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Aufstand gegen Maduro:Warum so viele Venezolaner verzweifelt sind

Eine Venezolanerin bei Protesten gegen das Regime von Maduro im benachbarten Kolumbien.

(Foto: AFP; Bearbeitung SZ)

Hyperinflation, Armut, Säuglingssterblichkeit: Die Proteste in dem Land sind auch Folge einiger trauriger Rekorde. Der Niedergang in diesen Lebensbereichen hat einen gemeinsamen Grund.

Von Jana Anzlinger (Text), Christian Endt und Moritz Zajonz (Grafiken)

Barrikaden brennen, Tausende drängen sich auf den Straßen und schwenken gelb-blau-rote Fahnen, viele rufen "Sí, se puede" oder einfach "Libertad, Libertad": Aus Venezuelas Hauptstadt Caracas gehen dramatische Bilder um die Welt. Im Zuge der Massenproteste hat sich der Parlamentspräsident Juan Guaidó mit Unterstützung der USA selbst zum Staatschef erklärt. Guaidó begründet den Versuch eines Coups gegen Präsident Nicolás Maduro damit, dass dieser als despotisch regierender Staatschef seine demokratische Legitimation verloren habe.

Mutmaßliche Wahlmanipulationen, Maduros Vorgehen gegen seine Gegner oder sein blutiges Niederschlagen bisheriger Proteste sind aber für viele Venezolaner nicht die einzigen Gründe, aus denen sie protestieren. Die wirtschaftliche Lage der Menschen ist desolat. Erstmals gehen deshalb auch viele Arbeiter auf die Straße. Seit Jahren leiden sie unter einer Wirtschafts- und Versorgungskrise, es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten, selbst an Toilettenpapier. Universitäten schätzen aufgrund einer Befragung, dass fast zwei Drittel der Bewohner des Landes hungern - und diese allein 2017 im Durchschnitt elf Kilogramm abgenommen haben.

Nach der Wahl des Sozialisten Hugo Chávez 1999 war es in vielen Bereichen zunächst aufwärts gegangen. Chávez stand für eine Umverteilung des Wohlstands von korrupten Eliten auf die Bevölkerung. Weniger Menschen mussten an oder unter der Armutsgrenze leben. Chávez profitierte auch vom hohen Weltmarktpreis für Öl. Doch bald nach Maduros erster Wahl 2013 und dem Preissturz ab 2014 begann das System zu kollabieren. Heute gilt mehr als die Hälfte der Bevölkerung als extrem arm.

Auch das Gesundheitssystem hatte sich nach der selbsternannten "Bolivarischen Revolution" von Hugo Chávez zunächst verbessert, mit Hilfe unter anderem aus Kuba war ein kostenloses Versicherungssystem für alle eingeführt worden. Die Lebenserwartung bei der Geburt ist zwar annähernd so hoch wie im Rest des Kontinents.

Doch die Säuglingssterblichkeit hat in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. 2017 starben 26 von 1000 Babys, doppelt so viele wie etwa im Nachbarland Kolumbien - und auch fast doppelt so viele wie im Kriegsland Syrien.

Für die humanitäre Katastrophe in dem Land wird vor allem die schlechte Wirtschaftslage seit dem Fall des Ölpreises verantwortlich gemacht. Venezuela ist das ölreichste Land der Welt. Die Wirtschaft ist von dem Rohstoff abhängig und produziert ansonsten fast nichts selbst. Als der Ölpreis 2014 und 2015 um etwa die Hälfte abstürzte, brachen auch die Einnahmen ein. Hinzu kommt, dass der Hauptabnehmer USA immer weniger Öl aus Venezuela importiert. So sind Venezuelas Erdölexporte sichtbar eingebrochen.

In den vergangenen Jahren erlitt das Land dementsprechend einen zweistelligen Rückgang der Wirtschaftsleistung. 2018 sank das Bruttoinlandsprodukt um 18 Prozent.

Hinzu kommt eine Hyperinflation. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bescheinigt dem Land praktisch den totalen Kaufkraftverlust bei einer Preissteigerung von 1,4 Millionen Prozent im Jahr 2018. Westliche Volkswirtschaften streben in der Regel eine Zielmarke von etwa zwei Prozent an, um Preisstabilität zu gewährleisten. In Lateinamerika liegt die Inflation durchschnittlich bei etwa sechs Prozent. Die Menschen in Venezuela zahlen inzwischen fast ausschließlich mit Debitkarte, weil sie gar nicht so viel Geld tragen können, wie sie zum Einkaufen bräuchten.

Maduro versuchte, die Wirtschaft mit einer neuen Kryptowährung namens Petro wieder anzukurbeln. Ansonsten aber hat seine Regierung gegen die Krise kaum etwas unternommen. Wie Guaidó die Menschen aus dem ökonomischen Elend retten will, ist unklar. Gewinnt er den Machtkampf, könnte er dabei wohl eher auf internationale Unterstützung hoffen als der Sozialist Maduro.

Bis jetzt sind drei Millionen Menschen aus dem Land geflohen, das insgesamt nur etwa 32 Millionen Einwohner hat.

Die meisten Flüchtlinge halten sich in den Nachbarländern Kolumbien und Brasilien sowie in Ecuador und Peru auf. Viele haben aufgrund der ökonomischen Lage keine Zukunft gesehen, andere fürchteten politische Gewalt. Etwa 400 aus Venezuela Geflüchtete haben 2018 in Deutschland einen Asylantrag wegen Verfolgung gestellt.

© SZ.de/bepe/cat

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