Verhältnis des Westens zu Iran und Saudi-Arabien:Böse Mullahs, gute Scheichs

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Die Rollen sind klar verteilt: Iran ist der Feind, Saudi-Arabien der treue Verbündete. Angesichts der angeblichen Attentatspläne in den USA, in die Teheran verwickelt sein soll, positioniert sich der Westen erneut eindeutig. Dabei ist dieses Urteil bei genauem Hinsehen keineswegs naheliegend: Mit Blick auf Politik, Gesellschaft oder die Rolle der Frauen könnte es auch umgekehrt ausfallen.

Johannes Aumüller

Iran muss für jeden überzeugten Europäer ein grausiges Land sein. Es gibt keine richtige Demokratie, dafür mutmaßlich viel Korruption und Vetternwirtschaft. Die politische Führung unterstützt terroristische Vereinigungen. Homosexuelle und Ehebrecher müssen mit Auspeitschungen und sogar der Todesstrafe rechnen. Die Rolle der Frau ist indiskutabel. Und an der Spitze des Staates steht mit Präsident Mahmud Ahmadinedschad ein Mann, der sowohl den Holocaust als auch das Existenzrecht Israels leugnet. Iran ist das Feindbild des Westens schlechthin, die politische Führung das böse Mullah-Regime und Präsident Ahmadinedschad der "Irre aus Teheran".

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Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad (links) und der saudi-arabische König Abdullah bin Abdul Aziz bei der Ankunft Ahmadinedschads zum OPEC-Gipfel in Riad 2007.

(Foto: AFP)

Auch Saudi-Arabien muss für jeden überzeugten Europäer ein grausiges Land sein. Es gibt überhaupt keine Demokratie, dafür mutmaßlich viel Korruption und Vetternwirtschaft. Die politische Führung unterstützt terroristische Vereinigungen. Homosexuelle und Ehebrecher müssen mit Auspeitschungen und sogar der Todesstrafe rechnen. Die Rolle der Frau ist indiskutabel. Und die politische Führung an der Spitze des Landes vertritt mit Verve den sogenannten Wahhabismus, eine radikale Ausprägung des Islam. Doch Saudi-Arabien ist für den Westen ein arabisches Vorzeigeland, die Clique der Scheichs ein gerngesehener Geschäftspartner und König Abdullah ein treuer Verbündeter.

Hier die bösen Mullahs, dort die guten Scheichs - es ist merkwürdig, wie gegensätzlich der Westen die beiden Regime wahrnimmt, deren Machtkonflikt im Nahen Osten sich mehr und mehr zuspitzt, vielleicht sogar zu einem "neuen kalten Krieg", wie das Wall Street Journal schreibt. Zum wiederholten Mal und besonders intensiv zeigt sich das jetzt in der Debatte um das angeblich geplante Attentat iranischer Agenten auf den saudi-arabischen Botschafter in den USA. Alle Welt empört sich über das iranische Regime - und vergisst darüber die jüngsten Waffendeals mit Saudi-Arabien.

Der Feind Iran, der Verbündete Saudi-Arabien: Gewiss lässt sich diese Konstellation mit den historischen und geostrategischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, den ausfallenden Bemerkungen des iranischen Regimes über Israel oder der wirtschaftlichen Machtverteilung zwischen den beiden Regionalmächten erklären. Und doch weckt die eindeutige Rollenverteilung Zweifel. Wer sich Politik und Gesellschaft dieser beiden Staaten genau anschaut, könnte auch zur Meinung kommen, dass Iran dem Westen viel näher ist als Saudi-Arabien.

[] Politisches System und Innenpolitik:

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Es gibt keine politischen Parteien, keine nationalen Wahlen und die 150 Mitglieder des legislativen Beratungsgremiums bestimmt allein der Monarch. Die gesamte Macht des Landes liegt in den Händen eines einzigen Clans - den Nachfahren des Königs und Staatsgründers Abd al-Aziz ibn Saud. Nur aus ihren Reihen rekrutiert sich gemäß der Verfassung der amtierende Monarch, aktuell der bereits 87-jährige König Abdullah. Die Chancen auf eine Demokratisierung sind minimal.

Das iranische Verfassungsmodell klingt aus demokratietheoretischer Sicht zunächst noch absurder. Das Staatsoberhaupt dort ist formal der zwölfte Imam - der seit dem zehnten Jahrhundert verschwundene Mahdi, der nach schiitischer Glaubenstradition dereinst auf die Welt zurückkehren soll, um sie zu retten. Der jeweils amtierende religiöse Führer - nach der Revolution 1979 zunächst Ayatollah Chomeini, seit dessen Tod 1989 Ayatollah Chamenei - soll die Rückkehr des Mahdis vorbereiten. Entsprechend mächtig ist dieses Amt: Chamenei bestimmt viele wesentliche Positionen, die außenpolitischen Leitlinien, und hat auch den Oberbefehl über die Streitkräfte.

Doch abseits dieser irrwitzig klingenden religiösen Facette und unterhalb der Stellung des religiösen Führers gibt es ein komplexes und verschachteltes Machtgefüge - in dem sich etliche demokratische Elemente finden. Immerhin hat das Volk das Recht, den Präsidenten, das Parlament, die Hälfte des sogenannten Wächterrates und vor allem den Expertenrat zu wählen. Letzterer ist sehr wichtig, da er den religiösen Führer kürt beziehungsweise absetzt.

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