schaffen.

Stattdessen veröffentlichte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wenige Monate vor der Bundestagswahl den zehn Punkte umfassenden Katalog einer "deutschen Leitkultur". Darin schreibt er unter anderem: "Wir sind nicht Burka". - Eine notwendige Feststellung, wenn man bedenkt, dass die blauen Gitterzelte zu einer regelrechten Plage in unserem Straßenbild geworden sind.

Und genau dieses Aufregerblabla katapultiert Deutschland jedes Mal Lichtjahre zurück - nochmal eine Runde auf dem Integrationskarussell! Dabei müsste doch jeder mittlerweile wissen, dass es eine verschwindend geringe Anzahl an Burka-Trägerinnen in Deutschland gibt (wenn überhaupt, spricht man von "Niqab", aber das ist eine andere Geschichte). Diese Scheindiskussionen sind der Grund für den Stillstand in der Identitätsdebatte - und dieser Stillstand ermöglichte es den Rechten erst, den Begriff "Deutschsein" derart ausschlachten zu können.

Vor allem der Islam fungiert als ständige Bedrohung für die deutsche Identität. Klar, dass muslimisch und deutsch auf diese Weise für viele Menschen keine naheliegende Kombination ist. Dass die Mehrheit der hiesigen Muslime seit Jahrzehnten ihre unaufgeregte Form des Alltagsislams lebt, wird schlicht und ergreifend übersehen. Stattdessen wird gefühlt jeden Sommer über Burkini, Burka (Niqab, Niqab, Niqab!) und Kopftuchverbot diskutiert.

Dabei ist die Zuordnung zu einer Nation, einer Gemeinschaft, einer Heimat für die individuelle Identität extrem wichtig - denn nicht nur die sexuelle oder geschlechtliche Identität nimmt eine Schlüsselposition im Selbstverständnis einer Person ein, sondern auch die nationale. In Deutschland leben 18,6 Millionen Einwohner mit ausländischen Wurzeln.

Jeder fünfte hat einen Migrationshintergrund, in Westdeutschland fast jeder vierte, in Ostdeutschland jeder zwanzigste. Mehr als die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund hat die deutsche Staatsbürgerschaft, 42 Prozent bereits seit ihrer Geburt. Auch sie haben das Recht auf Klarheit im Identitätswirrwarr. Die abschätzige Bezeichnung "Passdeutsche" bestätigt sich leider durch den Alltagsrassismus, den viele dieser Menschen in diesem Land erleben.

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