Urteil gegen Wikileaks-Informant Manning:Botschaft an andere Leaker

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Das Argument, dass für Bradley Manning als Soldat die Militärjustiz zuständig ist, während andere Whistleblower wie der Prism-Enthüller Edward Snowden vor ein ziviles Gericht gestellt würden, überzeugt nicht wirklich. Kaplan weist darauf hin, dass ein Zivilrichter in einem laufenden Verfahren gegen einen Beamten des Außenministeriums explizit auf Argumente aus dem Manning-Prozess zurückgriff - die Verhandlung von Fort Meade hatte also doch weitreichende Bedeutung.

Dass sich vom Manning-Verfahren auch einiges über den möglichen Umgang mit Edward Snowden ableiten lässt, glaubt nicht nur Bill Keller. Für den früheren Chefredakteur der New York Times sendet das Urteil aus Fort Meade auch eine Botschaft nach Moskau - und an andere Leaker: "Wenn ihr eure Pflicht zur Geheimhaltung brecht, dann werden wir euch aufstöbern und zur Strecke bringen".

Die Obama-Regierung und viele konservative Bürger haben sich ihre Meinung über Bradley Manning, längst gebildet: Er ist ein Verräter, der sein Heimatland in Gefahr gebracht hat. Für liberale Bürgerrechtler, Pazifisten und Libertäre, die die Rolle des Staats beschneiden wollen, ist er hingegen ein mutiges Vorbild, der den Friedensnobelpreis verdient hätte.

Diese enorme Schere in der öffentlichen Wahrnehmung bleibt wohl bestehen - und jede Seite wird alles tun, um ihre "Version" zu stützen. Für den Rechtsexperten Andrew Cohen werden es erst die künftigen Generationen sein, die Manning - und Edward Snowden - ihren Platz in der Geschichte zuweisen. Erst die Kinder und Enkel der heutigen Akteure werden sehen, welche Konsequenzen Politik und Gesellschaft aus den Enthüllungen ziehen und ob die Datensammelwut der Geheimdienste samt der Prism- und Tempora-Programme eingedämmt wird.

Auch Daniel Ellsberg, der 1971 die Pentagon Papers über den Vietnamkrieg weitergab und sich heute für Snowden und Manning einsetzt, wurde anfangs als Verräter geschmäht und nicht sogleich als bisher wichtigster Whistleblower der US-Geschichte gefeiert. Insofern war das am Dienstag gefällte Manning-Urteil wohl das Beste, was für Amerikas Demokratie möglich war. Das historisch wichtigere Urteil wird noch lange Zeit auf sich warten lassen.

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