Zentralrat der Juden:Das Ende eines Tabus

Publizist Henryk M. Broder will Zentralrats-Präsident werden. Wie manche lustige Idee hat auch diese einen ernsten Hintergrund: Der Zentralrat der Juden ist in schlechter Verfassung.

M. Drobinski

Wenn der Publizist Henryk M. Broder schreibt, geht es immer munter zu. Mal beschimpft er die Deutschen, die vor den Muslimen einknicken, dann nennt er den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele einen "linken Antisemiten", jetzt hat er sich den Zentralrat der Juden vorgenommen. Die Vertretung der Juden in Deutschland sei in einem "erbärmlichen Zustand", Präsidentin Charlotte Knobloch überfordert, ihre Stellvertreter belauerten sich gegenseitig.

Zentralrat der Juden: Findet, der Zentralrat der Juden sei in einem "erbärmlichen Zustand": Publizist Henryk M. Broder.

Findet, der Zentralrat der Juden sei in einem "erbärmlichen Zustand": Publizist Henryk M. Broder.

(Foto: Foto: dpa)

Der Zentralrat trete als "Reue-Entgegennahme-Instanz" auf und betreibe Beschäftigungstherapie. Die Lösung: Broder bewirbt sich als Zentralrats-Präsident. Er wolle ein Ende dieses "kleinkarierten Größenwahns", die Aufhebung der Holocaustleugnung als Straftatbestand, gute Beziehungen "zu den in Deutschland lebenden Moslems" (da hat er was zu tun) und "für eine säkulare Gesellschaft eintreten". Na dann: Broder for President!

Wie so manche lustige Idee hat auch Broders Selbstbewerbung wenig Aussicht auf Erfolg, aber einen ernsten Hintergrund. Dem Zentralrat der Juden geht es nicht gut. Treten seine Vertreter öffentlich auf, wird es manchmal peinlich. Im Januar brach die Zentralrats-Präsidentin aus Verärgerung über die Aufwertung der antijüdischen Piusbrüder durch Papst Benedikt XVI. den Dialog mit "der katholischen Kirche" ab, ohne recht sagen zu können, wen sie damit meinte.

Innere Verunsicherung und Hilflosigkeit

Und jetzt, im Herbst, stellte ihr Generalsekretär Stephan Kramer den Stammtischplauderer von der Bundesbank, Thilo Sarrazin, in eine Reihe mit Göring, Goebbels und Hitler - um sich bald darauf demütig zu entschuldigen. Jedesmal kommt die eine, entscheidende Schraubendrehung zu viel, das Gewinde knackt und bricht, und alles ist kaputt.

Es sind äußere Zeichen innerer Verunsicherung und Hilflosigkeit. Das Judentum in Deutschland steckt mitten im Generationen- und Mentalitätenwechsel. Es stirbt die Generation der Holocaust-Überlebenden; die kleine Schar ihrer Nachkommen, die für das Nachkriegsjudentum in Deutschland steht, mit all seinen Ängsten und Verletzungen, geht unter in der Mehrheit der Zuwanderer aus Osteuropa.

Das Judentum, das die Geschichte der Bundesrepublik mitgeprägt hat, wird es bald nicht mehr geben, ein neues wird wachsen, von dem noch niemand weiß, wie es aussehen wird. Damit wird aber auch der meist unausgesprochene Konsens zwischen Mehrheit und jüdischer Minderheit brüchig.

Der ging so: Wenn Juden etwas zur Vergangenheit, zum Rechtsextremismus, zur politischen Kultur sagen, ist das besonders gewichtig. Sie sind moralische Instanz und Gewissen des Landes. Wenn ein Journalist ein knackiges Zitat gegen Neonazis brauchte, rief er beim Zentralrat an - und bekam das Gewünschte. Umgekehrt redete er nur mit gesenkter Stimme über die jüdische Community, die er kaum kannte.

Das Verhältnis der meisten Deutschen zu den Juden war nicht Nächsten-, sondern Fernstenliebe auf der Basis der Befangenheit.

Nach außen hin lebte der Zentralrat, lebten die Gemeinden recht gut mit diesen Ritualen, vor allem, als sie tatsächlich einen weithin verbreiteten Antisemitismus politisch kleinhalten halfen. Auch Henryk M. Broder, der lustvolle Störer des Friedens, lebte und lebt übrigens gut von diesen Ritualen.

Nach innen aber war das Leben der kleinen Gemeinschaft mit nur wenigen Dutzend wirklich politik- und diskursfähigen Mitgliedern als moralische Instanz fürchterlich überfordert. Der Zentralrats-Präsident Ignatz Bubis überdeckte das großartig und um den Preis der Selbstzerstörung, sein Nachfolger Paul Spiegel schaffte es noch mit Mühe, Charlotte Knobloch gelingt es kaum noch. Dies nicht nur, weil sie keine so guten Pressemitteilungen schreiben kann wie Bubis. Für sie, die Überlebende, ist der ritualisierte Konsens eine Lebensversicherung.

Je weniger er funktioniert, desto mehr nehmen bei Juden aus ihrer Generation die Verunsicherungen zu: Was mag hinter der Kritik vieler Deutscher am Vorgehen der israelischen Armee in Gaza und im Libanon wirklich stecken? Was treibt Papst Benedikt, was Thilo Sarrazin? Und der vermeintliche Verrat der sicher geglaubten Freunde schmerzt mehr als der Hass der altbekannten Feinde.

Tabus und Rituale können aber hohl werden

Tabus und Rituale haben ihren Sinn. Nur so ist es zu rechtfertigen, dass die Leugnung des Holocausts in Deutschland unter Strafe steht. Tabus und Rituale können aber hohl werden. Die jüdische Minderheit sollte sich von der Last befreien, moralische Instanz der Mehrheit zu sein; die Mehrheit sollte ihr diese Last abnehmen. Es ist ja ihre Sache, dass in Deutschland Rassisten und Antisemiten bekämpft, Demokratie und Menschenrechte geachtet werden.

Dann könnte der Zentralrat völlig unbefangen Henryk M. Broder zum Vorsitzenden wählen, der dann seine Kolumne "Schmock der Woche" auf die Zentralrats-Homepage stellen dürfte.

Und wenn der Streitbare müde wird oder man des Streitbaren müde ist - vielleicht als Nachfolgerin eine junge Frau, deren Eltern aus Russland kamen, und die für das neue jüdische Leben in Deutschland steht: mit seinen guten und schlechten Seiten, seinen frommen und weniger frommen Menschen - Menschen, auf die Jahwe mal stolz ist und über die er manchmal nur lachen kann.

© SZ vom 23.10.2009/dmo
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