Bundespräsidentenwahl: Denkfabrik in Bellevue:Wulff will kluge Köpfe um sich scharen

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Er orientiert sich an Friedrich dem Großen: Wenn Christian Wulff Bundespräsident wird, sollen die Türen in Bellevue für "kluge Köpfe" offenstehen. Auch der Rat seines Konkurrenten Joachim Gauck ist dem möglichen Schlossherren dann willkommen.

Was macht ein Bundespräsidentschaftskandidat, wenn er weiß, dass er zwar vermutlich als Sieger aus der Wahl in der Bundesversammlung herausgehen wird - die breite Bevölkerung aber lieber einen anderen im höchsten deutschen Amt sähe? Christian Wulff (CDU) hofft wohl Sympathien zu gewinnen, indem er seinen Konkurrenten Joachim Gauck bei einem möglichen Sieg zumindest als Berater im Schloss Bellevue willkommen heißen will.

Christian Wulff, ddp

Macht sich jetzt schon Gedanken über eine mögliche Amtszeit als Bundespräsident: Christian Wulff (CDU) will Schloss Bellevue zu einer "Denkfabrik" machen, sollte er dort einziehen.

(Foto: ddp)

Der Kandidat der schwarz-gelben Koalition und amtierende Ministerpräsident von Niedersachsen kündigte an, im Falle eines Wahlerfolgs den herrschaftlichen Amtssitz direkt am Spreeufer zu einer Denkfabrik auszubauen - und in diesem Zusammenhang möglicherweise auf Gaucks Kompetenzen zurückgreifen zu wollen.

Auf den Rat von klugen Leuten angewiesen

"Im neuen Amt wird es um Anstöße zu großen Fragen unserer Zeit gehen: wie die Bewältigung der demografischen Entwicklung, die Verhinderung einer Überforderung der jungen Generation sowie die Integration von Migranten", sagte er der Bild am Sonntag. "Wissenschaftler, Politiker, Künstler, kluge Köpfe könnten dabei helfen, Anregungen zu geben, unser Land modern und zukunftsfest zu machen."

Der CDU-Politiker sieht die Erfüllung des Bundespräsidentenamts als Gemeinschaftsaufgabe: "Denken Sie an Friedrich den Großen und seinen Berater Voltaire. Goethe war Minister und von Humboldt preußischer Beamter - beide waren Staatsdiener", sagte Wulff. "Das Staatsoberhaupt wird ja nicht durch die Wahl zum Universalgenie, sondern ist auf den Rat von klugen Leuten angewiesen." Auch Gaucks Rat wolle er "selbstverständlich" einholen, betonte Wulff.

Wenige Tage vor der Wahl des Bundespräsidenten am kommenden Mittwoch scheint das Selbstbewusstsein des aussichtsreichsten Kandidaten leicht angekratzt: "Manchmal habe ich gewisse Zweifel, dass es im ersten Wahlgang glückt", sagte Wulff in Stuttgart. Er gehe aber davon aus, dass es dann in den drei Wahlgängen klappe. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich es schaffe", schob er um Optimismus bemüht nach.

Ähnlich gut sehen auch die Deutschen die Chancen des Niedersachsen bei der Bundespräsidentschaftswahl: Einer Emnid-Umfrage nach rechnen 50 Prozent der Befragten damit, dass die Bundesversammlung Wulff zum Nachfolger von Horst Köhler wählt, berichtet die Bild am Sonntag. 40 Prozent der Befragten erwarten einen Sieg von Joachim Gauck. Allerdings halten 42 Prozent der Befragten den Kandidaten von SPD und Grünen für den besseren Präsidenten, wie die Umfrage weiter ergab. Lediglich 36 Prozent würden Wulff bei einer Direktwahl ihre Stimme geben.

Sollte es denn tatsächlich etwas werden mit dem Einzug des CDU-Mannes ins Schloss Bellevue, stehen die Türen des Amtssitzes nicht nur großen Denkern offen: Wulff plant im Falle eines Sieges in der Bundesversammlung eine Spielecke für seinen zweijährigen Sohn Linus in seinem Amtszimmer in Berlin. Wulff sagte der Bild am Sonntag: "Mein kleiner Sohn ist häufig in meinem Amtszimmer in Hannover und hat dort eine Spielecke. Die würde er auch im Schloss Bellevue haben. Kinderlärm ist Zukunftsmusik, und wo Menschen arbeiten, muss auch Platz für Kinder sein."

"Jeder und jede ist völlig frei in seiner Entscheidung"

Eines bereitet dem niedersächsischen Ministerpräsidenten dann aber doch wirkliche Sorgen: "Ich habe meiner Frau zu Weihnachten Karten für U2 im August in Hannover geschenkt. Ich habe Karten für den Innenraum genommen, weil meine Frau nicht so gern auf der Tribüne sitzt. Ob das als Bundespräsident geht, weiß ich natürlich nicht genau", sagte der CDU-Politiker der Zeitung.

Mit Befürchtungen ganz anderer Art schlägt sich dagegen der SPD-Fraktionschef herum: Auf einem Landesparteitag der Sozialdemokraten in Hamburg forderte Frank-Walter-Steinmeier, Kungelei oder Parteiräson dürften nicht über die Wahl des Bundespräsidenten entscheiden. Alt-Bundespräsident Roman Herzog sagte dazu in einem Radiointerview, er glaube, dass sich keine Partei ein derartiges "Einpeitschen" erlauben könne. Auch Wulff betonte, es gehe bei der Präsidentenwahl nicht um das Schicksal von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Einen Fraktionszwang gebe es in der Bundesversammlung nicht. "Jeder und jede ist völlig frei in seiner Entscheidung."

Der Nachfolger des zurückgetretenen Horst Köhler wird am 30. Juni von der Bundesversammlung in geheimer Abstimmung gewählt. Das Gremium besteht aus den Mitgliedern des Bundestages und der gleichen Anzahl von Delegierten, die von den Landesparlamenten gewählt werden. Darunter sind auch bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, nicht nur Landtagsabgeordnete. Von den 1244 Wahlmännern und Wahlfrauen entfallen auf Schwarz-Gelb 644 Sitze - das sind 21 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit von 623 Stimmen. Kann ein Kandidat diese im ersten und zweiten Wahlgang nicht erringen, gibt es eine dritte Abstimmung. Hier reicht die einfache Mehrheit.

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