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Wikileaks: Guantánamo-Geschacher:Der Häftlings-Basar

Weltweit standen die USA wegen des Gefangenenlagers Guantánamo in der Kritik. Obamas Ankündigung, die Anlage auf Kuba zu schließen, wurde bejubelt. Doch um die Insassen loszuwerden, mussten die Amerikaner um viel Geld und sogar Besuche ihres Präsidenten feilschen.

Das Internierungslager Guantánamo auf Kuba galt vielen in der Welt als Schandfleck der US-Politik unter George W. Bush. Dementsprechend wurde die Ankündigung Barack Obamas, das Lager innerhalb eines Jahres aufzulösen, begrüßt. Die Insassen, sogenannte illegale Kämpfer und Terrorverdächtige, wieder loszuwerden, war und ist für die Amerikaner indes extrem schwierig.

174 Menschen befinden sich noch immer im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba.

(Foto: ap)

Vor welchen Schwierigkeiten die USA standen und stehen, belegt nicht nur der Widerwille mancher deutscher Politiker gegen die Entscheidung, auch nur drei Ex-Häftlinge aufzunehmen. Frisch ist die Erinnerung noch daran, wie um die Aufnahme einiger Uiguren diskutiert wurde - mit dem Ergebnis, dass die Betroffenen schließlich von der Schweiz aufgenommen wurden.

Die von Wikileaks jetzt veröffentlichten Dokumente belegen, mit welchen Mitteln die Amerikaner schon fast verzweifelt versuchten, die überwiegend nicht mehr als gefährlich eingeschätzten Gefangenen im Ausland unterzubringen. Und zwar dort, wo sie ein neues Leben beginnen könnten - und zugleich von den Behörden weiter im Auge behalten würden.

Um die Aufnahmebereitschaft zu erhöhen, boten die USA verschiedene Leistungen an: Entwicklungshilfe, Einladungen ins Weiße Haus, oder gar ein Besuch des US-Präsidenten persönlich, wie Spiegel online und die New York Times berichten.

Und die Verhandlungspartner versuchten oft, zu schachern: Bulgarien etwa erklärte sich bereit, zwei Häftlinge aufzunehmen - wenn dafür die Visapflicht für bulgarische Touristen und Geschäftsleute aufgehoben würde. Anderen Ländern wurde die Aufnahme von Lager-Insassen mit 25.000 bis 85.000 Dollar pro Person für "Lebensunterhalt und andere Kosten" schmackhaft gemacht, wie ein Hinweis des Guantánamo-Sonderbeauftragten der US-Regierung, Daniel Fried, an die Malediven zeigt.

Häftlinge im Tausch gegen einen Obama-Händedruck

Sloweniens Außenminister Samuel Zbogar versuchte, seinem Ministerpräsidenten mit einem oder zwei Guantánamo-Insassen zugleich ein Treffen mit dem US-Präsidenten - inklusive Händedruck - einzuhandeln. Das, so geht aus den Dokumenten hervor, war nach Meinung der US-Außenamtsmitarbeiter "kaum realisierbar". Den Slowenen gegenüber war man allerdings nicht so ehrlich. Schließlich kam es weder zu einem Obama-Besuch noch zur Überstellung ehemaliger Häftlinge nach Slowenien.

Der Jemen, aus dem mehr als 100 Guantanamo-Häftlinge stammen, hatte angeboten, alle eigenen Bürger aus Guantánamo daheim ins Gefängnis zu sperren. Den jetzt veröffentlichten Papieren zufolge befürchteten die US-Diplomaten allerdings, dass Präsident Ali Abdullah Saleh "aufgrund öffentlichen Drucks - oder wegen der Gerichte - nicht in der Lage sein würde, sie länger im Gefängnis zu behalten als einige Wochen".

Saleh forderte von Washington für die Finanzierung eines Reha-Zentrums elf Millionen Dollar - und zeigte sich einem Bericht des US-Terrorexperten John Brennan zufolge mit den angebotenen anfänglichen 500.000 Dollar nicht zufrieden. Dem Inselstaat Kiribati boten die USA gleich drei Millionen Dollar für die Übernahme von 17 Häftlingen an, wie die New York Times schreibt.

Schwierigkeiten gab es auch mit Afghanistan, wohin die USA 41 afghanische Guantánamo-Häftlinge überstellt hatte, damit ihnen dort der Prozess gemacht würde. US-Diplomaten in Kabul beklagten sich anschließend darüber, dass 29 "gefährlichen Individuen erlaubt wurde, sich frei zu bewegen oder den Kampf wieder aufzunehmen, ohne jemals vor Gericht gestellt worden zu sein".

Wie real diese Gefahr ist, zeigen die Fälle eines ehemaligen Guantánamo-Insassen aus Saudi-Arabien, der im Jemen die Rolle eines Al-Qaida-Führers übernahm, und eines Kuwaitis, der sich nach der Freilassung 2008 im Irak in die Luft gesprengt hat. In Kuwait reagierte der Innenminister den US-Dokumenten zufolge mit dem Vorschlag, in Afghanistan gefangengenommene Männer dort einfach wieder abzusetzen - mitten in der Kriegszone. In der Hoffnung, dass sie möglichst bald im Kampf fallen würden.