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Waffenrecht:Die Verantwortung der Sportschützen

Nach Schüssen in Hanau

Zaun einer Schießanlage in Bergen-Enkheim. Der mutmaßliche Täter von Hanau ist aktives Mitglied eines Schützenvereins gewesen.

(Foto: dpa)

Der mutmaßliche Mörder von Hanau hatte in einem Schützenverein trainiert. Die Vereine sind es der Gesellschaft nun schuldig, über eine Verschärfung des Waffenrechts mit sich reden zu lassen.

Nein, der Deutsche Schützenbund mit seinen 1,3 Millionen Mitgliedern ist keine Ansammlung mordlustiger Gesellen. Die Sportschützen sind ganz überwiegend gesetzestreue Menschen, oft Stützen der Gesellschaft. Es ist keine Hybris, wenn Schützen für sich in Anspruch nehmen, Träger "deutschen Kulturerbes" zu sein; das sind sie seit dem Mittelalter, mit Höhen und Tiefen, etwa während der Nazi-Herrschaft. Seit Jahrzehnten können die Schützen darauf vertrauen, dass ihnen konservative und liberale Politiker den Rücken freihalten. Nun, nach dem Anschlag von Hanau, sollten sie selbst Verantwortung übernehmen und über eine Verschärfung des Waffenrechts mit sich reden lassen, zumal über die Frage: Brauchen sie großkalibrige Waffen? Das sind sie der Gesellschaft schuldig.

Der mutmaßliche Täter von Hanau, der zehn Menschen und sich selbst erschoss, besaß als Sportschütze zwei solcher Waffen. Der rassistisch motivierte Anschlag ist ein Einschnitt in der Geschichte des Landes, so wie die Tötung des Politikers Walter Lübcke. Dessen mutmaßlicher Mörder, ein Rechtsextremer, hatte in einem Schützenverein trainiert. Es ist zu billig, wenn der Schützenbund nun sagt, gegen kriminelle Energie hülfen die besten Gesetze nicht, und vor neuen "bürokratischen und finanziellen Hürden" warnt, die sein "Kulturgut" gefährdeten. Das will er Hinterbliebenen entgegenhalten?

Natürlich steckt im Ruf nach härteren Gesetzen auch Hilflosigkeit. Experten schätzen, zu den rund 5,4 Millionen Waffen, die in Deutschland legal im Umlauf sind, kämen 20 Millionen illegale hinzu. Die sind womöglich das größere Problem. Deutschland ist, verglichen mit den USA, kein waffenstarrendes, schießwütiges Land, das zeigen Statistiken. Aber Zahlen nehmen niemandem die Pflicht ab, Konsequenzen zu bedenken nach Taten wie in Hanau, schon gar nicht einem olympischen Sportverband wie dem Schützenbund.

Der politische Kampf gegen rechts ist Pflicht. Aber naiv wäre es anzunehmen, durch das Zurückdrängen der AfD ließe sich der Rechtsterrorismus eliminieren. Ohnehin verschwimmen die Grenzen zwischen politisch motivierter Gewalt und Amoklauf. Es ist leider anzunehmen, dass weiterhin junge Männer mit angeschlagener Psyche sich via Internet eine persönliche Kränkungsideologie zurechtbasteln, politisch grundiert oder nicht, und mit einer Waffe losziehen. Im Januar hat in Baden-Württemberg ein Sportschütze aus unklaren Motiven in seiner Familie ein Blutbad angerichtet. Mehr als 250 Deutsche wurden laut der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" seit 1990 durch Waffen von Sportschützen getötet.

"Wer braucht solche Waffen?" Die Frage ist zu lesen in den Erinnerungen einer Mutter, die beim Amoklauf von Winnenden ihre Tochter verlor, erschossen vom Sohn eines Sportschützen. Wer braucht eine Beretta 92, Walther PPQ, SIG Sauer P226? Soldaten und Polizisten tragen solche Waffen. Schützenfunktionäre beharren darauf, sie seien Sportgerät, Teil ihrer Tradition. Die Regeln für Besitz und Lagerung wurden nach Winnenden verschärft, nun werden neue Maßnahmen diskutiert. Das Mindestalter für den Besitz großkalibriger Waffen, bislang 21, erhöhen? Mehr psychologische Gutachten? Waffen und Munition getrennt lagern? Oder sollen die Vereine solche Waffen zentral aufbewahren? Antworten müssen auch die Schützen selbst geben: Die Gesellschaft darf mehr erwarten als ein beleidigtes Nein.

© SZ vom 28.02.2020/lalse
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