Süddeutsche Zeitung

Verhältnis des Westens zu Iran und Saudi-Arabien:Böse Mullahs, gute Scheichs

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Die Rollen sind klar verteilt: Iran ist der Feind, Saudi-Arabien der treue Verbündete. Angesichts der angeblichen Attentatspläne in den USA, in die Teheran verwickelt sein soll, positioniert sich der Westen erneut eindeutig. Dabei ist dieses Urteil bei genauem Hinsehen keineswegs naheliegend: Mit Blick auf Politik, Gesellschaft oder die Rolle der Frauen könnte es auch umgekehrt ausfallen.

Johannes Aumüller

Iran muss für jeden überzeugten Europäer ein grausiges Land sein. Es gibt keine richtige Demokratie, dafür mutmaßlich viel Korruption und Vetternwirtschaft. Die politische Führung unterstützt terroristische Vereinigungen. Homosexuelle und Ehebrecher müssen mit Auspeitschungen und sogar der Todesstrafe rechnen. Die Rolle der Frau ist indiskutabel. Und an der Spitze des Staates steht mit Präsident Mahmud Ahmadinedschad ein Mann, der sowohl den Holocaust als auch das Existenzrecht Israels leugnet. Iran ist das Feindbild des Westens schlechthin, die politische Führung das böse Mullah-Regime und Präsident Ahmadinedschad der "Irre aus Teheran".

Auch Saudi-Arabien muss für jeden überzeugten Europäer ein grausiges Land sein. Es gibt überhaupt keine Demokratie, dafür mutmaßlich viel Korruption und Vetternwirtschaft. Die politische Führung unterstützt terroristische Vereinigungen. Homosexuelle und Ehebrecher müssen mit Auspeitschungen und sogar der Todesstrafe rechnen. Die Rolle der Frau ist indiskutabel. Und die politische Führung an der Spitze des Landes vertritt mit Verve den sogenannten Wahhabismus, eine radikale Ausprägung des Islam. Doch Saudi-Arabien ist für den Westen ein arabisches Vorzeigeland, die Clique der Scheichs ein gerngesehener Geschäftspartner und König Abdullah ein treuer Verbündeter.

Hier die bösen Mullahs, dort die guten Scheichs - es ist merkwürdig, wie gegensätzlich der Westen die beiden Regime wahrnimmt, deren Machtkonflikt im Nahen Osten sich mehr und mehr zuspitzt, vielleicht sogar zu einem "neuen kalten Krieg", wie das Wall Street Journal schreibt. Zum wiederholten Mal und besonders intensiv zeigt sich das jetzt in der Debatte um das angeblich geplante Attentat iranischer Agenten auf den saudi-arabischen Botschafter in den USA. Alle Welt empört sich über das iranische Regime - und vergisst darüber die jüngsten Waffendeals mit Saudi-Arabien.

Der Feind Iran, der Verbündete Saudi-Arabien: Gewiss lässt sich diese Konstellation mit den historischen und geostrategischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, den ausfallenden Bemerkungen des iranischen Regimes über Israel oder der wirtschaftlichen Machtverteilung zwischen den beiden Regionalmächten erklären. Und doch weckt die eindeutige Rollenverteilung Zweifel. Wer sich Politik und Gesellschaft dieser beiden Staaten genau anschaut, könnte auch zur Meinung kommen, dass Iran dem Westen viel näher ist als Saudi-Arabien.

[] Politisches System und Innenpolitik:

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Es gibt keine politischen Parteien, keine nationalen Wahlen und die 150 Mitglieder des legislativen Beratungsgremiums bestimmt allein der Monarch. Die gesamte Macht des Landes liegt in den Händen eines einzigen Clans - den Nachfahren des Königs und Staatsgründers Abd al-Aziz ibn Saud. Nur aus ihren Reihen rekrutiert sich gemäß der Verfassung der amtierende Monarch, aktuell der bereits 87-jährige König Abdullah. Die Chancen auf eine Demokratisierung sind minimal.

Das iranische Verfassungsmodell klingt aus demokratietheoretischer Sicht zunächst noch absurder. Das Staatsoberhaupt dort ist formal der zwölfte Imam - der seit dem zehnten Jahrhundert verschwundene Mahdi, der nach schiitischer Glaubenstradition dereinst auf die Welt zurückkehren soll, um sie zu retten. Der jeweils amtierende religiöse Führer - nach der Revolution 1979 zunächst Ayatollah Chomeini, seit dessen Tod 1989 Ayatollah Chamenei - soll die Rückkehr des Mahdis vorbereiten. Entsprechend mächtig ist dieses Amt: Chamenei bestimmt viele wesentliche Positionen, die außenpolitischen Leitlinien, und hat auch den Oberbefehl über die Streitkräfte.

Doch abseits dieser irrwitzig klingenden religiösen Facette und unterhalb der Stellung des religiösen Führers gibt es ein komplexes und verschachteltes Machtgefüge - in dem sich etliche demokratische Elemente finden. Immerhin hat das Volk das Recht, den Präsidenten, das Parlament, die Hälfte des sogenannten Wächterrates und vor allem den Expertenrat zu wählen. Letzterer ist sehr wichtig, da er den religiösen Führer kürt beziehungsweise absetzt.

Zugleich gibt es viele verschiedene politische Gruppierungen, die um die Macht ringen - wie die Präsidentschaftswahl 2009 zeigte. Die größte Partei ist die Islamische Gesellschaft der Ingenieure, die zu den Konservativen zählt und der auch Präsident Mahmud Ahmadinedschad angehört. Daneben existiert eine Vielzahl kleiner reformorientierter Gruppen. Viele Liberale wollen diese vereinigen, um eine größere Schlagkraft zu erreichen. Das aber scheiterte bislang an persönlichen Interessen. Allerdings sollte niemand erwarten, dass die Worte liberal oder reformorientiert für diese Politiker dasselbe bedeuten wie für westliche Politiker.

[] Zivilgesellschaft:

Saudi-Arabiens Wirtschaft wächst und wächst. Öl, Gas, Petrochemie und ein Bauboom - vor allem, aber nicht nur in Mekka: Das alles hat Saudi-Arabien zur größten Volkswirtschaft der arabischen Welt gemacht. Doch bei aller ökonomischen Stärke ist offenkundig: Von einer aufgeklärten und funktionierenden Zivilgesellschaft kann kaum die Rede sein. Das ist im wirtschaftlich eher darbenden Iran anders.

Die dortige Zivilgesellschaft hält Vergleichen etwa mit Deutschland zwar nicht stand. Sie ist aber deutlich pluralistischer als in den arabischen Nachbarländern. Internetcafés, Museen und Kinos sind alltäglich. Es gibt einen - zumindest in den großen Städten - gar nicht so kleinen Mittelstand und viele regierungsunabhängige Organisationen, vom Umweltbereich über das Bildungswesen bis hin zu Frauenrechtsorganisationen.

Dabei spielen auch viele deutsche Intellektuelle eine Rolle. Mit Goethe beschäftigen sich die Iraner häufig - zumal dieser mit seinem West-östlichen Diwan den iranischen Nationaldichter Hafis adelte, gar von "Zwillingen" sprach er. Unter den jungen Akademikern ist derzeit die Beschäftigung mit den Werken von Habermas weitverbreitet.

"Die iranische Zivilgesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur weit verbreitet, sie hat auch eine neue Qualität erreicht", sagt der Publizist Bahman Nirumand (unter anderem Autor des Buches Persien, Modell eines Entwicklungslandes). "Während es früher im Wesentlichen um Forderungen nach mehr Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Modernisierung ging, führten das Aufrütteln durch die Revolution und der achtjährige Krieg (mit dem Irak; Anm. d. Red.) zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit der eigenen Kultur, Tradition, aber auch mit der Religion."

[] Rolle und Rechte der Frau:

Es ist erst ein paar Wochen her, da kündigte Saudi-Arabiens König Abdullah eine Reform an. Von 2015 sollen Frauen in seinem Land das Wahlrecht erhalten. Das war aus zwei Gründen allerdings nicht so spektakulär wie es hierzulande zunächst klang: Erstens ließ der König offen, warum denn das Frauenwahlrecht nicht schon beim nächsten, in diesem Herbst anstehenden Urnengang in Kraft tritt, sondern erst in vier Jahren, und zweitens gilt das Wahlrecht nur für Kommunalwahlen, weil es in Saudi-Arabien lediglich Kommunalwahlen gibt.

Dennoch war die Ankündigung des Königs ungewöhnlich, denn die Lage der Frauen in Saudi-Arabien ist miserabel. Alle Frauen müssen in der Öffentlichkeit einen Nikab, also eine Ganzkörperverhüllung, tragen, ihnen stehen nur ein paar Prozent der Arbeitsplätze offen, es herrscht sogar ein Fahrverbot. Eine Frau, die sich kürzlich aus Protest selbst ans Steuer setzte, sollte daraufhin gemäß Gerichtsbeschluss ausgepeitscht werden. Als der Fall öffentlich wurde, verhinderte der König die drakonische Bestrafung.

Auch in Iran ist die Lage der Frauen völlig indiskutabel. Noch immer gilt vor Gericht das Wort eines Mannes mehr als das einer Frau, noch immer erhält eine Frau für denselben Schadensfall weniger Schmerzensgeld als ein Mann, noch immer verliert eine Frau bei einer Scheidung automatisch das Sorgerecht für die Kinder. Und doch gilt das, was die Literaturnobelpreisträgerin Shirin Ebadi vor einigen Wochen in einem Interview mit sueddeutsche.de sagte: "Die Frauen in Iran waren aus gesellschaftlicher und kultureller Sicht immer schon in einer besseren Situation als in anderen islamischen Ländern."

Zumindest unter den Städterinnen, unter den jungen allemal, ist die Zahl der Nikab- beziehungsweise Tschador-Trägerinnen sehr gering; stattdessen tragen sie bunte Kopftücher, die viel Haar zeigen, und schminken sich auffälliger als viele Europäerinnen. Über die Rechte, zu wählen oder Auto zu fahren, können Iranerinnen nur lachen - das ist für sie selbstverständlich. Bestimmte juristische Berufe sind Frauen untersagt, doch es gibt etliche Ärztinnen, Professorinnen und sogar Ministerinnen. Der Run der Frauen auf die Universitäten ist so groß, dass es für manche klassischen Studiengänge mittlerweile Männer-Quoten gibt.

[] Kultur:

Wo teilt sich die Welt in das, was gemeinhin der Westen heißt, und das, was gemeinhin unter arabischer Welt firmiert? Es gibt verschiedene Ansätze und gerade die Entwicklung der Türkei in den vergangenen Jahren macht die Beantwortung schwer. Doch in den meisten Einschätzungen rangiert Iran fest im Block der arabischen Welt - und das ist durchaus zweifelhaft.

Denn Iran ist in mancherlei Beziehungen dem Westen näher als seinen arabischen Nachbarn. Seine Geschichte war über viele Jahrhunderte fixiert auf das Verhältnis zu Griechen und Römern; seine Literatur prägte viele westliche Schriftsteller, nicht nur Goethe; seine Sprache zählt keineswegs zur arabischen Sprachfamilie, sondern vielmehr zu den indoeuropäischen Sprachen, ist also eine entfernte Schwestersprache des Deutschen. Christen und Juden haben es in Iran zwar schwer, aber immerhin: Es gibt sie, und sie dürfen in Iran auch anders als in manchen anderen islamischen Ländern Gemeindearbeit betreiben und Gottesdienste abhalten. Und die Vielfalt und Kreativität in Kunst und Filmen erinnert eher an westliche Werke und kassiert dafür viele internationale Preise - wenngleich die staatliche iranische Zensur massiv dagegen ankämpft.

[] Geostrategie:

Die Überlegungen zu den bisherigen Kriterien lassen vielleicht den Schluss zu, dass Iran der etwas natürlichere Partner wäre, weil er als die westlichere der beiden Regionalmächte scheint. Doch sämtlichen kleinen Vorzügen im politischen System, bei der Beobachtung der Zivilgesellschaft oder bei den Frauenrechten steht ein gewichtiges Argument entgegen: das geostrategische Interesse des Westens und speziell der USA.

Dabei geht es in erster Linie um das Existenzrecht Israels und die Verteidigung von dessen Status als einziger Demokratie im Nahen und Mittleren Osten. Die Tiraden von Ahmadinedschad sind bekannt. Und es wäre naiv, die antiisraelische Einstellung alleine auf den derzeit amtierenden Präsidenten zu reduzieren. Dessen Haltung zu Israel ist in der politischen Elite Irans Allgemeingut - wenn auch die meisten das anders ausdrücken würden. Selbst der vom Westen als so liberal gefeierte Mohammed Chatami ehrte zu seiner Zeit als Präsident einen iranischen Sportler, der sich geweigert hatte, in einem Wettkampf gegen einen Israeli anzutreten.

Ähnliches gilt für den Atomkurs des Landes. Nicht nur Ahmadinedschad, sondern vor allem der religiöse Führer Chamenei treibt diesen voran. Selbst wenn sich bei der Präsidentschaftswahl 2009 ein Oppositionskandidat wie Mussawi oder Karrubi durchgesetzt hätte, wäre es in der Sache bis heute wenig anders verlaufen.

Zudem könnten westliche Politiker aus guten Gründen bezweifeln, dass Iran sich als stabiler Verbündeter erweisen würde. Denn große Teile der Bevölkerung mögen zwar westliche Lebensformen oder sogar ein Leben im Westen anstreben - doch Amerika als solches sehen sie skeptisch. Das hat vor allem mit zwei historischen Ereignissen zu tun: zum einen dem von der CIA herbeigeführten Sturz des demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh in den fünfziger Jahren und zum anderen mit der Aufrüstung von Iraks Diktator Saddam Hussein zum Gegner im acht Jahre andauernden Krieg in den achtziger Jahren.

Ganz anders verhält sich in all diesen Fragen Saudi-Arabien. Die Monarchie erkennt nicht nur das Existenzrecht Israels an, sondern arbeitet auch auf Geheimdienstebene eng mit Jerusalem zusammen, um zum Beispiel Informationen über Irans Atomprogramm auszutauschen. Es gibt sogar Gerüchte, dass Saudi-Arabien der israelischen Luftwaffe Überflugrechte für einen Angriff auf die iranischen Atomanlagen erteilen würde. Zudem arbeitet das Königreich seit Jahrzehnten wirtschaftlich eng mit den USA zusammen und hat sich schon oft als Bündnispartner bewährt.

So kommt es, dass die USA an Iran sehr rigide Maßstäbe anlegen - bei Saudi-Arabien aber einiges geflissentlich übersehen.

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