Wahl in Hamburg: Olaf Scholz:"Bei ihm ist alles Taktik"

Lesezeit: 7 min

Die Wahl gilt schon fast als gewonnen: Viele sehen den Hamburger Olaf Scholz als zukünftigen Bürgermeister der Hansestadt. Der SPD-Mann überlässt dennoch nichts dem Zufall.

Jens Schneider

Die Stühle sind klobig und schwer. Der ältere Herr hat einen leicht roten Kopf, und das liegt noch nicht daran, dass die Luft dünner zu werden beginnt in diesem Saal in Lokstedt im Westen Hamburgs. Doch es hilft nichts: Er darf die Stühle gar nicht erst abstellen, die er aus dem Foyer geholt hat, damit er und seine Begleitung nicht stehen müssen. "Das geht gar nicht", tritt ihm die junge Frau von der SPD entgegen. Sie spricht von Fluchtwegen.

Auf diese Art überfordert waren Sozialdemokraten in Hamburg lange nicht mehr. Es liegt ja nicht weit zurück, da sind sie beschimpft worden, wegen HartzIV, wegen der Rente mit 67, wegen Afghanistan, eigentlich wegen fast allem. Die Leute kamen nicht zu ihnen, sie liefen in der Fußgängerzone vor ihnen davon. Dazu stritten sich Hamburgs Sozialdemokraten so eklig, dass einige Genossen bei der Bundestagswahl dazu aufriefen, gleich die Konkurrenz zu wählen.

Nun diese Durchsage: "Wir sind etwas überwältigt." Leider ließe sich kein Platz mehr schaffen im Saal. Der Ton werde ins Foyer übertragen, da könnten die Leute sitzen, "wenn es Ihnen genügt, Herrn Scholz zu hören und Sie auf das optische Erlebnis verzichten können."

Dieses optische Erlebnis - das jeden Abend Hunderte in einem anderen Quartier anzieht - besteht zunächst einmal darin, dass es nicht als Erlebnis inszeniert ist. Es gibt keine Fanfare und keinen Conférencier. Alles ist leise, zurückgenommen, sachlich. Olaf Scholz kommt mit leichten Schritten die Treppe hinunter, nimmt das Mikrophon, lächelt und sagt: "Guten Abend". Dann beginnt der SPD-Kandidat für das Amt des Bürgermeisters über Hamburg zu reden. Einige schauen ungläubig, weil er über die klammen Finanzen des Stadtstaats, die Wohnungsknappheit und den Hafen so unangestrengt und leicht, vor allem aber frei spricht. Ohne Manuskript, ohne Spickzettel. Ohne Stocken, ohne zu stolpern.

Es ist seine Art, beiläufig zu zeigen, dass dies seine Heimatstadt ist, deren Sorgen er auswendig kennt. Dafür hat sich der penible Jurist, der alles genau plant, seit Monaten bis ins letzte Detail eingearbeitet. Angefangen hatte er lange bevor die Grünen im Herbst die Koalition mit der CDU brachen und die Neuwahlen am 20.Februar erzwangen. Scholz hatte auf den Koalitionsbruch hingearbeitet, die Grünen getriezt und gelockt. Der in unappetitliche Grabenkämpfe verstrickten SPD verordnete er Sacharbeit, als er die desolate Partei vor knapp zwei Jahren übernahm.

"Ich habe nach einem Zettel gesucht oder nach einem Bildschirm, wo er das alles hernimmt", sagt eine Frau mit kurzen roten Haaren hinterher. Sie hat auf der Treppe gesessen und ist sich mit ihrer Freundin einig, dass der freie Vortrag außergewöhnlich war. Als wäre einer aus der Bundesliga in die Regionalliga zurückgekehrt. Gekommen ist sie, um zu gucken, wie "der Scholz" sich entwickelt hat, der wohl bald ihre Stadt regieren wird. "Man kennt ihn ja von früher", sagt sie, und da schwingt Skepsis mit.

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