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Verhandlungen im US-Haushaltsstreit:Gute alte Feinde

Ein Bild aus besseren Tagen: Vor einem halben Jahr saß Barack Obama noch mit Harry Reid (2.v.r.) und Mitch McConnell (r.) beim Mittagessen.

(Foto: Pete Souza/White House)

Der eine fühlt links und gilt als Obamas Mentor, der andere als ärgster Widersacher des Präsidenten: Die Fraktionsführer im Senat, Harry Reid und Mitch McConnell, sollen Amerika vor dem Sturz von der Haushaltsklippe bewahren. Die beiden Politiker bekämpfen sich seit Jahren mit allen Tricks - doch sie eint das Gespür für den kleinsten gemeinsamen Nenner. Es ist zweifelhaft, ob das für einen Deal genügt.

Die Herren ähneln sich, äußerlich wenigstens. Beide bevorzugen gedeckte Anzüge mit Nadelstreifen, tragen rote Krawatten, ordnen ihr längst ergrautes Haar zum akkuraten Seitenscheitel. Sie heucheln Wertschätzung füreinander, nennen sich "lieber Freund" und beim Vornamen. Und einer wie der andere legt sein zerknittertes Gesicht in sorgenvolle Falten, sobald der "ehrenwerte Kollege" redet.

Neulich haben Harry Reid und Mitch McConnell, als Fraktionsführer der Demokraten und Republikaner die mächtigsten Männer im US-Senat, es eine knappe Stunde nebeneinander ausgehalten. Schulter an Schulter hockten sie im November auf zwei Holzstühlen, um in einer Fernsehsendung zu erklären, warum Amerikas Kongress ständig an sich selbst scheitert und von Krise zu Krise dümpelt.

Es war - nach über einem Vierteljahrhundert gemeinsam verlebter Karriere im Senat - ihr erstes gemeinsames Interview. Die Atmosphäre sei angespannt und "sehr kalt" gewesen, hat der CBS-Reporter Steve Kroft hinterher erzählt: "Beide haben sich die ganze Zeit nicht ein einziges Mal angeschaut." Die Polit-Profis hätten es beide geschickt verstanden, "so gut wie keine unserer Fragen zu beantworten". Nur eine klare Erkenntnis gewann Kroft: "Keiner traut dem anderen, keiner glaubt, dass der andere Wort hält."

Dennoch, Amerika blieb am Wochenende nichts anderes übrig, als auf eine Annäherung ausgerechnet dieser beiden Männer zu hoffen. Sonst würde ihr Land "über die Klippe gehen" - über jene Haushaltsklippe, die mit automatischen Steuererhöhungen und Budgetkürzungen dem Land einen erneuten Wirtschaftseinbruch zu bescheren drohte.

McConnell saß am Schreibtisch, Reid in seiner Wohnung

Sämtliche anderen Verhandlungen waren zuvor gescheitert, nach einer Krisensitzung im Weißen Haus beauftragte Präsident Barack Obama die beiden Widersacher, sich im Senat an einen letzten, wenigstens "kleinen Klippen-Kompromiss" zu versuchen.

Unerbittlich stritten beide Lager vor allem um einen Schwellenwert: von welcher Einkommenshöhe an die bisherigen Steuernachlässe auslaufen und reichere US-Bürger mehr Tribut zollen sollen. Die Demokraten verlangen höhere Steuersätze schon ab 250.000 Dollar Jahreseinkommen, die Republikaner wollen allenfalls Millionäre höher belasten. Am Sonntag hieß es, ein Grenzwert von 400.000 Dollar sei der wahrscheinlichste Kompromiss.

Typisch für den Umgang, den Reid und McConnell miteinander pflegen, waren die Verhandlungen am Samstag: Ständig hasteten Mitarbeiter der beiden Senatoren mit neuen Papieren hin und her über den marmornen Korridor, die beiden Büros liegen nur gut 50 Meter voneinander entfernt. Nur, ihre Chefs trafen sich kein einziges Mal: Mitch McConnell, der 70-jährige Senator aus Kentucky, saß zwar sieben Stunden hinter seinem Schreibtisch, aber Harry Reid blieb daheim in seiner Washingtoner Wohnung. Erst am Sonntagmorgen mochte sich Reid, der drei Jahre ältere Kollege aus Nevada, zum persönlichen Gefeilsche mit McConnell aufraffen.