Westerwelle gibt FDP-Vorsitz ab:Sammeln für die letzte Schlacht

Das Ende ist kurz, sehr kurz. Zwei Minuten benötigt Guido Westerwelle, um seinen Rückzug vom Amt des Parteivorsitzenden zu verkünden. Er tut dies mit fahlem Gesicht. Das - und seine knappe Erklärung - verraten einiges darüber, wie es zum Schluss gelaufen sein muss.

Daniel Brössler, Berlin

Das Ende ist kurz, sehr kurz. Zwei Minuten benötigt Guido Westerwelle, um seinen Rückzug vom Amt des Parteivorsitzenden zu verkünden. Eilig sind die Reporter der Hauptstadt in die FDP-Zentrale bestellt worden, um 13 Sätze zu hören, die einen Schlusspunkt setzen hinter zehn Jahre Westerwelles an der Spitze seiner Partei. Er werde sich, sagt er, auf dem Bundesparteitag im Mai nach zehn Jahren als Parteivorsitzender nicht erneut für das Amt bewerben. Westerwelle trägt einen dunklen Anzug und eine silbergraue Krawatte. Sein Gesicht wirkt fahl.

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Der Außenminister verlässt die Pressekonferenz: Nur 13 Sätze setzen den Schlusspunkt hinter zehn Jahre Westerwelle.

(Foto: AFP)

Das, aber auch seine knappe Erklärung, verrät einiges darüber, wie es zum Schluss gelaufen sein muss. Westerwelle sagt, er habe "heute eine Entscheidung getroffen, die ich mir gut und gründlich überlegt habe". Heute, das ist das entscheidende Wort. Westerwelle gibt zu verstehen, dass es kein lange vorbereiteter Schritt ist, den er tut. Er schildert das so: "Nachdem ich aus Asien, aus China und Japan zurückgekehrt bin, habe ich eine weitere Anzahl von Gesprächen, auch mit dem engeren Kreis der Parteiführung durchgeführt, aber auch darüber hinaus." Was Westerwelle zu hören bekam, ließ ihm keine Wahl.

Knapp 9000 Kilometer östlich, 29 Stunden zuvor, glaubt er wohl noch, dass es anders geht. Leicht neigt sich da der Kopf des Außenministers. Nur kurz, aber doch wahrnehmbar. Westerwelle verbeugt sich in Richtung der beiden Fahnen, der japanischen und der deutschen. Pressekonferenzen beginnen so in Japan.

Im tristen Konferenzraum des Tokioter Außenministeriums hängt zwischen den Fahnen eine Weltkarte. Auf ihr ist in der Mitte Japan zu sehen und Deutschland ziemlich weit am linken Rand. "Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass wir Deutschen Anteil nehmen an den Schicksalsschlägen unserer japanischen Freunde", sagt Westerwelle.

Von einem Besuch in China aus hat er einen Abstecher gemacht nach Japan, an den Ort einer Katastrophe, die auch zu seiner persönlichen geworden ist. Darüber sagt er nichts während der wenigen Stunden in Tokio, aber darum geht es. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat, davon ist Westerwelle überzeugt, die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz entschieden. Dass sie auch sein Schicksal als Parteichef besiegelt, will er zu diesem Zeitpunkt noch nicht glauben.

Dabei erreichen den Reisenden fast im Stundentakt Meldungen aus der Heimat, in denen mal verklausuliert von "personeller Neuaufstellung" die Rede ist und mal ganz offen von einem "Igitt-Faktor" namens Westerwelle. Ob er abtrete als FDP-Chef, wird Westerwelle vor der deutschen Botschaft gefragt. Das Gebäude ist ein schwarzer, solider Würfelbau, angeblich absolut erdbebensicher. "Ich werde bestimmt nicht auf einer Auslandsreise in Japan zur Parteipolitik in Deutschland Stellung beziehen. Das wäre unangebracht. Das werde ich auch nicht tun", antwortet er. Noch lautet seine Botschaft: Ich wanke nicht. Es mag erstaunen, dass der Außenminister drei Tage nach Asien reist, während zu Hause über seine Zukunft als Parteichef verhandelt wird. Er hätte die Reise aber nicht mehr ohne Aufsehen absagen, und er hätte wohl auch nichts verhindern können. Zudem nutzt Westerwelle in der Ferne die Pausen zum Nachdenken und zum Telefonieren, wenngleich er zumindest Letzteres angeblich nicht exzessiv betreibt. Westerwelle sammelt sich für eine Schlacht, die er zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nicht für entschieden hält.

Eine seiner Waffen soll die Gelassenheit sein. Den Parteifeinden in der Heimat würde, das weiß Westerwelle, jedes Anzeichen von Nervosität hinterbracht, jede Regung der Schwäche. Und so geht es in Tokio, selbstverständlich, stets nur um das Leben der Anderen. Eigentlich ist die deutsche Botschaft geschlossen. Bis zum Abklingen der Strahlengefahr sollen die Diplomaten ihren Dienst von Osaka aus verrichten. Ein paar sind nun aber eigens für den Minister wieder angereist. Mit ihrem Dienstherrn sitzen sie im Wartesaal der Visaabteilung vor Schalter eins und zwei. Westerwelle vernimmt, ganz Außenminister, ihre Ängste, Nöte und Anliegen.

Im Anschluss trifft er sich mit deutschen Wirtschaftsvertretern. "Die deutsche Wirtschaft sieht mit Sorge die ungewisse Situation hier", hört Westerwelle. Dann kommen die Klagen. "Warum haben Sie die Botschaft nach Osaka verlegt?", fragt einer, "was ist schlecht an Tokio?" Man sei, sagt ein Manager, "sehr verwundert" über die Berichterstattung der deutschen Medien. "Es würde uns allen gut tun, wenn dort etwas mehr Sachlichkeit herein gelangen könnte", verlangt er. Westerwelle weiß natürlich, was er auf so etwas zu antworten hat. "Ich bin in gar keiner Weise in der Lage", versichert er, "irgendjemandem zu sagen, wie er seine Berichte verfassen soll."

Heiter, konzentriert und angriffslustig

Höflich, zurückhaltend, auf japanische Weise eben, will Außenminister Takeaki Matsumoto von Westerwelle wissen, warum die Deutschen ihre Diplomaten, anders als andere Europäer, immer noch nicht zurückgeholt hätten nach Tokio. Und auch, warum die deutschen Medien alles so dramatisch schilderten. Während der Pressekonferenz belässt es Matsumoto dabei, eine "beherrschte Reaktion" des Auslandes anzumahnen. Als der Vize-Kanzler, Außenminister und FDP-Chef am Samstagabend den Airbus Theodor Heuss der Flugbereitschaft besteigt, hält er zumindest die Lage in seiner Partei vermutlich noch für beherrschbar. Es gebe noch "keine Entscheidung und keine Vorentscheidung" über seine Zukunft, lässt er "Vertraute" verbreiten. Offenkundig ist, dass Westerwelle Vizekanzler und Außenminister bleiben will. Weit weniger klar ist, dass er schon zu diesem Zeitpunkt bereit ist, auf das Amt des Parteichefs zu verzichten, wie in Deutschland das Wochenende über verbreitet wird. Es sieht nicht so aus, als seien die Botschaften aus der Ferne wirklich angekommen.

Auf dem Rückflug hat Westerwelle viel Zeit, seine Pläne durchzugehen. Zu hören ist, ganz oben stehe die stabile Regierung, gefolgt vom Funktionieren der Koalition, das nicht beeinträchtigt werden dürfe und zu guter Letzt die Frage: Was ist das Beste für die Partei? Auf dem langen Weg nach Berlin spricht noch einiges dafür, dass Westerwelles Antwort anders ausfallen könnte als die jener, die sich zuletzt zu Wort gemeldet haben aus der FDP. Westerwelle hat ein Nervenkostüm angelegt, das am ehesten als heiter, konzentriert und angriffslustig beschrieben werden kann. Er wirkt, als sei er gespannt, ob wirklich jemand wie Philipp Rösler den Angriff wagt.

Am Sonntag, kurz vor sechs Uhr, landet die Theodor Heuss auf dem Flughafen Berlin-Tegel. Auf dem Rollfeld wartet die Limousine des Ministers. Die letzte Runde des Kampfes beginnt. Sie dauert zwölf Stunden. Er sei "sicher, dass es die richtige Entscheidung ist", sagt Westerwelle ganz zum Schluss, "jetzt auch für einen Generationswechsel in der FDP" zu sorgen.

© SZ vom 04.04.2011/bön
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