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Werbefilm für US-Präsidenten:Hollywood schickt Verstärkung für Obama

Regisseur und Erzähler haben mehrere Oscars gewonnen - und die Hauptrolle spielt ein Nobelpreisträger: In einem 17-Minuten-Film entwickelt Barack Obama die Story, die ihm die Wiederwahl sichern soll. Seine Strategen inszenieren den Präsidenten als Hollywood-Helden, der Osama bin Laden getötet und die US-Wirtschaft vor dem Kollaps gerettet hat.

Matthias Kolb, Washington

Die Menschen schwenken ihre kleinen Stars-and-Stripes-Fähnchen, über ihren Köpfen weht eine große Version der amerikanischen Flagge: Sie jubeln dem Mann zu, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern eine Bühne in Chicago betritt. Es ist Barack Obama, der soeben zum 44. US-Präsident gewählt worden ist. "Woran erinnern wir uns, wenn wir an den November 2008 zurückdenken?", fragt die Stimme des Erzählers. Es spricht Tom Hanks, zweifacher Oscar-Preisträger. Dem Zuschauer will er ins Gedächtnis rufen, dass zur gleichen Zeit die Weltwirtschaft vor dem Abgrund stand.

So beginnt "The Road we've traveled", jener mit Spannung erwartete Film, den Obamas Wahlkampfteam gerade auf Youtube veröffentlicht hat. Der Film soll nicht nur die Basis mobilisieren und zu einem effektiven Werbemittel im Internet werden, sondern auch die Amerikaner überzeugen, dem Demokraten am 6. November eine zweite Amtszeit zu bescheren.

17 Minuten hat Regisseur Davis Guggenheim Zeit, um die Bilanz der ersten drei Jahre, die Vizepräsident Joe Biden vorgestellt hat, in Bilder umzusetzen: "Bin Laden ist tot, General Motors ist zurück." Also konzentriert sich der Oscar-Preisträger zunächst auf die Wirtschaft: Rote Balken zeigen, dass 3,5 Millionen Jobs vor Obamas Amtsantritt verloren gingen.

Im verschneiten Chicago treffen sich die Wirtschaftsexperten zur Lagebesprechung. "Die Power-Point-Folien, die gezeigt wurden, hatten eine Wirkung wie ein Horrorfilm", erinnert sich Obama-Berater David Axelrod. Der frühere Chefökonom Austan Goolsbee erklärt, dass die Wirtschaftsdaten in den sechs Monaten rund um die Amtseinführung Obamas im Januar 2009 die schlechtesten waren, seit die Statistik geführt wird. Die Situation, so wird suggeriert, sei höchstens mit der Great Depression zu vergleichen, also jene Krisenzeit der späten zwanziger und dreißiger Jahre.

Niemand habe sich das Ausmaß der Krise vorstellen können, sagt Axelrod: "Ich dachte nur: Können wir bitte die Stimmen nochmals auszählen?" Und da in diesem Video Bescheidenheit nicht gefragt ist, verkündet Tom Hanks: "Seit Franklin D. Roosevelt lastete nicht mehr so viel Verantwortung auf den Schultern eines Präsidenten." FDR regierte die USA während der Großen Depression und führte das Land zum Sieg im Zweiten Weltkrieg.

Im Stile eines Dokumentarfilms zieht "The Road we've traveled" eine Bilanz der ersten 38 Monate, lässt Prominente zu Wort kommen. Biden preist seinen Chef für die Entscheidung, die Autohersteller Chrysler und General Motors mit Staatsgeld zu retten, obwohl die Amerikaner in Umfragen dagegen waren. Kurz wird die Überschrift eines Artikels von Mitt Romney eingeblendet: "Lasst Detroit pleitegehen."

Bill Clinton, Obamas Vorvorgänger, lobt die Gesundheitsreform, an der drei Generationen an US-Politikern gescheitert seien. Ehefrau Michelle steuert eine persönliche Anekdote bei: Barack habe sehr darunter gelitten, seine Mutter an Krebs sterben zu sehen, weil diese keine gute Gesundheitsversorgung hatte. Deswegen habe ihr Mann bei der Abstimmung alles auf eine Karte gesetzt und nicht warten wollen - sonst müssten noch mehr Menschen leiden.

Die Botschaft ist klar: Obama sei zu Kompromissen mit den Republikanern bereit, doch wenn diese sich verweigern, scheue er vor Entscheidungen nicht zurück. Breiten Raum nimmt die Tötung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden ein. Vizepräsident Biden beschreibt die Situation, nachdem der Präsident im situation room all seine Berater um Rat gefragt hatte: "Er allein musste diese Entscheidung treffen. Er wusste genau, wenn dies scheitert, dann ist seine Präsidentschaft zu Ende."

Geschickter Seitenhieb gegen Romney

Als er über seine damaligen Gefühle spricht, baut Obama einen Seitenhieb auf Mitt Romney, seinen wahrscheinlichen Herausforderer. Die Tatsache, dass Romney bei der Fahrt in den Familienurlaub den Käfig mit seinem Hund einst auf das Autodach schnürte, ensetzt tatsächlich noch immer viele Amerikaner. Obama sagt, erst als er gewusst habe, dass alle Elitesoldaten - inklusive des Navy-Hundes - nach dem Einsatz in Abbottabad gesund waren, habe er Erleichterung verspürt.

Zwischen den Interviews sind Porträt-Aufnahmen des arbeitenden Barack Obama zu sehen ebenso wie einige Rede-Ausschnitte, die sein rhetorisches Talent zeigen. Auch die klassischen Wahlkampf-Aufnahmen, wie er Babys küsst, Senioren umarmt und mit Arbeitern spricht, fehlen nicht. Die letzten Minuten sind dem Ende des Irak-Einsatzes, dem besseren Image Amerikas im Ausland sowie jenen Gesetzen gewidmet, die seit 2009 beschlossen wurden: Mehr Rechte für Patienten, mehr Kredite für Studenten, höhere Bildungsstandards, gleiche Löhne für Männer und Frauen und mehr erneuerbare Energien.

Von Guantánamo und den Staatsschulden ist in dem Werbefilm natürlich nichts zu hören. Zuletzt werden die roten Balken der Job-Verluste durch die blauen Balken der neuen Arbeitsplätze abgelöst, um den Bürgern das Gefühl zu geben, dass es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht. Insofern, umschmeichelt Sprecher Tom Hanks seine Zuhörer, sollten die Amerikaner nie vergessen, in welcher Situation sich das Land befunden habe: "Wenn wir diesen Präsidenten beurteilen, sollten wir nicht vergessen, wie weit wir gekommen sind und uns auf die Arbeit freuen, die noch vor uns liegt." Denn Barack Obama gehe es nicht um kurzfristige politische Gewinne, sondern um langfristige Veränderungen.

Film verfehlt seine Wirkung nicht

Welche Bedeutung das Obama-Team dem bei Youtube veröffentlichten Film beimisst, erklärte Teddy Goff, Digital-Direktor der Kampagne, der New York Times: "In vielerlei Hinsicht sind Videos für uns der wichtigste Weg, um mit den Anhängern zu kommunizieren." Er rechne damit, dass dies in der Kommunikation mit unentschlossenen Wählern immer bedeutsamer werde. Darrell West, der bei der Brookings Institution über Politik und Technik-Innovationen forscht, verweist auf einen anderen Punkt: "In diesem Jahr wird es wichtig sein, die Botschaften über einen vertrauenswürdigen Kanal an die Wähler zu bringen." Ein Video, das Freunde oder Verwandte über Facebook oder Twitter verbreiten, entfalte eine stärkere Wirkung als eine Online-Anzeige.

Wenig überraschend war die Reaktion der Gegenseite. Reince Priebus zufolge, dem Vorsitzenden des Republican National Committee, brauchen die Amerikaner kein Video, um zu wissen, was Obama in den ersten drei Jahren geleistet habe: "Sie merken das jeden Tag an den höheren Preisen für Benzin, Essen und sowie an der Rekordarbeitslosigkeit." Doch einem Bericht von Politico zufolge verfehlte der äußerst professionell gemachte Film bei den Obama-Anhängern, die sich in Washington zu einer Premierenparty versammelt hatten, seine Wirkung nicht. Viele seien nun wieder bereit, sich als Freiwillige zu engagieren.

Strahlkraft und Charme von Barack Obama sind offenbar noch nicht verflogen.

Diskutieren Sie mit dem Autor über den Film: Matthias Kolb twittert aus Washington unter @matikolb.

© Süddeutsche.de/segi

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