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Werkstatt Demokratie:Was wir aus der Krise mitnehmen sollten

Die Corona-Krise stellt die Gesellschaft auf die Probe.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Die Corona-Krise ist ein großes Unglück und keine "Chance". Trotzdem muss sich die Gesellschaft fragen, was sie in den vergangenen Monaten gelernt hat. Die Antwort hat mit der Macht des Staates zu tun, mit Empathie - und damit, wie wir über all das reden und streiten.

Die einen haben die Wochen der Isolation dafür genutzt, sich einen Waschbrettbauch anzutrainieren. Die anderen haben erwartet, dass wir durch den Lockdown unsere Freiheiten viel mehr zu schätzen wissen. Wieder andere dozieren momentan, dass nach dem Ausbruch der Pest erst die Neuzeit begonnen habe. Diese Vorstellung davon, die Krise als Chance zu nutzen, aus ihr hervorzugehen wie Phönix aus der Asche: Es löst Unbehagen aus, kollektives und individuelles Leid so umzudeuten. Die Corona-Pandemie hat keinen tieferen Sinn, sondern ist hauptsächlich ein großes Unglück. Was man sich aber im Falle solcher Unglücke, Krisen, Naturkatastrophen, Kriege fragen kann oder sogar fragen muss: Wie vermeiden wir, dass sich das Unglück wiederholt? Oder wie können wir uns zumindest besser fürs nächste Mal wappnen?

Im Fall der Corona-Krise beantworten nicht nur medizinische Versorgung und Gesundheitssystem diese Fragen. Diese Krise betrifft nicht nur die Infizierten und Erkrankten und ihre Angehörigen. Sie hat alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Miteinanders getroffen. Und in all diesen Bereichen können wir etwas lernen. Die sehr kurze Antwort auf diese Fragen nach dem Gelernten: Solidarität. Die lange Antwort hat damit zu tun, wie stark der Staat eingreifen darf, wie wir den Stützen unserer Gesellschaft unsere Wertschätzung ausdrücken, wie wir empathisch handeln - und wie wir über all das reden und streiten.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Gemeinsinn statt Eigensinn" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Die freie Berufswahl und die Gewerbefreiheit, das Recht auf Freizügigkeit, die Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Kunstfreiheit und die allgemeine Handlungsfreiheit: Nie zuvor sind in der Bundesrepublik all diese Rechte in diesem Ausmaß eingeschränkt worden, betonen Juristen. Es ist eine sinnvolle und gesunde gesellschaftliche Reaktionen, derart drastische Maßnahmen kontrovers zu diskutieren. Und auch darüber zu sprechen, ob wissenschaftliche Experten oder gewählte Politiker das letzte Wort haben sollten - und welche Werte und Ziele vor anderen Vorrang haben sollten: Lebensschutz vor Freiheit? Schutz der älteren Generationen vor wirtschaftlichem Aufschwung? Weniger sinnvoll und bestimmt nicht gesund ist es, wenn diese Fragen die Gesellschaft spalten. Wenn es keine gemeinsame Realität mehr gibt, auf deren Basis man diskutieren kann. Wenn die einen mit Nazis zusammen demonstrieren gehen, während die anderen bei jeder Kritik an der Regierung die Augenbrauen hochziehen.

Der wirtschaftliche Einbruch hat uns bestehende sozial-ökonomische Probleme vor Augen geführt. In den vergangenen zwei Monaten haben Hunderttausende ihren Job verloren, Millionen Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit. Während sich Bessergestellte ins Home Office zurückziehen, stehen Menschen in schlechter entlohnten Berufen unter Druck und sind besonders vom Virus gefährdet. Insbesondere Angestellte in Care-Berufen kritisieren schon lange öffentlich ihre Arbeitsbedingungen. Jetzt applaudieren wir plötzlich ihnen, den Kassierern und den Paketbotinnen. Jetzt fällt uns auf, wer systemrelevant ist und dass ausgerechnet diese Menschen oft ausgebeutet werden. Oft sind sie Frauen - die zudem eher die nun anfallende Kinderbetreuung übernehmen und häufiger denn je Gewalt durch Partner ausgesetzt sind - und oft auch Menschen mit Migrationshintergrund. Zur plötzlichen Einsicht der vielen sozialen und ökonomischen Ungerechtigkeiten passt die Debatte um Rassismus, die sich an Polizeigewalt in den USA entzündet hat.

Es wird zwar Geld verteilt, aber es wird nicht umverteilt

Mit vielen, die unter der Situation leiden, hat der Staat versucht sich solidarisch zu zeigen und diese Solidarität sogar demonstrativ über die Schwarze Null gestellt. Für manche in der Pflege gibt es nun eine "Corona-Prämie" und höheren Mindestlohn. Kleinunternehmen und Solo-Selbstständigen greift der Staat unter die Arme. Das Konjunkturpaket sieht 130 Milliarden Euro zur Belebung der Wirtschaft vor, von denen etwa die Mehrwertsteuer gesenkt oder auch ein Kinderbonus gezahlt werden soll. Für die Maßnahmen gegen die Pandemie und gegen die wirtschaftlichen Folgen bekommt die Bundesregierung von vielen Bürgern gute Noten, wie Umfragen zeigen. Aber manche kritisieren auch, dass hier womöglich die Chance auf einen grundsätzlichen systemischen Wandel vertan wird. Ein großer Teil der Unterstützung geht ja doch an Unternehmen und nicht an Menschen. Und es wird zwar Geld verteilt, aber es wird nicht umverteilt. Wer vor der Krise reich war, muss um sein Vermögen nicht bangen. Wer vor der Krise arm war, wird von den staatlichen Maßnahmen bestenfalls über Wasser gehalten.

Ob sie nun übertrieben reagiert hat oder unzulänglich: Die Exekutive hatte in dieser Krise viel zu sagen und hat viel gesagt. Doch wie die Gesellschaft der Zukunft solidarisch sein und die nächste Krise meistern kann: Das sind Fragen, die nicht die Exekutive beantworten sollte. Nach Corona wird unsere Welt anders aussehen - wie wir sie gestalten wollen, muss gesellschaftlich ausdiskutiert und demokratisch entschieden werden.

Auch wir Bürger haben den etwas angestaubten Begriff der Solidarität wieder rausgekramt, der bei manchen von uns mit den alten Hannes-Wader-Platten und dem Gewerkschaftsausweis in einer Schublade lag und ähnlich selten genutzt wurde. Jedes Mitglied dieser Gesellschaft hat sich während der Pandemie zugunsten der Solidarität eingeschränkt. Zudem haben wohl viele zum ersten Mal Blut gespendet, dem Supermarktkassierer gedankt oder für die gebrechliche alte Nachbarin eingekauft.

Hoffentlich bleiben uns die neue staatliche und individuelle Solidarität erhalten. Dann hätten wir wirklich etwas aus dem Unglück gelernt.

© SZ.de/plin/liv

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