bedeckt München

Soziale Ungleichheit:Arm bleibt arm, reich bleibt reich - stimmt das?

Außerdem hängt die Variation der Vermögensungleichheit stark von der Wohneigentumsquote ab: In Ländern, in denen viele Menschen Immobilien besitzen, ist die messbare Ungleichheit weniger hoch - und umgekehrt. In Deutschland liegt die Quote mit unter 50 Prozent international sehr niedrig, das Vermögen ist entsprechend geringer. Der Vorschlag, Immobilieneigentum gezielt zu fördern, verkennt die deutschen Erfahrungen und die Fehlwirkungen in den USA. Anders als in vielen anderen Ländern verfügt die Bundesrepublik über einen funktionierenden Mietwohnungsmarkt. Da bonitätsschwache Haushalte kein kreditfinanziertes Wohneigentum haben, sind diese relativ gut durch die Finanzkrise gekommen.

Den Schlüssel für die steigende Ungleichheit in Deutschland sieht der Autor in der geringen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mobilität: "Nirgendwo werden die persönlichen Entwicklungschancen so sehr von der Herkunft bestimmt. (. . .) Nirgendwo bleibt Arm so oft arm und Reich so oft reich." Wenn das stimmte, müsste Deutschland bei allen Mobilitätsvergleichen stets auf dem letzten Platz landen - was aber nicht der Fall ist. Sicher ist bei der Aufstiegsmobilität noch Luft nach oben, aber die Bewertung fällt auch hier zu drastisch aus; in Frankreich, Großbritannien oder der Schweiz beispielsweise hängen die Einkommen der Kinder deutlich stärker von den Einkommen der Eltern ab als bei uns. Nirgendwo ist jedenfalls falsch.

Marcel Fratzscher: Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird. Hanser-Verlag München 2016, 264 Seiten, 19,90 Euro. E-Book: 15,99 Euro

Skandalisierende Interpretationen selektiver Befunde

So ist das Buch geprägt durch skandalisierende Interpretationen selektiver Befunde. Dass in Deutschland das rechte Maß der Einkommensungleichheit überschritten sei und deshalb das Absenken der Ungleichheit das Wachstum erhöhen könne, wird mit Verweis auf die OECD begründet. Durch die wachsende Ungleichheit sei Deutschland 1990 bis 2010 sechs Prozentpunkte des BIP-Wachstums verlustig gegangen. Nicht zuletzt der Sachverständigenrat hat diese Studie mit ernüchterndem Resultat repliziert - warum diese Erkenntnisse nicht rezipiert wurden, bleibt rätselhaft.

In dieselbe Kategorie fällt die Behauptung, das Ausmaß materieller Entbehrung sei in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hoch. Den Beleg für diese Dramatik bleibt der Autor dem beunruhigten Leser schuldig, denn laut Daten von Eurostat erreicht die Bundesrepublik beim Maß der "materiellen Deprivation" Rang 7 von 28 - in drei Viertel der EU-Länder leben also mehr Menschen in absoluter Armut als hierzulande.

Bei der Flüchtlingsdebatte schließlich verkeilt sich der Autor in seiner Argumentation. Die wirtschaftlichen Folgen der Flüchtlingszuwanderung "werden vor allem von der Politik zu einem Verteilungskampf hochstilisiert", was die Bevölkerung verunsichere und "eine tiefe gesellschaftliche Spaltung des Landes mit enormer politischer Sprengkraft" herbeiführe. Das ist eine erstaunliche Aussage für ein Buch, das mit der Dramatisierung der Verteilungssituation Gefahr läuft, den Verteilungskampf zu befördern, den es im Titel propagiert.

Deutschland ist kein geteiltes Land, wie der Autor behauptet. Sowohl die Markt- als auch die Nettoeinkommen haben sich seit 2005 wieder angenähert. Genauso hat sich die Vermögensungleichheit seit 2002 nicht erhöht - was auch Daten des DIW zeigen. Ebenso sind die Sorgen um die allgemeine sowie die eigene wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahren fortlaufend gesunken, in West und Ost, und das sogar in den unteren Einkommensschichten. Ähnlich ist das Vertrauen in der deutschen Gesellschaft laut dem World Value Survey - anders als in vielen Ländern - angestiegen. So bleibt vor allem der Eindruck der Skandalisierung. Es lohnt den "Verteilungskampf" nicht, wohl aber eine tiefergehende Verteilungsanalyse.

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

© SZ vom 04.04.2016/pamu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema