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Zehn Jahre nach 9/11:Die dunkle Seite der Religion

Die Anschläge vom 11. September haben den Islam in den Mittelpunkt der westlichen Aufmerksamkeit gerückt: Plötzlich war er sichtbar, mit seinen strengen Regeln und der Vermischung von Glauben und Politik. Die Religion kehrte zurück in die Konflikte der Welt. Den Graben zwischen Christen und Muslimen hat der Terror zwar vertieft. Doch der Dialog ist seither ehrlicher.

Ausgerechnet die Reisetasche entging am 11. September 2001 dem Inferno. Gefunden wurde sie im Bostoner Logan Airport, aufgegeben hatte sie Mohammed Atta, jener Mann, der die Boeing 757 des American-Airlines-Fluges 11 um 8:46 Uhr in den Nordturm des World Trade Centers in New York steuerte. Durch Zufall war sie nicht in der Todesmaschine. In dieser Tasche fand man ein schreibmaschinengeschriebenes Testament.

Activists Hold Anti-War Rally In New York

Eine junge Demonstrantin fordert bei Protesten in New York im April 2011 Toleranz für alle Religionen.

(Foto: AFP)

"Ich glaube, dass Mohammed Gottes Gesandter ist, und habe nicht den geringsten Zweifel, dass die Zeit kommen wird, da Gott alle Menschen aus ihren Gräbern wiederauferstehen lässt", hat der junge Mann im Jahr 1996 geschrieben. Frauen sollten seiner Beerdigung fernbleiben; der Mann, der seinen Leichnam wäscht, soll Handschuhe tragen, damit er die Genitalien des Toten nicht berührt.

Mohammed Atta hielt sich für einen guten und frommen Muslim. Er dürfte in der Überzeugung gestorben sein, dass es nichts Höheres für einen Gläubigen gibt, als im Namen Gottes sein Leben zu geben - und im Namen Gottes auch Menschen zu töten, die durch ihre Lebensweise den Allmächtigen lästern. Der Terror und der Suizid waren für ihn die wahre Form des Gottesdienstes. Nach all den Kriegen und Hinrichtungen und Folterungen, die im Namen Gottes geschehen waren, nahm das Abgründige des Religiösen an jenem Dienstag im September seine jüngste, modernste Gestalt an.

Man kann mit gutem Grund sagen, dass Terror nie im Namen Gottes geschieht und jeden Gott lästert, dem zu dienen er vorgibt. Egal, ob nun Atta eine Boeing in ein Hochhaus lenkt oder der Norweger Anders Behring Breivik auf einer Insel junge Menschen erschießt, weil er sich als Retter des Christentums wähnt. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist auch, dass der eine Gott, an den Juden, Christen, Muslime glauben, zwar die Menschen zu größter Menschlichkeit bringen kann, in seiner Eifersucht auf die fremden Götter aber auch zu größter Grausamkeit.

Ein bekannter Abgrund

Am 11. September offenbarte sich die grausame, gewalttätige, unheimliche Seite der Religion, zum Entsetzen der Europäer und Nordamerikaner. Doch in den islamisch geprägten Teilen der Welt war dieser Abgrund der Religion nur allzu bekannt. Bis heute sind mehr Muslime durch den Terror von Muslimen gestorben als Christen, was in der Logik religiös motivierter Gewalt liegt: Der Verräter des eigenen Glaubens ist noch schlimmer als der Feind von außen.

Die Anschläge vom 11. September haben die Religion in den Fokus der Aufmerksamkeit im Westen gerückt, in einem scheinbar säkularisierten Westen. Das Christentum war dort gezähmt durch die Aufklärung. Es war Lebenshilfe für den Einzelnen und soziale Schmiere für die Gemeinschaft geworden; wer anders oder gar nicht glaubte, brauchte nicht mehr den Zorn irgendwelcher Kirchenoberen zu fürchten.

Und da war er auf einmal, der Islam. Bislang war er im Westen eine Angelegenheit der Wissenschaftler und Orient-Reisenden gewesen, der kirchlichen Dialog- und der kommunalen Integrationsbeauftragten. Er hatte sich in den Hinterhöfen Europas versteckt und in den Städten Amerikas, war von den dortigen Mehrheiten als Hintergrund der allgemeinen Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft der Araber, Nordafrikaner und des Nahen Ostens wahrgenommen worden.

Plötzlich war er sichtbar, grell beleuchtet vom Feuerschein der explodierenden Flugzeuge - mit seinen strengen Regeln und der Vermischung von Religion und Politik. Mit den kriegerischen Passagen im Koran und dem mittelalterlichen Rechtssystem der Scharia, der theologischen Starre, der Ideologie der islamischen Weltgemeinschaft, vereint im Hass auf den Westen. Zwölf Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts schien der Westen, schienen Freiheit, Demokratie und Pluralismus erneut bedroht. Der Nahostkonflikt, die Nord-Süd-Auseinandersetzungen wurden zu Auseinandersetzungen mit dem Islam, aus der Integrations- die Islamdebatte. Die Religion war zurückgekehrt in die Konflikte der Welt.

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