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Zentralamerika:Manche verlassen die Familie, um Verbrecher zu werden

Einige Menschenrechtsgruppen und Kirchenorganisationen halten tapfer die Stellung und versuchen, unter erschwerten Bedingungen so etwas wie Präventionspolitik zu betreiben. Sie bringen traumatisierte Kinder und Familien aus der unmittelbaren Gefahrenzone, sie vermitteln Anwälte und Psychologen. Aber zu vielen Jugendlichen haben auch sie keinen Zugang. Zwangsrekrutiert werde oft schon im Grundschulalter, sagt der Caritas-Mitarbeiter Carlos Paz. Er hatte schon mit achtjährigen Mareros zu tun. Ihre Anführer sind oft deutlich älter, manchmal Mitte dreißig. In der Bandensprache werden sie "los abuelos" genannt, die Opas.

Manche verlassen die Familie, um Verbrecher zu werden. Andere sind schon in zweiter oder dritter Generation dabei und werden von ihren eigenen Eltern indoktriniert. Paz sagt: "Es gibt Fälle, da kümmert sich der Vater um den Initiationsritus." Wer ein Marero werden will, muss sich in der Regel von anderen Bandenmitgliedern zusammenschlagen lassen. Es kann aber auch sein, dass ihm ein Überfall, eine Vergewaltigung oder ein Mord aufgetragen wird. Als Mutprobe. Wer sich dem verweigert, spielt selbst mit dem Leben.

Kinder leben besonders gefährlich

Carlos Paz lebt in der honduranischen Stadt San Pedro Sula, die als eine der gefährlichsten der Welt gilt. Er erzählt: "Hier hat es allein im Advent drei Massaker mit mindestens 30 Toten gegeben." Kinder leben auch deshalb besonders gefährlich, weil sie oft das geforderte Schutzgeld nicht bezahlen können. Dabei geht es manchmal um Cent-Beträge. Die New York Times berichtete im vergangenen Jahr über einen Siebenjährigen aus San Pedro Sula, der mit Stöcken und Steinen erschlagen wurde.

Paz sagt, viele Kinder und Jugendliche Mittelamerikas hätten nur eine Wahl im Leben: "mara o muerte", Bandenkrieger oder Tod. Der einzige Ausweg aus diesem Wahnsinn ist die Flucht. Sie versuchen es über Tausende Kilometer auf dem Landweg in die Vereinigten Staaten. In den vergangenen zwei Jahren haben US-Behörden an der Grenze zu Mexiko rund 80 000 Minderjährige aus Mittelamerika aufgegriffen, die ohne Begleitung ihrer Eltern unterwegs waren. Die Zahlen sind zwar erst leicht zurückgegangen, was wohl vor allem daran lag, dass an der Südgrenze Mexikos strenger kontrolliert wurde. Zwischen Oktober 2014 und April 2015 wurden dort 92 000 Migranten aus Mittelamerika festgenommen. In den Wintermonaten aber griffen US-Grenzschützer wieder doppelt so viele Jugendliche auf wie ein Jahr zuvor.

Viele der "Mara"-Gruppen sind als Streetgangs in US-Latino-Vierteln entstanden

Auch wenn die Realität anders aussieht: Offiziell gibt es in El Salvador, Honduras und Guatemala keine Bürgerkriege mehr. Deshalb werden die jungen Latinos in den USA auch nicht als Kriegsflüchtlinge, sondern als Wirtschaftsmigranten eingestuft und in der Regel zügig abgeschoben. Manche sagen: zurück in den Tod.

Dabei hätte die Migranten-Nation USA nicht nur humanitäre, sondern auch historische Gründe, sich ernsthaft um den Flüchtlingsstrom aus Zentralamerika zu kümmern. Die Namen der großen Mara-Gruppen zeugen von ihren Anfängen als Streetgangs in US-amerikanischen Latino-Vierteln. Die Mara 18 ist nach der 18. Straße im Stadtteil Rampart von Los Angeles benannt. Dorthin sind viele Mittelamerikaner vor den Bürgerkriegen der Achtzigerjahre geflohen. Kriege, die auch von ehemaligen US-Präsidenten im Namen der freien Marktwirtschaft angeheizt wurden. Seit Mitte der Neunziger wies Kalifornien Tausende junge, straffällige Latinos in ihre brüchig befriedeten und verarmten Heimatländer aus. Von einer Perspektivlosigkeit in die nächste. Auf diesem Nährboden wuchsen die Maras zu Massenbewegungen. Die Kriegswaisen und Straßenkinder sind ein nie versiegender Nachschub.

Nun werden also Menschen zurückgeschickt, die vor Menschen fliehen, die auch schon einmal geflohen sind und zurückgeschickt wurden. Man kann deshalb mit Experten wie Martínez d'Aubisson davon ausgehen, dass noch Jahrzehnte vergehen werden, bis es in einem Land wie El Salvador wieder gute Nachrichten gibt, die auch tatsächlich welche sind. Denn die Gewaltwelle speist sich aus sich selbst.

© SZ vom 30.12.2015
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