Ukraine im Umbruch:Kiew meldet Rückeroberung von Mariupol

Nach schweren Gefechten haben ukrainische Regierungstruppen die ostukrainische Hafenstadt Mariupol eingenommen. Kiew rechnet damit, dass Russland die Gaslieferungen drosselt. Die Basketball-EM 2015 in der Ukraine wurde abgesagt - wegen der unsicheren Lage.

  • Keine Basketball-EM in der Ukraine - Verband ist Lage zu unsicher
  • Ukraine erwartet baldige Kürzung von russischen Gaslieferungen
  • Ukraine meldet Rückeroberung von Hafenstadt Mariupol
  • Poroschenko und Putin telefonieren erstmals - und machen sich gegenseitig heftige Vorwürfe.
  • In Donezk explodiert das Auto eines Separatistenführers. Es gibt Spekulationen über einen Mordanschlag.
  • Die Aufständischen in der Ostukraine fordern Hilfe durch russische Truppen.

Keine Basketball-EM in der Ukraine

Der europäische Basketball-Verband FIBA Europe sagt die für 2015 geplante Europameisterschaft in der Ukraine ab. In München begründete der Verband seine Entscheidung mit der unsicheren Lage. Die Ausrichtung der EuroBasket 2015 wird nun neu ausgeschrieben, die Entscheidung wird bis spätestens 30. September 2014 erwartet. Mehrere Verbände hatten zuvor angekündigt, bei Bedarf einzuspringen, darunter auch der Deutsche Basketball Bund (DBB). Möglich sind Einzel- und Gruppenbewerbungen.

Ukraine meldet Rückeroberung von Hafenstadt Mariupol

Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben die südöstliche Hafenstadt Mariupol aus der Hand prorussischer Separatisten befreit. Die Lage in der Stadt mit 500 000 Einwohnern am Schwarzen Meer sei "stabilisiert", sagte Präsident Petro Poroschenko am Freitag. Die Armee griff nach Angaben von Innenminister Arsen Awakow am frühen Morgen Stellungen der prorussischen Milizen in Mariupol an. Darauf seien mehrstündige Gefechte gefolgt, bei denen zahlreiche Separatisten getötet und vier ukrainische Soldaten verletzt worden seien, einer von ihnen schwer. Auf dem Rathaus von Mariupol wehe inzwischen wieder die ukrainische Flagge, erklärte Awakow. Poroschenko erklärte, die Armee habe "Heldenmut" bewiesen. Zudem teilte er mit, den Gouverneur der Region Donezk, Sergij Taruta, angewiesen zu haben, seine Amtsgeschäfte ab sofort zunächst von Mariupol aus zu führen. Tarutas Verwaltungssitz in der Stadt Donezk wird seit mehr als zwei Monaten von prorussischen Milizen besetzt gehalten. Der ukrainische Milliardär und Gouverneur, Igor Kolomojski, schlug unterdessen vor, die Grenze zu Russland auf der kompletten Länge von 1920 Kilometern mit einem Elektrozaun abzusichern.

Ukraine erwartet baldige Kürzung von russischen Gasliferungen

Die Ukraine stellt sich darauf ein, dass Russland ab Montag seine Gaslieferungen kürzt. Ministerpräsident Arseni Jazenjuk wies den Energiesektor an, sich darauf vorzubereiten. Er forderte zudem die Regulierungsbehörde auf, die Durchlaufgebühren für russisches Gas auf den Prüfstand zu stellen. Russland transportiert rund die Hälfte seines Erdgases für Europa via Pipelines, die durch die Ukraine führen. Russland und die Ukraine streiten seit Monaten über offene Rechnungen, die der ukrainische Gaskonzern Naftogaz beim russischen Monopolisten Gazprom hat. Die EU-Kommission versucht in dem Fall zu vermitteln. Russland droht mit der Einführung einer Vorkasseregelung bei der Gaslieferung, sollte die Ukraine bis Montag nicht weitere Schulden bei Gazprom begleichen. Bislang konnten sich beide Länder nicht auf einen Gaspreis einigen.

Telefonat von Poroschenko und Putin

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat seinem russischen Kollegen Wladimir Putin seine Pläne zur Lösung des Konflikts mit den prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine dargelegt. In dem Telefongespräche beschwerte er sich aber auch über das angebliche Eindringen russischer Panzer, wie sein Sprecher erklärte. Poroschenko habe Putin bei ihrem Telefongespräch "von seinem Plan zur Beruhigung der Lage im Südosten der Ukraine unterrichtet", sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow. Poroschenkos Sprecher erklärte mit Blick auf Berichte über den Einsatz dreier russischer Panzer im Osten der Ukraine, der Präsident habe dies als "inakzeptabel" bezeichnet. Innenminister Arsen Awakow hatte zuvor bereits den Einsatz russischer Panzer durch die prorussischen Separatisten erwähnt, dabei aber nicht Russland verantwortlich gemacht.

Vorwürfe aus Russland

Russland brachte unterdessen einen neuen Resolutionsentwurf zur Ukraine im UN-Sicherheitsrat ein. Russlands UN-Botschafter Vitali Tschurkin sagte, es habe "einige Unterstützung" und "einige Vorschläge" bei der Sitzung in New York gegeben. In dem Entwurf wird ein sofortiges Ende der Gewalt, ein dauerhafter Waffenstillstand und eine größere Rolle der UN bei der Lösung des Konflikts gefordert. Tschurkin äußerte sich zudem besorgt über Berichte über den Einsatz von weißem Phosphor durch die Ukraine.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte zuvor eine Untersuchung über den mutmaßlichen Einsatz verbotener Brandbomben gefordert. Hinweise auf den Einsatz von Brandbomben und anderen geächteten Waffen durch die ukrainische Armee seien "beunruhigend" und bedürften einer "dringenden Überprüfung", sagte Lawrow. Er kritisierte zudem, dass die Versuche zur Befriedung in der Ostukraine auf der Stelle träten. Die ukrainische Armee wies die Vorwürfe Lawrows als "absurd" zurück.

Ungeklärte Explosion in Donezk

Aus Donezk meldeten die Separatisten, bei einem Anschlag auf einen Kleinbus von Separatistenführer Denis Puschilin seien zwei seiner Leibwächter getötet worden. Puschilin sei nicht in dem Fahrzeug gewesen, doch seien vier Menschen durch die Explosion verletzt worden, erklärten die Separatisten. Zwei von ihnen seien später ihren Verletzungen erlegen.

Die Forderung der Separatisten

Die militanten Aufständischen riefen Russland zur Entsendung von "Friedenstruppen" in die Ostukraine auf. "Wir halten die Stellungen mit letzten Kräften. Russische Einheiten würden helfen, das Blutvergießen zu beenden", sagte Separatistenführer Denis Puschilin, der auf der Sanktionsliste der EU steht. Russlands Außenminister Sergej Lawrow wies den Appell zurück.

Puschilin sagte weiter, die selbst ernannte Volksrepublik Lugansk habe mehrere Staaten, darunter Syrien und China, um Anerkennung als souveräner und unabhängiger Staat gebeten.

© SZ.de/dpa/AFP/jasch/odg/joba
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