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Was russische Demonstranten erleben:"Putin hat Angst vor uns"

Es gibt schärfere Gesetze, Razzien und Verhöre von Oppositionellen, doch die Masse lässt sich nicht aufhalten: Zehntausende protestieren in Russland gegen die Regierung von Wladimir Putin. Der SZ erzählen Demonstranten in Moskau und Sankt Petersburg, wie sie die eingeschränkte Versammlungsfreiheit erleben - und weshalb sie trotzdem auf die Straße gehen.

Es soll ein "Marsch der Millionen" werden, doch bislang sind es eher Zehntausende, die in Moskau und anderen russischen Städten gegen Präsident Wladimir Putin protestieren. Die Regierung macht es der Opposition schwer: Das Versammlungsgesetz wurde drastisch verschärft, Wohnungen von Oppositionellen durchsucht und Anführer des Protests direkt vor Beginn der Demo zu Befragungen einbestellt.

Proteste in Russland

"Marsch der Millionen" zieht durch Moskau

Im Volk wächst die Wut auf Putin. "Wir alle rutschen in Richtung Revolution", schrieb der Schriftsteller Viktor Jerofejew in einem Gastbeitrag für die SZ. Wir wollten von Demonstranten in Moskau und Sankt Petersburg wissen, ob sie das auch so sehen. Warum sie auf die Straße gehen, was sie bewegen wollen, und ob sie Angst haben vor ihrer Regierung, die gegen die Demos vorgeht.

Nuria Fatichowa, 29, ist Mitglied der Gruppe "Werkstatt der Protesttätigen" in Moskau:

"Die staatlichen Medien veröffentlichen immer wieder falsche Informationen über die Anzahl der Demonstranten. Unsere Gruppe hat sich deswegen zur Aufgabe gemacht, ein realistisches Bild über die Größe der Proteste zu zeigen. Deswegen stehen wir gerade auf einem Dach zwischen der Puschkinskaja und dem Sacharaow-Prospekt, wo die Demonstration startet.

Hier oben machen wir Aufnahmen von den vorbeiziehenden Menschen und können dann mithilfe eines speziellen Programms nachzählen, wieviele Demonstranten tatsächlich da waren. Die Welt soll sehen, dass die Proteste viel größer sind, als von offiziellen Stellen kommuniziert.

Wie wir auf das Dach gekommen sind, möchte ich nicht sagen. Ich denke, dass wir vielleicht über das Handy abgehört werden. Und was wir getan haben, ist illegal und gefährlich. Die Polizei hat den Anwohnern nämlich verboten auf den Balkonen oder den Dächern zu stehen, angeblich zum Schutz der Demonstranten. Eine Frau hat uns trotzdem reingelassen."

Anastasia Gorokhowa, 26, ist Journalistin in Moskau:

"Wir demonstrieren jetzt schon seit einem halben Jahr. Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass sich im Land dennoch nichts bewegt. Ob ich deswegen frustriert bin? Nein. Ein halbes Jahr ist doch nicht viel, angesichts dessen, dass in diesem Land lange Zeit keine vergleichbaren Proteste stattfanden.

Außerdem gab es ja durchaus Reaktionen: Die Verschärfung des Versammlungsrechts und die Razzien gegen Blogger, Journalisten und Demonstranten sind ein Zeichen dafür, dass die Regierung Angst vor uns hat. Das ist doch auch etwas. Außerdem haben wir bei den Menschen eine psychologische Barriere durchbrochen - sie glauben nicht mehr daran, nichts ändern zu können.

Ich möchte keine Revolution in Russland. Revolutionen sind meist destruktiv und gehen mit Gewalt einher. Es gibt immer wieder Demonstranten, die danach rufen, auf die Barrikaden zu gehen. Die sind jedoch immer noch in der Minderheit.

Ich bin für einen Dialog. Der Logik folgend, müsste Putin eigentlich jetzt einen Schritt auf uns zugehen. Er kann nicht ewig die Augen verschließen. Allerdings folgt dieses Land selten den Regeln der Logik."

Vlad Tupikin, 46, arbeitet als Dozent für Geschichte in Moskau:

"Ich bin Anarchist. Bereits zur Zeit der Perestroika war ich politisch aktiv. Wir haben damals eine studentische Diskussionsgruppe gegründet, um über die Entstalinisierung der Gesellschaft zu sprechen. Wir hatten auch unsere eigene Zeitung.

Die heutigen Proteste haben vieles gemeinsam mit der damaligen Zeit: Auch gegen Ende der achtziger Jahre gingen viele Menschen auf die Straße, ohne vorher politisch aktiv gewesen zu sein. Was der heutigen Protestbewegung jedoch fehlt, ist der naive Glaube, etwas ändern zu können.

Doch die Mehrheit hat erkannt, dass man nicht nur gegen die Wahl Putins demonstrieren kann. Die soziale Lage in unserem Land spitzt sich immer weiter zu. Deshalb richten sich die Demonstrationen immer mehr gegen diese Entwicklung.

Leider beharren die Anführer des Protestes weiter auf ihrer bloßen Kritik an dem Regime. Ich bin auch gegen den russischen Staat, aber heute demonstriere ich vor allem für soziale Politik."

Iwan Ninenko, 28, ist Aktivist bei Transparency International in Moskau:

"Ich bin gemeinsam mit neun anderen Leuten hier, um Unterschriften für eine Petition zu sammeln. Es geht darum, dass die Polizisten in Zukunft Nummern tragen sollen, damit man sie identifizieren kann.

Ich bin selbst mehrmals bei Demonstrationen von Polizisten verprügelt worden, die Täter blieben immer anonym. Deswegen habe ich eine Initiative gegründet, die sich für die Kennzeichnung der Polizisten einsetzt. Wir hoffen, dass genügend Leute unterschreiben, damit wir eine Gesetzesänderung durchdrücken können."

Dmitrij Worobjew, 35, arbeitet als Soziologe in Sankt Petersburg:

"Ich werde nicht zu den Demonstrationen in der Stadt gehen, weil sie von den Nationalisten vereinnahmt sind. Stattdessen bin ich bei einem Treffen der politischen Linken. Jemand hat gesagt, dass wir uns heute vielleicht zum letzten Mal öffentlich treffen werden. Und angesichts der jüngsten Vorkommnisse, glaube ich sogar, dass es zutreffen könnte.

Durch die Verschärfung des Demonstrationsrechts müssen wir mit hohen Geldstrafen rechnen. Demonstrationen legal anzumelden, ist sehr schwierig. Außerdem ist Sommer und die Leute fahren in den Urlaub.

Trotzdem dürfen wir nicht aufhören aktiv zu sein. Wir müssen etwas tun, egal was. Wir werden heute nach dem Treffen zum Beispiel streiken. Wie wir das tun? Indem wir uns betrinken. Alkohol als Protestmittel. Am besten wäre es, das komplette Land besoffen zu machen, dann wäre das ganze politische Leben lahmgelegt."