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Anschläge in Hanau:Die klügere Wortwahl

Protesters display photos of victims of the Hanau shooting as they demonstrate against far-right radicalism and racism in Hanau

Sie sind Opfer, keine Fremden: Das betonen auch Demonstranten in Hanau.

(Foto: Ralph Orlowski/Reuters)

Die Berichterstattung über Hanau lässt eine größere Sensibilität im Umgang mit Begriffen und Motiven erkennen - trotz einiger Negativbeispiele.

Von Kathleen Hildebrand und Hans Hoff

Jedes Mal nach einem Terroranschlag geloben Berichterstatter, es beim nächsten Mal besser zu machen, vorsichtiger zu sein im Umgang mit schnellen Zuschreibungen, weniger zu spekulieren und behutsamer umzugehen mit Worten, die oft mehr transportieren als man in der Eile annimmt. Und wenn es dann ein nächstes Mal gibt, verfallen wieder zu viele in die gängigen Muster. Das letzte "nächste Mal" war Hanau, also jener Terrorakt, bei dem am Mittwochabend ein Mann neun Menschen in zwei Shisha-Bars erschoss und dann seine Mutter und sich selbst tötete. Auch danach kursierten rasch die üblichen Spekulationen, die falschen Zuschreibungen, die leichtfertig gesetzten Worte. Aber, und das mag ein Anlass zur Hoffnung sein, es entspann sich vor allem bei Twitter sehr rasch eine öffentliche Diskussion um das, was gesagt und gezeigt wurde, vor allem aber um das, was man vielleicht besser nicht sagen und zeigen sollte, wenn man wirklich nur sagen will, was ist.

Als der Täter in Hanau gefunden war, ging rasch die Rede von "ausländerfeindlichen" Motiven, wie es am Donnerstagmorgen in der Tagesschau um kurz nach neun Uhr hieß. Mehrmals fiel der Begriff der Ausländerfeindlichkeit, mehrmals fiel auch der Begriff "fremdenfeindlich". Letzterer kam erst von Reportern, später dann wurde er unter Berufung auf die ermittelnde Bundesanwaltschaft genannt und war auch vom hessischen Innenminister zu hören. Dass mit diesen Begriffen automatisch der Duktus des Täters zum Einsatz kam, dessen Opfer durch die Wortwahl als nicht zugehörig kategorisiert wurden, fiel da noch unter den Tisch. Erst als nach zehn Uhr deutlich wurde, dass die Tat rechtsextremistischen Motiven folgte und die Opfer keineswegs Fremde waren, gab es ein Innehalten.

Es war nicht von "Ausländern" die Rede, sondern von "Menschen mit Migrationshintergrund"

Sehr reflektiert präsentierte sich Froben Homburger. Der dpa-Nachrichtenchef twitterte, dass seine Agentur die kritisierten Begriffe auch verwende, "aber nur, wenn wir damit Bundesanwaltschaft, Minister oder andere Behörden zitieren". Bis zum ARD-Brennpunkt und ZDF-Spezial am Abend war dann offenbar schon viel passiert. Brennpunkt-Moderator Markus Gürne stellte die Rede vom "Einzeltäter" infrage, da vor Terroranschlägen wie dem in Hanau meist Netzwerke zumindest zur Radikalisierung der Täter beitrügen. Der ARD-Terrorismusexperte Michael Stempfle betonte, dass man es im Fall von Hanau mit Rassismus als Tatmotiv zu tun habe. Im ZDF war nicht mehr von "Ausländern" die Rede, sondern von "Menschen mit Migrationshintergrund", auf welche die Tat abgezielt habe.

Bald gab es, besonders auf Twitter, weitere Diskussionen, die zeigten, dass inzwischen eine große Sensibilität in der Beschreibung von Terroranschlägen und Rassismus gefordert wird. So wurde gefragt, ob man im Rahmen der Berichterstattung eigentlich von elf Opfern sprechen dürfe, ob man also den Täter mit den Opfern gleichsetzen dürfe. Gleichfalls stand in der Diskussion, ob man die beim Täter gefundenen Erklärbriefe als Manifest bezeichnen solle, ob man sie damit adele, und ob nicht der Begriff Pamphlet angemessener sei.

Natürlich gibt es auch in diesen Tagen noch Medienvertreter, die dieser neuen Herangehenseweise nicht so viel abgewinnen können. So gebrauchte Focus-Online den Begriff "Shisha-Morde", änderte dies aber rasch wieder, nachdem - sicher nicht zuletzt durch die scharfe Kritik auf Twitter - wohl auch den Redakteuren klar wurde, wie schnell man bei solcher Wortwahl die Assoziation mit den Döner-Morden weckt, die einst lange dazu missbraucht wurden, die Schuld für die Morde des NSU im Umfeld der Getöteten zu verorten.

Zentraler Diskussionspunkt ist in diesen Tagen natürlich auch wieder, ob man dem Täter und seinen Theorien den öffentlichen Raum gibt, den er sich ganz offensichtlich gewünscht hat. So zeigte etwa die Tagesschau schon früh am Donnerstagmorgen einen Miniausschnitt aus einem Video, verpixelte aber das Gesicht des Täters. Andere übten da weniger Zurückhaltung. Zum Beispiel Bild.de. Die Reporter spekulierten eifrig in Live-Schalten für das neue Videoangebot des Boulevardblatts noch in der Nacht des Anschlags in jede Richtung und boten jede Menge Theorien feil (Russen, Drogen, Schutzgeld). Schwerer noch wiegt allerdings wohl die Tatsache, dass die Bild den Täter mit vollem Namen nannte und seinen Videoaufnahmen erheblichen Raum gab. Auch wenn ein Bild-Reporter die Aufnahmen einzuordnen versuchte: Das änderte nichts daran, dass damit das krude Gedankengut weiterverbreitet wurde. Die Quittung bekam die Bild am Donnerstag in der Talkshow von Markus Lanz. Dort kritisierte Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, explizit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt: "Die Bild-Zeitung verhält sich völlig unverantwortlich", sagte er und verwies darauf, dass es Täter darauf anlegen, groß auf Titelseiten zu erscheinen: "Genau das ist attraktiv für folgende Täter"

© SZ vom 24.02.2020
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