US-Präsident Abraham Lincoln: Der bessere Amerikaner

Der Präsident starb als Sieger, zum Versöhner wurde er nicht mehr.

(Foto: Alexander Gardner)

Die Nation verehrt Lincoln als Heiligen - und doch kratzen manche in den USA an seinem Denkmal. Über einen von Mythen umwehten Mann.

Von Roman Deininger

Es ist ein grauer, nasser Februarmorgen, an dem Abraham Lincoln Springfield verlässt, der 11. Februar 1861. Seine ganze Heimatstadt ist auf den Beinen, um ihn, den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, zu verabschieden. Vereinigt ist da freilich längst nichts mehr, die Rebellion des Südens hat begonnen.

Über dem Kapitol von Montgomery, Alabama, weht die Fahne der Konföderierten Staaten - die Fahne einer zweiten Nation auf amerikanischem Boden. Lincoln wird ein Land im Zerfall regieren. Am kleinen Bahnhof von Springfield wartet der rot-weiß-blau geschmückte Sonderzug, mit dem er nach Washington fahren wird, hinaus aus der Prärie von Illinois, hinein in die Weltgeschichte.

Von der Plattform des letzten Waggons aus wendet sich Lincoln an seine Nachbarn und Freunde: "Hier habe ich ein Vierteljahrhundert gelebt, hier bin ich von einem jungen zu einem alten Mann geworden.

Hier wurden meine Kinder geboren, und eines liegt hier begraben." Zeitlebens hat sich Lincoln in Melancholie gehüllt; später werden ihn düstere Ahnungen peinigen. Jetzt sagt er: "Ich gehe nun, und ich weiß nicht, wann und ob ich überhaupt zurückkehren werde."

Eine uramerikanische Geschichte

Am 3. Mai 1865 ist es wieder ein Zug, der Abraham Lincoln nach Hause bringt, sein Leichnam liegt in einem mit schwarzem Tuch verhängten Salonwagen. Der Zug ist in umgekehrter Richtung genau der Route gefolgt, auf der Lincoln vier Jahre zuvor in die Hauptstadt reiste.

Millionen Menschen haben die Schienen gesäumt und dem ermordeten Präsidenten bei Aufbahrungen in Philadelphia und New York, in Cleveland und Chicago die letzte Ehre erwiesen.

In vier Jahren ist aus dem Provinzanwalt Lincoln ein amerikanischer Heiliger geworden, der Sklavenbefreier, der Retter der Union, und jetzt, gefällt von der Kugel des blindwütigen Südstaatenanhängers John Wilkes Booth, ihr Märtyrer.

Die "Gettysburg Adress", deutsche Übersetzung

Präsident Abraham Lincoln bei der Einweihung des Ehrenfriedhofs am 19. November 1863:

"Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gebildet und dem Gedanken geweiht wurde, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft bestehen kann. Wir haben uns auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges versammelt. Wir sind gekommen, einen Teil dieses Feldes jenen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben hingaben, damit diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, dass wir dies tun. Doch in einem höheren Sinne können wir diesen Boden nicht weihen - können wir ihn nicht segnen - können wir ihn nicht heiligen. Die tapferen Männer, Lebende wie Tote, die hier kämpften, haben ihn weit mehr geweiht, als dass unsere schwachen Kräfte dem etwas hinzufügen oder etwas davon wegnehmen könnten. Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten. Es ist vielmehr an uns, den Lebenden, dem großen Werk geweiht zu werden, das diejenigen, die hier kämpften, so weit und so edelmütig vorangebracht haben. Es ist vielmehr an uns, geweiht zu werden der großen Aufgabe, die noch vor uns liegt - auf dass uns die edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben - auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen - auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben - und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge."

Lincolns Rede gelesen von dem amerikanischen Schauspieler Jeff Daniels auf youtube

Die Geschichte des Abraham Lincoln ist eine uramerikanische Geschichte in ihrer Unwahrscheinlichkeit. Lincoln ist für seine Landsleute bis heute der Erlöser, der aus den Wäldern kam, stark und weise, mit einer Axt in der einen und einer Bibel in der anderen Hand.

Der einfache Mann, der zu Besonderem berufen war, der es aus der fensterlosen Blockhütte an der "frontier" von Kentucky, wo er am 12. Februar 1809 geboren wurde, bis ins Weiße Haus schaffte - zu seiner, zu Amerikas Verabredung mit dem Schicksal.

Selbst für Fidel Castro ist er ein Idol

Lincolns Geschichte ist unwahrscheinlich, und sie ist unwiderstehlich. Nur über Jesus Christus wurde in den USA mehr geschrieben als über Abraham Lincoln. Um seinen 200. Geburtstag im Jahr 2009 herum regnete es wieder einmal neue Bücher; und auch jetzt, da sich am 15. April sein Tod zum 150. Mal jährt, geht ein publizistischer Schauer hernieder.

Die meisten Autoren legen sich ihren Lincoln hübsch zurecht: Old Abe, der Vegetarier. Der Homosexuelle. Der Kommunist, der Feminist, der Geisterbeschwörer. Aber meistens: der bessere Amerikaner. Lincoln gehört wirklich allen: den Republikanern (deren Mitglied er einst war) und den Demokraten; seinen Landsleuten und dem Rest der Welt. Selbst Fidel Castro hat ihn zu seinem Vorbild erklärt, auch wenn es wohl sein Geheimnis bleibt, wo genau dieser Einfluss wirkmächtig wurde.

Begonnen hat die Lincoln-Verehrung erst mit seinem Tod: Dass Booth den Präsidenten am Karfreitag des Jahres 1865 dahinmeuchelte, war eine Vorlage, die sich wenige Tage später der Pfarrer beim Washingtoner Requiem nicht entgehen ließ. Der Ermordete, verkündete er, sei der Jesus Christus der Union, fürs Vaterland am Kreuz gestorben.