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Umfrage in Europa:72 Prozent sehen es als ihre Pflicht, Verfolgte aufzunehmen

Es sind vor allem SPD-Wähler und Anhänger der Grünen, bei denen die Stimmung umgeschlagen ist. Linksliberale Bürger bekundeten im Herbst besondere Willkommens-Euphorie. Zwar sagen auch jetzt nur 37 Prozent aller SPD-Anhänger und nur 27 Prozent aller Grünen, mehr Migranten könne man nicht verkraften. Aber mit plus 18 (SPD) und plus 20 (Grüne) Prozentpunkten haben sich seit September ihre Zweifel verdoppelt beziehungsweise sogar vervierfacht. Hingegen stieg die Skepsis unter CDU-Wählern kaum (36 Prozent im Herbst, 37 Prozent jetzt).

Wenig überraschend ist, dass 86 Prozent aller befragten AfD-Sympathisanten glauben, man könne keine Fremden mehr aufnehmen. Die Deutschen insgesamt zeigen sich zwar nach wie vor zu 72 Prozent (September 79 Prozent) überzeugt, es sei schlicht und einfach "die Pflicht unseres Landes", verfolgte oder notleidende Zuwanderer aufzunehmen. Aber diese Ansicht mag nur jeder dritte AfD-Wähler (32 Prozent) teilen. Im europäischen Vergleich hingegen verspüren die Deutschen - wie schon im Herbst - mehr inneren Antrieb zur Fremdenfreundlichkeit: Nur 56 Prozent aller Franzosen, aber 69 Prozent aller Italiener bekunden ein "Pflicht"-Gefühl zur Aufnahme gestrandeter Migranten.

Die Deutschen sind ängstlicher geworden

Ein wesentlicher Grund, warum sich die Deutschen selbst nach der Aufnahme von mehr als einer Million Menschen im Jahr 2015 noch immer mehr zutrauen als Franzosen und Italiener, ist ihr unerschütterliches Vertrauen in die eigene Wirtschaftskraft. Drei Fünftel aller Bundesbürger (61 Prozent) stimmen dem Satz zu, ihr Land habe "die wirtschaftlichen und finanziellen Mittel, um Migranten aufzunehmen". Das ist zwar weniger als im September 2015 (69 Prozent) - aber mehr als im Oktober vorigen Jahres (59 Prozent). Die Parole der Kanzlerin lebt also fort: "Wir schaffen das!" Weitaus pessimistischer beurteilen Franzosen und Italiener ihre Belastungsfähigkeit: Nur etwa jeder vierte Franzose (28 Prozent) und Italiener (24 Prozent) glaubt, sein Land sei wirtschaftlich stark genug, um noch mehr Fremde zu beherbergen.

Doch auch die Deutschen sind vorsichtiger geworden. Und ängstlicher: Dass sich mit den vielen Flüchtlingen aus dem Irak und aus Syrien auch potenzielle IS-Terroristen auf den Weg nach Westeuropa machen, glauben mittlerweile 79 Prozent. Im September und Oktober, also noch vor den Anschlägen von Paris, wollten dies nur 64 bzw. 68 Prozent der Befragten unterstellen. Der 13. November und sechs Wochen später die Silvesternacht von Köln, so glaubt Jérôme Fourquet, habe die Deutschen ihren Nachbarn näher gebracht. Die massive Furcht, per Zuwanderung als "trojanische Pferde" (Fourquet) auch Terroristen zu importieren, hatten Franzosen und Italiener bereits im Herbst gehegt. Der Schrecken habe die Deutschen ein Stück weit "normaler" und "europäischer" gemacht.

© SZ.de/kjan

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