Zeitgeschichte "Überrascht, wie marginal der Effekt von Hitlers Wahlauftritten war"

Adolf Hitler macht im April 1932 Wahlkampf im Berliner Lustgarten. Links hinter ihm steht der Berliner Gauleiter Joseph Goebbels.

(Foto: SZ)
  • Eine Studie zu Adolf Hitlers Wahlreden während der Weimarer Republik kommt zu einem unerwarteten Ergebnis.
  • "Wir sind überrascht, wie marginal der Effekt von Hitlers Wahlauftritten war", sagen die Forscher.
  • Ihnen ist allerdings wichtig zu betonen, dass sie keinerlei Schlüsse über die generelle Effektivität der Nazipropaganda ziehen wollen.
Von Robert Probst

Joseph Goebbels war überzeugt, dass die NSDAP "in erster Linie durch ihre Redner zum Siege geführt worden ist". Damit meinte der Propagandachef nach der Machtübernahme 1933 nicht zuletzt sich selbst, aber in erster Linie den Parteivorsitzenden und "Führer" Adolf Hitler. Dieser hatte ja einst als Bierkellerredner begonnen und schon 1924 in seinem Buch "Mein Kampf" von der "Zauberkraft des gesprochenen Wortes" fabuliert. Hitler und seine Kampfgenossen hatten es dann auch geschafft, die NSDAP innerhalb von neun Jahren von einer kleinen Splitterpartei zur größten Parlamentsfraktion im Reichstag werden zu lassen.

Doch wie war ihm das gelungen? Die Antwort auf diese Frage füllt ganze Bibliotheken, Aufmerksamkeit erfährt in dieser Sache nur noch, wer mit spektakulären Thesen aufwartet. Diese Woche war es mal wieder so weit: "Hitlers Wahlkampfauftritte hatten nur geringen Einfluss auf die Wahlerfolge der Nazis."

Peter Selb, Professor für Umfrageforschung an der Uni Konstanz, und Simon Munzert, Spezialist für öffentliche Meinung an der Hertie School of Governance in Berlin, haben eine ungewöhnlich umfangreiche Datenanalyse vorgenommen und kamen zu diesem auf den ersten Blick erstaunlichen Ergebnis. Ihr Aufsatz erscheint in Kürze in der Zeitschrift American Political Science Review.

Nach dem gescheiterten Putsch in München 1923 und seinem Gefängnisaufenthalt hatte Hitler ja seine Taktik geändert. Sein Ziel war nun: die Parlamente von innen heraus zu zerstören. Dazu musste man aber erst mal in die Parlamente hinein. Das war am Anfang schwierig, denn Hitler war bis mindestens Ende 1927 von einem fast reichsweit geltenden Redeverbot belegt, und seine Partei war schwach, zerstritten und von Finanzsorgen gebeutelt. Bei der Reichstagswahl 1928 gab es magere 2,6 Prozent und zwölf Mandate, im November 1932 satte 33,1 Prozent und die größte Reichstagsfraktion mit 196 Abgeordneten. Zwei Monate später war Hitler Reichskanzler.

Die Gründe für den Erfolg der NSDAP sind vielfältig: die Verbitterung über die Niederlage im Weltkrieg, die starke Ablehnung demokratischer Prinzipien in breiten Bevölkerungsschichten, der scharfe, oft blutige Kampf zwischen Linken und Rechten, später die Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit vieler Deutscher - und die rhetorischen Verführungskünste des "Führers", der einfache Lösungen für komplexe Probleme bot.

Die Analyse stützt sich auf Daten - eine Einordnung in die Weimarer Zeit fehlt jedoch

Munzert und Selb haben sich nun Hitlers 455 öffentliche Reichstagswahlkampfauftritte näher angesehen und die Wahlstatistiken in 1000 Landkreisen und 3864 Kommunen des Deutschen Reichs verglichen. Geschätzt hatte er bei diesen Auftritten etwa 4,5 Millionen Zuhörer. Verglichen wurden nun die Entwicklungen der Wahlergebnisse für die Regionen, in denen Hitler auftrat, mit statistisch möglichst ähnlichen Regionen, in denen er vor der nächsten Wahl nicht auftrat. Zu den offiziellen Statistiken haben die Forscher noch zahllose weitere Daten herangezogen: Orte, Zeitpunkte, Besucherzahlen, NSDAP-Mitgliedsstatistiken auf Landkreisebene und zum Beispiel auch Goebbels-Reden. Gearbeitet wurde mit Geodaten und Google-Maps.

"Wenn Hitler also ein effektiver Redner gewesen wäre, würde man relativ größere Stimmenzuwächse (oder geringere Verluste) der NSDAP in Kreisen in der Nähe eines Auftritts erwarten als anderswo", erklärt Munzert. Solche Erkenntnisse haben die Forscher aber nicht gefunden. "Wir sind überrascht, wie marginal der Effekt von Hitlers Wahlauftritten war", sagen die beiden Forscher. Dabei ist ihnen wichtig zu betonen, dass sie keinerlei Schlüsse über die generelle Effektivität der Nazipropaganda ziehen wollen. Denn die gab es ohne Zweifel, zumal Hitlers Auftritte ja nicht nur die Massen bewegen, sondern auch die Parteigenossen belohnen und disziplinieren sollten.

Dass Hitler als Redner in der Weimarer Zeit nicht zu vergleichen ist mit den großen Verführungserfolgen des Diktators nach 1933 und der PR-Maschine des NS-Staates, wird ebenfalls betont. Dass hier nur mit Zahlen und Daten gearbeitet wird und jegliche Einordnung in die Weimarer Zeit fehlt, macht die Einschätzung jedoch nicht einfacher. Und ob der Aufsatz als "schlechte Nachricht für populistische Maulhelden von heute" gelten muss, wie es bei der Hertie School hieß, darf bezweifelt werden. Hitler hat jedenfalls oft genug "die Brandfackel des unter die Masse geschleuderten Wortes" entfacht.

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