USA Trumps Strategie gegen den IS könnte zu mehr zivilen Opfern führen

US-Kampfflugzeuge über dem syrisch-irakischen Grenzgebiet.

(Foto: Hamad/Reuters)
  • Bereits im Wahlkampf kündigte der amtierende US-Präsident Trump eine grundlegende Überarbeitung der Anti-IS-Strategie der USA an.
  • Auch wenn er sich nicht in allen Punkten von der Vorgehensweise seines Vorgängers Obama abwendet: Alles deutet darauf hin, dass er zusätzliche Truppen in den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" schickt und dem Militär deutlich mehr Freiheiten lässt.
  • Die US-Generäle freut das - doch es gibt bereits einige Anzeichen dafür, dass Trumps Politik auch zu mehr zivilen Opfern in Irak und Syrien führt.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Iraks Premier Haidar al-Abadi war nach seinem Treffen mit US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus der Überzeugung, dass "diese Regierung sich stärker im Kampf gegen Terrorismus engagieren will". Er sei zufrieden, dass Trump ihm zugesichert habe, die USA würden ihre Unterstützung für den Irak im Kampf gegen die Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) noch beschleunigen.

Was das genau heißt, wollten aber weder er noch Trump preisgeben. Der Präsident hatte im Wahlkampf von einem Geheimplan geredet, um den IS zu zerstören, davon, dass er die Hölle aus den Dschihadisten herausbomben wolle. Verteidigungsminister James Mattis trug er auf, binnen 30 Tagen die Anti-IS-Strategie zu überarbeiten - das ist jetzt schon sieben Wochen her.

Krieg in Syrien

Dutzende Tote bei mutmaßlichem US-Luftangriff auf syrische Moschee

Etwa 300 Gläubige sollen sich zum Abendgebet in dem Gebäude nahe der syrischen Stadt Aleppo aufgehalten haben. Das US-Verteidigungsministerium weist die Verantwortung für den Angriff zurück.

Die neuen Freiheiten für das US-Militär könnten zu mehr zivilen Opfern führen

Nimmt man zum Maßstab, was im Irak und in Syrien geschieht, sieht vieles danach aus, dass Trump im Vergleich zu Barack Obama den Generälen deutlich mehr Freiheiten lässt und auch zusätzliche Truppen schickt. Nicht erkennbar dagegen ist eine Abkehr von Obamas wichtigster strategischen Prämisse, dass lokale Verbündete von der irakischen Armee bis zu den syrischen Kurden die Hauptlast des Kampfes gegen den IS tragen sollen. Trump lobte den Mut der irakischen Soldaten - die von manchen erwartete Entsendung eines großen Kontingents von US-Bodentruppen aber stellte er nicht in Aussicht.

In Washington hat die Verlegung von bis zu 400 US-Marines samt Artillerie nach Nordsyrien Aufsehen erregt; unter Obama gab es dort nur 500 Militärberater und Elitesoldaten. Die Marines sollen mit 155-Millimeter-Haubitzen den Sturm auf die IS-Hochburg Raqqa unterstützen.

Ähnliche Geschütze sind südlich von Mossul stationiert und haben sich für die irakischen Einheiten als überlebenswichtige Unterstützung erwiesen, wenn sie in Hinterhalte des IS liefen oder dessen Befestigungsanlagen durchbrechen mussten. Sie können Ziele in bis zu 60 Kilometer Entfernung mit GPS-gesteuerten Granaten auf wenige Meter genau treffen. Dabei beträgt die Reaktionszeit wenige Minuten, auch bei Dunkelheit und schlechtem Wetter - anders als Luftnahunterstützung durch Kampfjets. Nach diesem Muster sollen die Marines in Syrien jetzt die Raqqa-Offensive unterstützen. In Syrien kommt erschwerend hinzu, dass die US-geführte Koalition jeden Luftangriff mit Russland abstimmen muss.

Laut Washington Post ist die zeitlich begrenzte Stationierung nicht das Ergebnis von Trumps Strategie-Überprüfung, sondern eine Option, die das Pentagon unter Obama entwickelt hatte. Der genehmigte selbst, drei Apache-Kampfhubschrauber nach Syrien zu verlegen. Trump lässt nun 2500 weitere US-Soldaten als Reserve nach Kuwait entsenden, die sowohl im Irak als auch in Syrien eingesetzt werden könnten.

In Washington wächst die Sorge, dass das Militär Trump zunehmend vorgibt, was zu tun sei. Die Lockerung von Einsatzregeln könnte dazu führen, dass mehr Zivilisten bei Angriffen sterben, was Obama zu vermeiden versuchte. Dafür lässt sich die verpfuschte Kommando-Operation in Jemen gegen al-Qaida anführen oder der Luftangriff auf einen Gebetsraum in Syrien, bei dem mehr als 40 Zivilisten umgekommen sein sollen.

Obama hat zum Wiedererstarken der Taliban beigetragen

Unter Obama klagte das Militär über Mikromanagement. Strikte, politisch motivierte Vorgaben für Militäroperationen haben sich in der Vergangenheit aber nicht zwingend als vorteilhaft erwiesen: Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld setzte 2003 seine Doktrin durch und schickte das US-Militär nicht nur mit erlogenen Gründen, sondern auch mit viel zu wenig Truppen in den Irak. Obamas Vorgaben für den Rückzug aus Afghanistan gegen den Rat der Generäle trug dort zum Wiedererstarken der Taliban bei.

Führende US-Generäle deuten an, dass sie gegen den Widerstand der Türkei daran festhalten, Raqqa mithilfe der kurdischen YPG-Milizen vom IS zu befreien - wohl erst Mitte April nach dem Verfassungsreferendum. Ankara sieht in den YPG eine Terrorgruppe. Offiziell hat Trump noch keine Entscheidung getroffen. Außenminister Rex Tillerson fliegt Ende März nach Ankara, wo er wohl Garantien hinterlegen wird, dass die YPG nach der Eroberung Raqqas wieder abziehen. Unbeantwortet bleibt, wie sich die USA im Irak und in Syrien engagieren werden, wenn der IS vertrieben ist. Die entscheidende und kompliziertere Frage aber bleibt, wie diese Länder politisch stabilisiert werden können - nur so kann dem IS-Terrorismus dauerhaft die Grundlage entzogen werden.