Xavier Naidoo im Interview "Ich bin maßlos enttäuscht von Merkel"

Sänger Xavier Naidoo kritisiert die Kanzlerin, erinnert sich an Partys in der DDR zur Wendezeit und erzählt von erlittenem Rassismus in seiner Kindheit.

Interview: Oliver Das Gupta

sueddeutsche.de: Südafrika, Indien, Irland: Herr Naidoo, Ihre Ahnen kommen aus der ganzen Welt, Sie sehen sich vor allem als Mannheimer Bürger. Wie kam es dazu?

Xavier Naidoo: Meine Familie geht wohl als ein Beispiel gelungener Integration durch. Ich bin ja in Mannheim geboren und in einem Vorort namens Wallstadt aufgewachsen. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass unsere Familie keine Außenseiterrolle spielte. Bei uns lief viel über die Kirche: Meine Eltern sind beide katholische Südafrikaner, meine Mutter engagierte sich im Kirchenchor, mein Vater ging zum Männergesangsverein, dem ich dann mit 14 auch beigetreten bin - und schon war man mittendrin statt nur dabei. (lacht)

sueddeutsche.de: Sie betonen immer wieder, ein Schwarzer zu sein - warum?

Naidoo: Solange es diese Unterteilungen gibt, solange sich Weiße Weiße nennen, nenn ich mich Schwarzer. Schon als Kind habe ich bei Besuchen in Südafrika gemerkt, wie deutlich zwischen Hautfarben unterschieden wird.

sueddeutsche.de: Wurden Sie in Deutschland diskriminiert?

Naidoo: Bis zu einer gewissen Zeit habe ich einiges ertragen müssen. Als Kind war das manchmal schon schlimm.

sueddeutsche.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Naidoo: Na, da gab es die Bezeichnung LENOR, eigentlich der Name eines Waschmittels, in meinem Fall aber die Abkürzung für "LeibEigener Neger Ohne Rechte". Manchmal musste ich zu den Großen kommen, die haben mir dann in die Hand oder auf den Kopf gespuckt.

sueddeutsche.de: Haben Sie sich gewehrt?

Naidoo: Später schon, aber erstmal nicht, vieles habe ich geschluckt. Auf dem Heimweg habe ich 'ne Träne verdrückt. Ich hatte da kein Mittel dagegen, bei meiner Mutter wollte ich nicht petzen. Sie hätte sich nur aufgeregt und wäre dann zu den Leuten hin - für mich war das eine sehr unangenehme Vorstellung.

sueddeutsche.de: Heute sind Sie ein Star. Wie ist es, wenn Sie den Leuten begegnen, die Sie damals schikanierten?

Naidoo: Ich habe einen Mann wiedergesehen, der früher abfällig mit mir geredet hatte. Das kam sofort wieder hoch: Der Typ hat eine Tochter, die so alt ist wie du, und nannte dich "Bimbo", vor allen anderen Kindern! Aber dann bemerkte ich, wie gebrechlich und krank er ist, er hat ein Alkoholproblem. Da muss man sich dann auch nicht mehr rächen.

sueddeutsche.de: Nach ähnlichen Erfahrungen wenden sich viele Menschen mit Migrationshintergrund von Deutschland ab - bei Ihnen ist das anders: Sie sind Mannheimer Lokalpatriot und singen auf Ihrem neuen Album: "Deutschland ist ein Land der Ehre." Wie entstanden bei Ihnen solch starke Gefühle?

Naidoo: Für mich war die Sprache der Schlüssel. Deutsch begeistert mich: Diese Tiefe, dieser Reichtum, diese Deutlichkeit. Bildlich gesprochen: Ich knie nieder vor dieser Sprache. Sie ist ein Geschenk. Und das dazugehörige Land kann ja so schlecht nicht sein, im Gegenteil: Deutschland ist schön. Ich habe es lieben und schätzen gelernt. Sehen Sie sich andere Länder an: Da liegt einiges mehr im Argen.

sueddeutsche.de: Doch in keinem anderen Land hat der extreme Nationalismus, haben Rassismus und Menschenhass solch furchtbare Folgen gehabt wie hier.

Naidoo: Das bestreitet ja auch niemand. Aber Deutschland hat seine schlimmen Zeiten hinter sich. Es ist falsch, wenn andere mit dem Finger auf unser Land zeigen und von den "bösen Deutschen" sprechen. Was den Umgang mit Menschen angeht, die ihre Wurzeln im Ausland haben, ist unsere Gesellschaft inzwischen weitgehend offen. Länder wie Großbritannien, Südafrika und die USA habe ich teilweise wesentlich rassistischer, viel verschlossener und ghettoisierter erlebt. Die Diskriminierung, die ich als Kind erfahren habe, war im Vergleich dazu weit weniger schlimm.

sueddeutsche.de: Waren es diese Erfahrungen, die Sie zu einem politischen Menschen gemacht haben?

Naidoo: Nicht nur das. Seitdem ich denken kann, interessiere ich mich für Politik, ich bin da durch meine Eltern geprägt. Zuhause guckten wir immer das "Auslands-Journal", die "Tagesthemen" und andere politische Sendungen. Jeden Abend saß ich vor den Fernsehnachrichten und ich habe sie gerne gesehen. Eigentlich hatten wir immer die Hoffnung, etwas über Südafrika zu erfahren, doch auf diese Weise bekam ich auch von allen möglichen anderen politischen Themen was mit.