Vor der Heimkehr von Gilad Schalit Hoher Preis für die Freiheit

An diesem Dienstag endlich soll Gilad Schalit heimkehren, nach fünf Jahren in Gefangenschaft. Doch ist Israel bereit, die Risiken des Gefangenenaustauschs zu tragen? Viele schmerzt, dass bei dem geplanten Handel mit der Hamas auch palästinensische Schwerkriminelle freikommen - sogar Mörder, die für Selbstmordanschläge verantwortlich sind.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Anspannung will nicht weichen bis zur letzten Minute. An diesem Dienstag soll der vor mehr als fünf Jahren in den Gaza-Streifen entführte Soldat Gilad Schalit endlich heimkehren nach Israel. Und am Montagnachmittag saß sein Vater Noam Schalit in einem Verhandlungsraum des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem und musste hören, was alles gegen die Freilassung seines Sohnes vorgebracht wurde.

Möglicherweise bereits an diesem Dienstag soll Gilad Schalit freikommen, im Austausch gegen mehr als 1000 in israelischen Gefängnissen inhaftierte Palästinenser.

(Foto: Getty Images)

Vier Petitionen waren eingereicht worden, um den Austausch Schalits gegen insgesamt 1027 palästinensische Häftlinge doch noch zu verhindern. Denn Gefangene sind unter ihnen, deren Namen in Israel immer noch Schock- und Schreckenswellen auslösen. Doch Schalits Familie appellierte eindringlich, den zwischen der israelischen Regierung und der Hamas geschlossenen Handel umzusetzen. "Jede Verzögerung gefährdet Gilads Leben", sagte die Mutter Aviva Schalit.

Im Gerichtssaal wurde jener Widerstreit ausgetragen, der in diesen Tagen ganz Israel bewegt und manchmal zu zerreißen droht. Das Land fühlt mit der Familie Schalit, die nach einem jahrelangen öffentlich ausgefochtenen Kampf um die Rückkehr ihres Sohnes nun kurz vor dem Ziel steht.

Eine Umfrage zeigt, dass 79 Prozent der Bevölkerung den Gefangenenaustausch auch in dieser Dimension unterstützen, nur 14 Prozent lehnen das kategorisch ab. Zugleich jedoch befürchten 50 Prozent der Befragten negative Folgen für Israels Sicherheit. Schließlich hatte auch der Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Yoram Cohen, davor gewarnt, dass erfahrungsgemäß einem Großteil der Freigelassenen neue Gewalttaten zuzutrauen seien.

Erinnerung an blutige Anschläge

In den Medien sind in diesen Tagen deshalb nicht nur lange Listen mit den Namen der Freizulassenden zu sehen, sondern auch viele Bilder von alten Anschlägen, deren Drahtzieher nun freikommen sollen. Da ist das Foto aus dem Jahr 2000 von Aziz Salha. Er steht am Fenster einer Polizeistation in Ramallah, unten tobt der Mob, und Salha reckt jubelnd seine blutverschmierten Hände in die Höhe. Es ist das Blut zweier israelischer Soldaten, die gerade gelyncht worden waren.

Der damals 20-jährige Salha ist einer von insgesamt 280 Gefangenen auf der Austausch-Liste, die eigentlich eine lebenslange Haftstrafe hätten absitzen sollen. Die längste Strafe hätte Walid Andschas zu verbüßen, der wegen seiner Beteiligung an mehreren Selbstmordanschlägen während der zweiten Intifada zu 36 Mal lebenslang verurteilt worden war. Nun soll er nach acht Jahren im Gefängnis im Alter von 29 Jahren frei kommen.

Unter den Freizulassenden sind politische Aktivisten ebenso wie hohe Milizionäre, es ist ein Veteran dabei wie der fast 80-jährige Sami Yunes, und auch 27 Frauen finden sich auf der Liste. Eine davon ist Amna Muna, die übers Internet 2001 mit einem israelischen Jugendlichen geflirtet hatte, nur um ihn nach Ramallah zu locken, wo er von ihren Komplizen ermordet wurde. Eine andere ist Ahlam Tamimi, die vor zehn Jahren einen Selbstmord-Attentäter zu einer Pizzeria in Jerusalem gefahren hatte, wo er sich in die Luft sprengte und 15 Menschen mit in den Tod riss. Sie wurde später zu 15 Mal lebenslang verurteilt.

Unter den Opfern waren damals auch fünf Mitglieder der Familie Schijveschuurder. Die Eltern wurden getötet und drei ihrer Kinder. Die vier Überlebenden Geschwister zählen nun zu jenen, die mit einer Petition vor dem Obersten Gericht den Gefangenen- Austausch noch verhindern wollten.

Rabin-Denkmal geschändet

Zuvor hatte allerdings eines der Geschwister für einen Eklat gesorgt. Schvuel Schijveschuurder war vergangene Woche vorübergehend festgenommen worden, weil er aus Protest gegen den Gefangenen-Handel das Denkmal für den ermordeten Premier Yitzchak Rabin in Tel Aviv geschändet hatte. Er hatte die Forderung darauf geschmiert, dann auch Rabins Mörder freizulassen. Tief enttäuscht wollen die Geschwister nun Israel verlassen. "Wir öffnen die Gräber, holen unsere Eltern und Brüder und kehren mit ihnen nach Holland zurück", sagten sie der Zeitung Jediot Achronot.

Parallel zu all dem Getöse liefen sowohl in Israel als auch im Gaza-Streifen die Vorbereitungen für den Austausch auf Hochtouren. Die 477 palästinensischen Gefangenen, die direkt gegen Gilad Schalit ausgetauscht werden - 550 weitere sollen in zwei Monaten folgen -, wurden bereits in zwei israelischen Gefängnissen zum Weitertransport gesammelt. 96 von ihnen werden ins Westjordanland und 14 nach Ost-Jerusalem zurückkehren. 40 werden ins Exil geschickt, voraussichtlich in die Türkei, nach Katar und Syrien. Der Großteil aber wird im Gaza-Streifen erwartet, wo sich die Hamas-Herrscher seit Tagen schon für einen Triumphzug rüsten.

Gilad Schalit, der seit dem 25. Juni 2006 im Gaza-Streifen versteckt gehalten worden war, soll voraussichtlich am Dienstagmorgen von ägyptischen Sicherheitskräften über die Grenze bei Rafah geleitet und vor dort sofort weiter nach Israel gebracht werden. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Tel Nof werden seine Eltern warten und die politische Führung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Wenn alles gut geht, soll er noch am selben Abend in seinem Bett liegen im Heimatdorf Mitzpe Hila. Erst dann wird bei den Eltern die Anspannung der Freude weichen können. Und ein junger Mann von 25 Jahren, der fast 2000 Tage lang gefangen war, muss damit beginnen, ins Leben zurückzufinden.