Vorwürfe gegen Obama Woodward versus Weißes Haus

Amerikas berühmtester Journalist kritisiert Obamas Fähigkeit als Krisenmanager: Der Präsident sei schuld am schädlichen Spardiktat, so Bob Woodward. Obamas Berater widerspricht, es wird gebrüllt und unfair zitiert. Plötzlich heißt es, das Weiße Haus bedrohe den Watergate-Enthüller. Notizen über einen absurden Streit, der viel über das Klima in Washington verrät.

Von Matthias Kolb, Washington

Mit seinen Enthüllungen zu Watergate hat er Richard Nixon gestürzt, seitdem hat Bob Woodward sich mit allen US-Präsidenten auseinandergesetzt. Von Obama und dessen Fähigkeiten als Krisenmanager hält Amerikas berühmtester Journalist wenig: Der Demokrat sei schuld am schädlichen Spardiktat.

Diese Einschätzung hat nun zu einem absurden Streit geführt, der viel über den Politbetrieb in Washington verrät.

Am vergangenen Freitag greift Woodward zum Telefon. Er informiert einen Berater von Präsident Barack Obama über einen Artikel, der am Sonntag in der Washington Post gedruckt werde und gleich online zu lesen sei. Darin schildert er Obama als lausigen Krisenmanager - eine These aus seinem aktuellen Buch "The Price of Politics". Woodward schreibt, dass Obamas Büroleiter Jack Lew im Sommer 2011 den Vorschlag zum "Sequester" gemacht habe, weshalb Obama für die schlimmen Folgen des Spardiktats verantwortlich sei (Details zu Auswirkungen in diesem SZ-Text). Und er wirft dem US-Präsidenten Unredlichkeit vor, weil dieser die Republikaner als Blockierer darstelle.

"So sollte man nicht miteinander umgehen"

Die Reaktion des Experten am Telefon im Weißen Haus sei eine halbe Stunde Brüllen gewesen, sagt Woodward in einem Interview, das er dem einflussreichen Insidermagazin Politico gab. Er habe später eine E-Mail erhalten, in dem sich der Berater für seine Ausfälle entschuldigt, aber nochmals erklärt habe, dass Woodwards Darstellung nicht korrekt sei.

"Sie schauen ein paar Bäume ganz genau an und sehen deshalb den kompletten Wald nicht richtig. Vielleicht sehen wir die Sache einfach anders. Ich denke, dass Sie es bereuen werden, diese Behauptung zu machen", liest Woodward aus der E-Mail des Obama-Strategen vor und so steht es in dem Politico-Artikel (inklusive Video hier) mit der Überschrift "Woodward at War" - ein Tribut auf Woodwards Buch "Bush at War". Es folgt eine Formulierung, die Washington mehr beschäftigt als die Haushaltskrise: "Woodward wiederholte den letzten Satz und machte deutlich, dass er ihn als eine verhüllte Drohung empfand."

Er als erfahrener Journalist habe mit solcher Rhetorik kein Problem, doch jüngere Kollegen würden an seiner Stelle wohl zittern, so Woodward. Sein Fazit: "So sollte man nicht miteinander umgehen." Später schildert der Pulitzer-Preisträger den Sachverhalt auch noch auf CNN.

Ein Präsidentenberater bedroht die Journalisten-Legende Woodward? Das wird sofort zum Thema in den Blogs, im Kabelfernsehen und bei Twitter unter #Woodwardgate. Es ist wie gemacht für eine Stadt, die vor Gerüchten vibriert und in der sich zu viele Menschen zu wichtig nehmen.

Es wird daran erinnert, dass der 69-Jährige Obamas Taktik in Politicio als "an Wahnsinn grenzend" bezeichnet hat und dass die Republikaner Kopien der Kolumne als Beleg für die Unredlichkeit Obamas an Anhänger verteilen. Die Konservativen werden den berühmten Reporter im laufenden Budget-Streit, der heute mit einem Gipfeltreffen im Weißen Haus weitergeht, als Kronzeugen nutzen.

Michael Tomasky von The Daily Beast fragt hingegen, inwieweit "das werden Sie bereuen" bedrohlich wirkt. Seine Antwort: Diese Schlussfolgerung ist verrückt. Die Version aus dem Politico-Text (deren Autoren Mike Allen und Jim VandeHei sind frühere Kollegen von Woodward bei der Washington Post) gerät ins Wanken, als zunächst Buzzfeed berichtet, dass es sich bei dem Schreihals um Obamas Wirtschaftsberater Gene Sperling handelt und schließlich die komplette E-Mail-Korrespondenz publik wird (hier im Wortlaut).