US-Wahl Clinton überzeugt in der TV-Debatte gegen schwachen Trump

Gegen einen unvorbereiteten Donald Trump präsentiert sich Hillary Clinton mit kompetenter Nüchternheit. Das genügt, um den Republikaner zu düpieren.

Von Johannes Kuhn, New Orleans

Zwei Kandidaten, bis zu 100 Millionen Amerikaner vor den TV-Geräten und niemand weiß, was passieren wird: Das ist die Ausgangslage vor dem ersten Fernsehduell von Hillary Clinton und Donald Trump. Und in der Tat lässt sich die TV-Debatte der beiden Präsidentschaftsanwärter 2016 mit keiner vorausgegangenen vergleichen.

In den 90 Minuten legen die historisch unbeliebten Kandidaten am Rande ihre Vision für das Amerika der Zukunft dar, konzentrieren sich jedoch vor allem darauf, die Zweifel an ihrem Gegner zu schüren. Zunächst gelingt das 20 Minuten lang Trump: Die "Ministerin Clinton" habe keine Ahnung und sei nun plötzlich gegen den Freihandel, nachdem er das Thema aufgebracht habe. "Hillary, du hast dich seit 30 Jahren damit beschäftigt", wirft er der sich etwas windenden Politikerin angesichts der Deindustrialisierung in Teilen des Landes vor, "wieso denkst du jetzt erst an Lösungen?"

Doch dann wird aus der aufgesetzten Nettigkeit, mit der der Republikaner Clinton zunächst begegnet, schnell Aggressivität: Immer wieder fällt der Kandidat seiner Rivalin ins Wort, wirft ihr vor, den Islamischen Staat "ihr ganzes Erwachsenenleben" (die Organisation ist erst zwölf Jahre alt) ohne Erfolg bekämpft zu haben und mit ihren Steuerplänen die (wohlhabenden) Macher zu vergraulen.

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Clinton, nun gelassener, pariert solche Vorwürfe. "Am Ende dieses Abend bin ich wohl für alles verantwortlich, was schiefläuft. Für alles", sagt sie nach einer weiteren Einlassung des Gegners. Und Trump antwortet trocken: "Warum nicht?" Clinton lacht. "Warum nicht? Ja, warum nicht? Weißt du, debattiere einfach, indem du noch mehr verrückte Sachen sagst."

"Das stimmt nicht!", lügt Trump

In diesem Moment beginnt die Diskussion dem 70-Jährigen zu entgleiten. Clinton kann wie im Politik-Seminar ihre Ideen darlegen, während Trump wie bereits in den Vorwahl-Debatten vor allem Wahlkampfreden-Versatzstücke verwendet. Und es ist die 68-Jährige, die effektiver die Glaubwürdigkeit ihres Gegenübers in Zweifel zieht: Er habe den Klimawandel als Erfindung der Chinesen bezeichnet ("Das stimmt nicht!", lügt Trump), sei für den Irak-Einmarsch gewesen ("Das stimmt nicht!", lügt Trump).

Vielleicht veröffentliche er seinen Steuerbescheid nicht, weil er gar nicht so reich sei, oder keine Steuern zahle oder nicht viel Geld spende, provoziert ihn Clinton. "Ich werde meine Steuerbescheid gegen den Willen meiner Anwälte veröffentlichen, wenn sie ihre 33 000 gelöschten E-Mails heranschafft", zischt Trump zurück. Mehr als 40 Mal unterbricht der Republikaner die ehemalige Außenministerin, Moderator Lester Holt gelingt es den ganzen Abend lang nicht, Ordnung in die Diskussion zu bringen, die eigentlich keine ist.

Das konservative Amerika hatte gehofft, dass Trump sich nur präsidialer als erwartet präsentieren muss, um die unentschlossenen Wähler auf seine Seite zu ziehen. An diesem Abend jedoch muss der sich jedoch vor allem rechtfertigen: Für seine Aussagen über Afroamerikaner, deren Lebensumstände in den Innenstädten er erneut als "Hölle" bezeichnet, für seine Missachtung von Frauen, seine Zweifel an Obamas Geburtsort und seinen aufbrausenden Charakter.

"Mein stärkster Vorzug ist mein Naturell"

"Mein stärkster Vorzug ist mein Naturell", rechtfertigt sich der Immobilien-Unternehmer, "weil es ein Gewinner-Naturell ist". Clinton dagegen habe "weder das Aussehen, noch die Kondition, um Präsidentin zu sein". Die frühere Außenministerin kontert lächelnd: "Sobald er 112 Länder bereist hat, kann er mit mir über Kondition sprechen."

Viel Neues und Erhellendes ist in diesen 90 Minuten nicht zu erleben - in gewisser Weise bestätigen beide das Klischee-Bild von sich: Trump als reizbarer Egoist mit oberflächlichem Wissen, Clinton als gut vorbereitete, aber ziemlich von sich überzeugte Berufspolitikerin ohne inspirierende Ideen für das Land.

Selbst die Expertenrunde von Fox News ist am Ende unzufrieden mit der Vorstellung des Republikaners. Der beschwert sich danach über die Auswahl der Fragen und sieht sich - natürlich - trotzdem als Sieger.

Theoretisch dürfte Hillary Clinton 41 Tage vor der Wahl dem nächsten Aufeinandertreffen gelassen entgegensehen. Doch ihr Rivale hat dem Kommentariat in den vergangenen Monaten wiederholt eine Lektion erteilt: Mediale Wahrnehmung und die Wirkung auf die Wähler sind zwei unterschiedliche Dinge. Und Kompetenz, professionelles Auftreten und eine optimistische Botschaft sind in diesem Wahlkampf keine Garantie dafür, am Ende ins Weiße Haus einziehen zu dürfen.