Wahlkampf in Großbritannien Die Macht der Mamas

Mit Hilfe der Online-Community Mumsnet wollen Brown, Cameron und Clegg vor der Wahl die Stimmen der britischen Mütter gewinnen. Doch das Netz ist kompliziert - und Frauen sowieso.

Von Barbara Vorsamer

Britischen Firmen ist die Online-Community Mumsnet längst ein Begriff: Die Kampagnen des Mütter-Netzwerkes im Internet können über Wohl und Wehe eines Produktes entscheiden.

Babyfotos kommen gut an bei den Wählerinnen - glauben Parteistrategen. Tory-Politiker David Cameron im Wahlkampf.

(Foto: Foto: Getty)

Billig-Modehändler Primark kann ein Lied davon singen. Er brachte einen Kinderbikini mit Push-up-Oberteil und Tangas auf den Markt - die Mumsnet-Mütter waren entsetzt. Die circa eine Million Userinnen des Netzwerks trommelten gegen die "Pädo-Bikinis", die Boulevard-Zeitung Sun sprang auf die Debatte auf und wenige Tage später nahm Primark kleinlaut die Bikinis aus dem Sortiment.

Für politische Nachrichten und Kommentare ist die vor zehn Jahren als Ratgeber für Mütter gegründete Mumsnet-Seite ein überraschendes Umfeld. Neben dem Reiter "Wahl 2010" stehen in der Navigation die Optionen "Babynamen", "Empfängnis", "Verhütung" und "Reise" - eben die Themen, mit denen sich die Mitglieder sonst so beschäftigen.

Trotzdem schreibt die britische Times schon von der "Mumsnet-Wahl" und Deborah Mattinson, Meinungsforscherin im Wahlkampfteam von Premierminister Gordon Brown, sagt: "Mumsnet vertritt die modernen Mütter, die die entscheidende politische Gruppe bei dieser Wahl sind."

Demographen charakterisieren die Mumsnet-Userinnen als gebildete, berufstätige Mütter der Mittelschicht und ziehen Vergleiche zu den amerikanischen "Soccer Moms". Der Begriff steht für die Wählergruppe, die 1992 Bill Clinton zum US-Präsidenten wählte: die gut ausgebildeten Vorstadt-Mütter. Um die werben daher auch die britischen Parteien heftig - und nutzen dafür das Internet.

Weibliche Weichzeichner

Als "große britische Institution" würdigte Premier Brown das Netzwerk, das sich hauptsächlich mit Windeln, Still-Kalendern und kinderfreundlichem Urlaub beschäftigt. Zuvor war sein Auftritt im Mumsnet-Webchat allerdings ziemlich danebengegangen. Als er sich den Fragen der Userinnen zu allen möglichen Themen stellte, fragten diese nicht weniger als zwölf Mal nach seinem Lieblingskeks. Doch der Labour-Politiker blieb die Antwort schuldig. Auch Tory-Kandidat Cameron musste bei einer Frage passen. Er wusste nicht, wie viele Windeln sein behinderter Sohn am Tag gebraucht hatte.

Für solche Themen brauchen Brown und Cameron offensichtlich ihre Ehefrauen. Mit Sarah Brown und Samantha Cameron sind die Ehepartnerinnen im britischen Wahlkampf präsent wie nie. Sarah Brown soll wohl als Weichzeichner für ihren Mann fungieren, indem sie in der Öffentlichkeit erzählt, wie liebevoll und romantisch der bärbeißige Schotte auch sein kann.

Ihr Pendant "Sam Cam" begeistert die britische Boulevardpresse in gepunkteten 60-Pfund-Kleidern als bodenständiger Michelle-Obama-Verschnitt. Seitdem die Camerons ein drittes Kind erwarten, kriegen sich die Gazetten vor Begeisterung kaum ein.

Die Mumsnetter lassen sich von strahlenden Ehefrauen und gefühligen Geschichten jedoch nicht so leicht einwickeln. Brown und Cameron haben gemeinsam, dass sie ein Kind verloren haben. Doch dass sie diese Tragödien in Talkshows schilderten, verschaffte ihnen bei den Online-Müttern genauso wenige Sympathiepunkte wie die Auftritte ihrer Ehefrauen. Eine Mumsnetterin schreibt im Forum: "Welche seltsame Fehlannahme, dass Frauen für die Politiker stimmen, die am meisten weinen." Eine andere postet: "Dass ich von Miriam Clegg nichts sehe und höre, ist nur noch ein weiterer Grund, LibDem zu wählen."

Nick Clegg von den Liberaldemokraten, der dritten Partei im Rennen um die Downing Street, ist der Liebling der Mumsnetter - trotz oder wegen der fehlenden Präsenz seiner Ehefrau. Ohne Panne überstand er den Webchat, seitdem nehmen seine Umfragewerte innerhalb des Netzwerks beständig zu. Während vor einem Monat noch etwa gleich viele Userinnen mit Labour, den Tories und LibDem sympathisierten, geben nun mehr als die Hälfte an, für Cleggs Partei stimmen zu wollen.

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