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Wolfgang Schäuble im Gespräch:"Halt, Geborgenheit und Gemeinschaft"

Wolfgang Schäuble spricht über seinen einfachen Glauben, eigene Begrenzungen, politische Kirche und Leute, die ihm leidtun.

Er hat manchmal mit seiner Kirche gehadert, aber nie mit seinem Gott - selbst damals nicht, als ein geistesgestörter Attentäter auf ihn schoss. CDU-Politiker Wolfgang Schäuble, bekennender evangelischer Christ, spricht über die Werte eines christlichen Elternhauses in der Provinz, über die Ökumene, die Krise des Katholizismus - und über Leute, die ihm leidtun, weil sie wegen der Kirchensteuer austreten.

Wolfgang Schäuble, Reuters

Der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble, geboren am 18. Dezember 1942, ist Bundesfinanzminister und seit seiner Jugend in der evangelischen Kirche aktiv.

(Foto: Foto: Reuters)

Süddeutsche Zeitung: Was suchen, was finden Sie in Ihrer evangelischen Kirche?

Wolfgang Schäuble: Halt, Geborgenheit und Gemeinschaft. Ich bin ein einfacher Mensch. Ich war nie besonders fromm, aber ich habe im Laufe meines Lebens mehr und mehr die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, wenn man Halt hat. Dietrich Bonhoeffer hat 1943 in seinem Glaubensbekenntnis gesagt: Man kriegt die Kraft, wenn man sie braucht. Das stimmt. Ansonsten versuche ich, mir meinen Konfirmandenglauben zu bewahren. Dann wird es nicht so kompliziert.

SZ: Beschreiben Sie diesen Konfirmandenglauben.

Schäuble: Ich glaube, dass wir nicht aus eigener Macht heraus leben. Das Alte wie das Neue Testament ist voll von fundamentalen Menschheitserfahrungen, Sie können sie als Finanzminister jeden Tag brauchen: den Tanz ums Goldene Kalb, den Turmbau zu Babel, die Maßlosigkeit der Menschen, die in ihrer Idiotie sich selbst zerstören.

SZ: Wobei in der Finanzkrise die babylonische Verwirrung nicht bei den Finanzjongleuren eintrat, sondern bei den Politikern.

Schäuble: Die Finanzgurus wussten auch nicht mehr, was sie tun sollten. Aber ja: Die Politik war auch nicht viel besser. Warum sollen wir klüger sein als alle anderen? Diese Demut gehört für mich zu einer christlichen Politik, sie ist Voraussetzung für die Demokratie. Jede Überhebung wird gefährlich.

SZ: Der Glaube bietet Sicherheit, Heimat, Nähe - aber er soll auch verunsichern, das allzu Vertraute aufbrechen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Schäuble: Heimat und Öffnung gehören zusammen. Der Mensch trägt beides in sich, er ist auch gut und böse zugleich, in ihm wohnt das Erhabene und die Niedertracht. Der christliche Glaube weiß davon. Er verdammt den Menschen nicht, er weiß aber von unseren Grenzen. Sie können sich mit dem Wesen des Lebens, dem Grund unserer Existenz nicht beschäftigen, ohne an eine Dimension zu kommen, die sich menschlichen Kategorien entzieht. Das ist die Religion.

SZ: Gehört für Sie zum Glauben die Kirche selbstverständlich dazu?

Schäuble: Ja, die Kirche ist für mich ein Teil der Heimat. Mein Heimatort ist Hornberg im Schwarzwald. Da lebte ich mit meinen Eltern und Brüdern, da habe ich Fußball und Tennis gespielt, da bin ich auch in die Kirche gegangen. Es ist die Stadt des Hornberger Schießens, der ersten Abrüstungsinitiative der Welt - wenn doch heute nur die Taliban Piffpaff! rufen würden, statt zu schießen!

SZ: Eine Provinz, die prägt.

Schäuble: Ja. Hornberg liegt in einem engen Schwarzwaldtal. Meine Mutter hatte jahrelang Beklemmungen, als sie dorthin zog. In den 50er Jahren war die Welt dort schon sehr klein. Deshalb habe ich nicht das Weltumgreifende, deshalb mag ich die kleinen Räume. Ich empfinde nicht das Tal beklemmend, sondern den Gedanken, ich müsste in Shanghai leben.

SZ: Das Heimattal, das ist Ihr Bild von Religion.

Schäuble: Die Nähe, der Zusammenhalt, das Vertrauen ineinander. Als ich jetzt im Krankenhaus war, sind meine Geschwister durch halb Deutschland gefahren, um mich zu besuchen. Da habe ich es sehr gut. Andere sind weltoffener, mobiler, sprechen viele Sprachen - ich aber habe, was mich hält.

SZ: Na ja, ein bisschen sind Sie schon in der Welt herumgekommen.

Schäuble: Ich bin nie gerne gereist.

SZ: Die Nähe wurde Ihnen nie zu eng?

Schäuble: Nein. Je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor meinen Eltern. Sie lebten in dieser wohlgeordneten und bürgerlichen Welt - aber ich habe mich nie unterdrückt gefühlt. Mein Vater war ein engagierter Christdemokrat, seine Söhne sind es auch. Wir haben oft darüber diskutiert, warum. Es gibt nur eine Erklärung: Weil er überhaupt nicht Einfluss auf uns genommen hat.

Im nächsten Abschnitt: Wolfgang Schäuble spricht über seinen Vater und darüber, was die Fälle sexueller Gewalt aus seiner Heimat Kirche machen.

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