Ukraine Entern mit Ansage

Die drei gekaperten ukrainischen Schiffe lagen am Montag im russisch kontrollierten Hafen von Kertsch.

(Foto: AFP)

Die Konfrontation in der Meerenge zwischen der Krim und dem russischen Festland hat sich lange abgezeichnet. Nun ist es soweit. Kiew versetzt die Truppen in volle Gefechtsbereitschaft - aber die Marine ist schwach.

Von Julian Hans, Moskau, und Florian Hassel, Warschau

Unfälle sehen anders aus. "Ja, ramm ihn, ramm ihn, verdammt noch mal, halt drauf, ramm die Sau!", hört man einen Mann rufen. Das Video wurde angeblich auf der Kommandobrücke des russischen Patrouillenboots Don aufgenommen und vom ukrainischen Geheimdienst abgefangen. In der etwas mehr als eine Minute dauernden Sequenz folgt das Schiff einem Schlepper, macht einen Schlenker nach rechts und fährt ihm dann mit Karacho in die Seite.

Dass es zwischen der Ukraine und Russland früher oder später krachen würde in den Gewässern vor der Krim, zeichnete sich schon seit diesem Frühjahr ab. Am 16. Mai hatte Wladimir Putin die neue Brücke eingeweiht, die an der Meerenge von Kertsch das russische Festland mit der annektierten Halbinsel verbindet. Nur vier Kilometer breit ist die Wasserstraße an dieser Stelle. Russland hat seitdem die Kontrollen am Eingang vom Schwarzen Meer in das Asowsche Meer verschärft und begründet das damit, das strategisch bedeutende und zugleich verletzliche Bauwerk vor Anschlägen von Krimtataren oder ukrainischen Nationalisten schützen zu müssen.

Die ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk im Asowschen Meer trifft das hart. In diesem Jahr wurden nach Angaben aus Kiew ukrainische und ausländische Schiffe etwa 200 Mal von russischen Grenzern gestoppt, kontrolliert und manchmal länger aufgehalten. Der Handel ist seitdem eingebrochen. Kiew spricht von einer Seeblockade und pocht auf einen Vertrag aus dem Jahr 2003, in dem Russland und die Ukraine vereinbart hatten, das Asowsche Meer als gemeinsames Binnengewässer zu betrachten. Das flache Binnenmeer ist mit 39 000 Quadratkilometern fast so groß wie die Schweiz. Handels- und Marineschiffe Russlands und der Ukraine dürfen es dem Vertrag zufolge frei befahren, das Gleiche gilt für die Meerenge. Nur für Besuche von Kriegsschiffen dritter Staaten ist die Zustimmung des jeweils anderen Landes erforderlich.

Es hätte also eine Routinefahrt sein können, zu der die drei Boote der ukrainischen Marine aufbrachen. Die bewaffneten Patrouillenboote Berdjansk und Nikopol und der Schlepper Yany Kapu sollten vom Schwarzmeerhafen Odessa nach Mariupol verlegt werden - eine Fahrt rund um die Krim. Nach Darstellung Kiews meldete die ukrainische Marine ihre Boote um 4 Uhr früh zur Passage beim russischen Kommando in Kertsch an, bekam aber keine Antwort. Am späten Vormittag habe das in Spanien gelegene Internationale Kontrollzentrum gemeldet, Russland habe die Durchfahrt unter der Brücke wegen eines angeblich auf Grund gelaufenen Frachtschiffes gesperrt. Auf dem Weg dorthin rammte dann das russische Schiff den Schlepper.

Trotz der angeblichen Sperrung der Durchfahrt hätten mehrere russische Schiffe die Meerenge passiert, heißt es aus Kiew. Die ukrainischen Boote, die immer noch keine Antwort von den Russen bekommen hätten, seien bereits umgekehrt und zur Rückfahrt nach Odessa aufgebrochen, als ein russisches Spezialkommando, unterstützt von mindestens einem Kampfhubschrauber und einem Kampfjet, das Feuer eröffnete. Die Russen hätten die Boote geentert und anschließend in den Hafen von Kertsch geschleppt, samt den 23 Besatzungsmitgliedern an Bord, sagte der ukrainische Generalstabschef Wiktor Muschenko. Sechs Ukrainer seien verletzt, davon zwei angeblich schwer.

Nach Auffassung Moskaus waren die Boote vor der Krim ohne Genehmigung in russische Hoheitsgewässer eingedrungen. Kiew räumte am Montag ein, dass sich die Schiffe in der Zwölf-Meilen-Zone vor der Halbinsel befanden, betrachtet diese aber nach wie vor als ukrainische Hoheitsgewässer, da es die Annexion nicht anerkennt und dabei die Mehrheit der internationalen Gemeinschaft auf seiner Seite weiß.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die OSZE, die Nato und die Europäische Union beriefen am Montag Sondersitzungen ein. Eine Sprecherin der EU rief die Regierung in Moskau dazu auf, umgehend wieder freien Zugang zum Asowschen Meer zu gewährleisten. Der Bau der Krim-Brücke habe die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt, hieß es in einer Erklärung. "Die EU erkennt die illegale Annexion der Halbinsel nicht an und wird das auch in Zukunft nicht tun."

Gravierende Folgen

Keine vier Wochen ist es her, dass Angela Merkel in Kiew dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ihre Aufwartung gemacht hat. "Ich weiß, dass die Ukraine ein der Bundeskanzlerin sehr nahestehendes Land ist", lobte der Gastgeber. Tatsächlich hat sich Merkel intensiv mit der Ukraine beschäftigt, der russisch-ukrainische Konflikt zählt zu den großen außenpolitischen Themen ihrer Kanzlerschaft. Weshalb die Blicke nun unausweichlich auch nach Berlin gerichtet sind. Man nehme die Ereignisse im Asowschen Meer "mit sehr großer Sorge zur Kenntnis", sagte Regierungssprecher Stefan Seibert am Montag. Mit beiden Seiten stehe man in Kontakt.

Frankreich und Deutschland seien bei Bedarf bereit, sich gemeinsam als Vermittler einzuschalten, um eine weitere Verschärfung der Krise zu verhindern, kündigte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) denn auch bei einem Besuch in Madrid an. Der Zufall wollte es, dass schon am Montag die Politischen Direktoren der Außenministerien Russlands, der Ukraine, Frankreichs und Deutschlands in Berlin zusammenkamen. Es war eine Sitzung im "Normandie-Format", das über die Umsetzung des Minsker Abkommens zur Befriedung des Donbass berät. Das hat zwar mit der Meerenge von Kertsch und der Krim wenig zu tun. Deutschland und Frankreich hätten aber gemeinsam dazu aufgerufen, "konkrete Schritte zur Deeskalation der Lage zu unternehmen", hieß es.

Die Bundesregierung hat, sagte Seibert, "gravierende Fragen, vor allem im Hinblick auf den Einsatz militärischer Gewalt durch russische Kräfte". Für diese gebe es "auf Basis der uns zur Verfügung stehenden Fakten keinerlei Rechtfertigung". Daniel Brössler

Moskau warf Kiew und dem Westen vor, den Konflikt absichtlich anzuheizen. "Russland hat das Regime in Kiew und seine westlichen Hintermänner mehrmals davor gewarnt, eine künstliche Hysterie um das Asowsche Meer anzufachen", hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums. Es handle sich um eine "gut durchdachte und geplante Provokation", um die Lage in der Region weiter anzuheizen und neue Sanktionen gegen Russland zu verhängen.

In Kiew legte Präsident Petro Poroschenko dem Parlament einen Erlass vor, um das Kriegsrecht zu verhängen und ließ die Truppen in volle Gefechtsbereitschaft versetzen - ein bei der Marine indes nur symbolischer Schritt: Hatte die Ukraine beim Zerfall der Sowjetunion über 500 Kriegsschiffe, so überschrieb sie die meisten später Russland. 2014 gingen von der damals noch auf 25 Kriegsschiffe geschätzten, großteils im Krim-Hafen Sewastopol stationierten ukrainischen Marine weitere vier Fünftel verloren, als die dortigen ukrainischen Marinekommandeure Sergej Jelissejew und Denis Beresowskij mit etlichen Untergebenen und ihrer Ausrüstung zu den Russen überliefen - und anschließend hohe Kommandos in der russischen Flotte bekamen. Heute verfügt die ukrainische Marine gerade einmal über zwei Dutzend Schiffe, die meisten davon Patrouillenboote.

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