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Wahlanalyse: Die Wähler der Grünen:Jung, sprunghaft, grün

Die treuesten Wähler waren stets die Rentner, das nützte jahrzehntelang vor allem der CDU. Baden-Württemberg hat gezeigt: Auch die Grünen schaffen es, Wähler nicht nur zu interessieren, sondern auch zu mobilisieren. Eine Volkspartei sind sie trotzdem nicht.

Felix Berth

Bisher konnten konservative Politiker hoffen, dass sie vom demographischen Wandel profitieren würden, ohne sich anstrengen zu müssen. Ältere Menschen, so die Überlegung, neigen eher jenen Parteien zu, die Ruhe, Ordnung und Stabilität versprechen. "Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer mit dreißig noch Sozialist ist, hat kein Hirn", soll Winston Churchill gesagt haben.

Gruene-Parteigremien

Die Grünen sind inzwischen mehr als eine Nischenpartei. Sie schaffen es, junge Wähler nicht nur zu interessieren, sondern auch zu mobilisieren.

(Foto: dapd)

Was das in einem Land bedeutet, in dem es immer weniger Zwanzigjährige, dafür mehr Dreißig-, Fünfzig- und Siebzigjährige gibt, ist klar: Dort dürfte es der Sozialismus schwerer haben - und mit ihm auch die anderen politischen Parteien und Programme, die auf Wandel und Veränderung setzen. In einer solchen Betrachtungsweise könnte sich die Union als Volkspartei mit Bestandsgarantie sehen, gemäß dem Motto: Wenn uns die Rentner wählen, reicht das, weil es in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Rentner geben wird.

Seit diesem Sonntag stimmt diese Überlegung nicht mehr. Zwar konnte die CDU bei den Landtagswahlen den älteren Teil der Stammwähler erreichen. Etwa die Hälfte aller Wähler, die älter als sechzig Jahre sind, entschied sich in Baden-Württemberg für die Union; in Rheinland-Pfalz waren es ähnlich viele. Bei Jüngeren hingegen hatte die Union extrem wenig Erfolg: In allen Altersgruppen unter sechzig lag sie in Baden-Württemberg etwa gleichauf mit den Grünen. Aus der Volkspartei CDU scheint dort eine Rentnerpartei zu werden. Ganz anders die Grünen in Stuttgart: Sie wirken nicht mehr wie ein Nischenprodukt, sondern wie die politische Kraft, für die sich die Wählerschaft diesseits des Rentenalters interessiert.

Das allein müsste die Union bereits beunruhigen. Doch aus Sicht der Konservativen kommt dazu, dass es dem grünen Konkurrenten am Sonntag gelang, die jüngeren Wähler nicht nur zu interessieren, sondern auch zu mobilisieren - ein Effekt, der bei Landtagswahlen bisher selten zu beobachten ist: Meist sinkt die Beteiligung gerade bei den Jüngsten am stärksten; die treuesten Wähler sind die älteren, wie die Union häufig zufrieden feststellen kann.

Diesmal jedoch war es anders. In Baden-Württemberg gingen fünf Millionen Menschen zur Wahl, eine Million mehr als im Jahr 2006. Dieses Plus kam zum größten Teil den Grünen zugute: Sie wurden nicht mehr von 460.000 Menschen gewählt wie vor fünf Jahren, sondern von 1,2 Millionen - ein Gewinn von 740.000 Wählern, von denen die wenigsten älter als sechzig waren.

Natürlich hat die Union Recht, wenn sie das Wahlergebnis zumindest zum Teil mit der Atomkatastrophe in Fukushima erklärt. Laut Forschungsgruppe Wahlen gaben vierzig Prozent der Befragten an, dass die Atomkraft zu den wichtigsten politischen Problemen zähle. Der Bau von Stuttgart 21 war aus Sicht der Wähler längst nicht so bedeutsam; Themen wie Schulpolitik oder der Arbeitsmarkt lagen noch viel weiter hinten. Wäre der Wahltermin nicht am 27. März gewesen, sondern am 27. Februar, hieße der nächste Ministerpräsident in Stuttgart wohl nicht Winfried Kretschmann.

Das zeigt auch, wie sprunghaft die Wähler inzwischen agieren. Manchmal sind sie mobilisierbar, manchmal nicht - je nach politischer Grundstimmung und aktueller Weltlage. Dass gerade jüngere Wähler sich wechselhaft verhalten, passt zu den Trends, die Sozialwissenschaftler seit längerem beschreiben: Junge Menschen sind nicht desinteressiert an Politik - sie scheuen nur ein Dauerengagement bei Parteien und gehen lieber befristet zu Greenpeace oder einer Bürgerinitiative. Der Wahlsonntag zeigt, was das für die Parlamente bedeuten kann.

Auch sollte man vorsichtig mit dem Etikett der "Volkspartei" sein, das den Grünen inzwischen angeheftet wird. Denn eine Erfolgsserie allein rechtfertigt dieses Label nicht (was auch die FDP feststellt, die sich nach den Erfolgen des Jahres 2009 fast wie eine solche fühlte). Sofern man als "Volkspartei" nur eine Partei gelten lässt, die von allen Bevölkerungsschichten relativ stark unterstützt wird, so sind die Grünen auch in Baden-Württemberg davon weit entfernt.

Laut Wahlforschern wurden sie von gerade mal 13 Prozent aller Wähler mit Hauptschul-Abschluss gewählt; 36 Prozent aller Hochschul-Absolventen entschieden sich für Kretschmanns Partei. Die Grünen-Anhänger zählen inzwischen, wie das DIW feststellt, zu den Besserverdienenden. Mag sein, dass sie in Baden-Württemberg diesmal der CDU Konkurrenz machten - doch in anderen Ländern bleiben sie vor allem ein Risiko für die FDP. Volksparteien sind sie beide nicht.

© SZ vom 29.03.2011/olkl

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