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Zeugin im Stuttgarter NSU-Ausschuss:Ex-Neonazi Florian H. soll von NSU-Mord an Polizistin gewusst haben

  • Eine anonym bleibende Zeugin berichtet dem Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss, dass ihr Freund Florian H. schon vor Enttarnung des NSU gewusst haben soll, dass dieser die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet hatte.
  • Florian H. war damals 17 und galt nach Einschätzung von Staatsschützern als harmloser Mitläufer in der rechten Szene.
  • Er verbrannte kurz vor seiner eigenen Befragung vor dem Ausschuss in seinem Auto. Ermittler gingen von einem Suizid aus. Doch seit Ermittlungspannen der Polizei bekannt wurden, befasst sich die Staatsanwaltschaft erneut mit dem Fall.
  • Von der anonymen Zeugin verspricht sich der Ausschuss weitere Erkenntnisse. Sie sicherte Whatsapp-Nachrichten von Florian H. aus den Stunden vor seinem Tod.

Von Josef Kelnberger, Stuttgart

"Es war der NSU." Im Mai 2011 soll der Satz gefallen sein. Die Zeugin im Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss beharrte am Montag darauf: Schon ein halbes Jahr, bevor der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) von der Polizei enttarnt wurde, habe ihr langjähriger guter Freund Florian H. gewusst, wer im April 2007 in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet hatte. Sollte das stimmen, sollte also Florian H. damals wirklich den Namen "NSU" gekannt haben, gäbe das den Ermittlungen über die Zwickauer Terrorzelle eine ganz neue Richtung.

H. war damals 17 Jahre alt und bewegte sich erst seit wenigen Monaten in der rechten Szene - wenn einer wie er an solche Informationen gekommen wäre, ließe sich die These von einem weitgehend autark handelnden NSU-Trio kaum aufrechterhalten. Aber wie verlässlich ist diese Zeugin wirklich, die unter dem Tarnnamen "Bandini" in nicht öffentlicher Sitzung Rede und Antwort stand? Die Ausschussmitglieder wirkten konsterniert bis skeptisch. Es gibt jedenfalls noch viel zu ermitteln im Fall Florian H.

Der ehemalige Neonazi war nach Einschätzung von Staatsschützern ein kleines Licht in der rechten Szene. "Ein unterdurchschnittlich intelligenter Mitläufer", so hieß es. Auch bei anderen Anlässen hatte er offenbar damit geprahlt, alles über den Kiesewetter-Mord zu wissen. Polizei und Verfassungsschutz glaubten ihm nach einer Vernehmung kein Wort. Dennoch wurde er am 16. September 2013 neuerlich zu einer Aussage beim LKA gebeten.

H. erschien aber nicht mehr zu dem Termin. Er verbrannte in seinem Auto auf dem Cannstatter Wasen. Polizei und Staatsanwaltschaft kamen zu dem Schluss: Suizid. Das schien zu dem Bild des jungen Mannes zu passen, der mit seinem Leben nicht klarkam, der den Konsum von Alkohol und Medikamenten nicht im Griff hatte. Seitdem der Stuttgarter Untersuchungsausschuss sich jedoch mit dem Fall befasst, erhalten die wildesten Spekulationen neue Nahrung. Wurde Florian H. in den Tod getrieben? Wurde er gar ermordet, weil er zu viel wusste?

Die Polizei Baden-Württembergs steht schon jetzt blamiert da

Es ist noch lange nicht so, dass man die Geschichte des NSU neu schreiben müsste. Weiterhin deutet beim Tod von Florian H. nichts auf ein Fremdverschulden hin, und die neuen Ermittlungen führten noch zu keiner heißen Spur. Aber die Polizei Baden-Württembergs steht schon jetzt blamiert da - spätestens seitdem der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) in einer Plastiktüte Fundstücke aus dem ausgebrannten Autowrack präsentierte: eine Machete, eine Pistole, Schlüssel, Feuerzeug und einiges mehr. Die Eltern von Florian H. hatten die Dinge offenbar aus dem ausgebrannten Autowrack geholt, wo sie von der Polizei angeblich übersehen worden waren.

Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile das Verfahren wieder eröffnet, gegen einen der damals federführenden Beamten wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Aussagen von mehreren Kriminalbeamten erhärteten am Montag den Eindruck, bei der Ermittlung nach dem Brand sei es drunter und drüber gegangen. Einer verließ sich auf den anderen, niemand fühlte sich zuständig. Und die Nachricht, dass es sich bei dem Toten um einen Mann aus dem NSU-Komplex handelte, kam offenbar an jenem Tag nicht bei den Ermittlern an. Niemand erkannte die Brisanz des Falles.

Der Ausschuss leistet nun die Arbeit, die eigentlich damals von den Ermittlern hätte geleistet werden müssen. Als "fast eine echte Sensation" bezeichnet es Wolfgang Drexler, dass der Ausschuss bald auch Whatsapp-Nachrichten von Florian H. aus den Stunden vor seinem Tod einsehen kann. Seine Freundin "Bandini" hatte an sie geschickte Mitteilungen gesichert und will sie demnächst komplett dem Parlamentsgremium übergeben. Zitiert wurden aber einige schon am Montag. In einer Nachricht schrieb Florian H.: Er sei am Ende seiner Energie und wisse nicht mehr weiter. Es deutet auf tiefe Resignation hin.

Eine andere Freundin von Florian H. war kurz nach ihrer Aussage vor dem Untersuchungsausschuss überraschend gestorben. Eine erste Obduktion hatte zum Ergebnis: Lungenembolie als Folge eines leichten Motorradunfalls. Das Ergebnis weiterer Untersuchungen nach Spuren von Gift steht noch aus.

© Süddeutsche.de/dayk
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