Krieg in der Ukraine:Eine scharfe Waffe gegen die Zivilbevölkerung

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Krieg in der Ukraine: Angst und Entsetzen: Diese Mutter hielt sich mit ihrem Kind im Keller eines beschädigten Luftschutzbunkers östlich von Mariupol auf.

Angst und Entsetzen: Diese Mutter hielt sich mit ihrem Kind im Keller eines beschädigten Luftschutzbunkers östlich von Mariupol auf.

(Foto: Alexei Alexandrov/AP)

Seit Wochen wird vor einem Einsatz chemischer Kampfstoffe im Krieg in der Ukraine gewarnt. Sie können die Menschen in Angst und Schrecken versetzen - es wäre nicht das erste Mal, dass Russland zu diesem Mittel greift.

Von Nicolas Freund und Berit Uhlmann

Berichte über den angeblichen russischen Einsatz chemischer Waffen in Mariupol haben die Angst vor einer weiteren Eskalation des Kriegs in der Ukraine geschürt. Am Montagabend teilte das rechts-nationalistische ukrainische Asow-Regiment auf Telegram mit, Russland habe mit einer Drohne über der Hafenstadt eine unbekannte Substanz abgeworfen, mehrere Personen sollen unter Atemproblemen und Störungen des Bewegungsapparats leiden. In sozialen Netzwerken kursiert auch ein Video, in dem ein Mann, dem es allerdings gut zu gehen scheint, Lähmungen, Herzrasen und Atemprobleme beschreibt. Die Angaben und die Echtheit des Videos konnten bisher nicht überprüft werden, da die Stadt seit Wochen von der russischen Armee belagert wird. Laut der stellvertretenden ukrainischen Verteidigungsministerin Hanna Malyar könnte in Mariupol auch Phosphormunition zum Einsatz gekommen sein. Es ist unklar, ob sie sich damit auf die Vorwürfe des Asow-Regiments oder auf einen weiteren Vorfall bezieht. Phosphormunition brennt extrem heiß, verursacht aber normalerweise nicht die beschriebenen Symptome.

Vor einem möglichen Einsatz chemischer Waffen im Krieg in der Ukraine wird seit Wochen gewarnt. Zuletzt hatten auch die prorussischen Separatisten in der Donbass-Region selbst diese Möglichkeit ins Spiel gebracht, wie auch russische Medien berichteten. Sie wollten Chemiewaffen einsetzen, um mit möglichst wenig eigenen Verlusten die verbleibenden ukrainischen Truppen in Mariupol zu besiegen. Diese haben sich wohl in einem teilweise unterirdischen Komplex am Hafen der Stadt verschanzt. Die prorussischen Separatisten bestreiten aber, in Mariupol tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt zu haben.

Strategisch ist der Einsatz chemischer Kampfstoffe ohnehin beschränkt, da sie zwar leicht mit herkömmlichen Waffen wie Raketen verteilt, dann aber nur schwer kontrolliert werden können. Eingesetzt werden sie vor allem, um beim Gegner und der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Denn die Stoffe können in kleinsten Mengen sowie bereits bei Hautkontakt tödlich sein und den Körper auf unterschiedliche Weise angreifen. Nervenkampfstoffe wie Sarin schädigen das zentrale Nervensystem und können so die Atem- und Kreislauffunktionen des Körpers hemmen; sie führen oft zu einem qualvollen Tod. Andere greifen das Atemsystem direkt an oder beeinträchtigen den Transport von Sauerstoff im Blut. Wieder andere können schwerste Verletzungen der Haut verursachen. Überleben die Menschen, können körperliches und seelisches Leid für sehr lange Zeit andauern.

Als chemischer Kampfstoff zählt der Chemiewaffenkonvention zufolge jegliche Chemikalie, die den Tod, vorübergehende Handlungsfähigkeit oder dauerhafte Schäden verursacht. Dazu gehören auch Substanzen, die im zivilen Bereich eingesetzt werden, wie Chlor, das als Bleichmittel oder zur Desinfektion von Wasser angewendet wird. Der Besitz, die Entwicklung und der Einsatz von Chemiewaffen ist international geächtet, auch Russland und die Ukraine haben das Abkommen unterzeichnet. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij sagte am Dienstag, man nehme die Drohung des Einsatzes von Chemiewaffen sehr ernst und erwarte in einem solchen Fall härtere und schnellere internationale Reaktionen. Die britische Außenministerin Liz Truss twitterte, die Vorwürfe würden untersucht werden. US-Präsident Joe Biden hatten schon vor Wochen gewarnt, der Einsatz von Chemiewaffen im Krieg in der Ukraine würde eine entsprechende Reaktion der USA auslösen, er ließ aber offen, was genau er damit meinte.

Ohnehin ist ein Einsatz von Chemiewaffen schwer nachzuweisen. Sarin und Chlorgas beispielsweise verflüchtigen sich schnell. Doch Spuren von Giften können unter Umständen noch in den Überresten von Bomben oder Granaten sowie in Blut- und Urinproben gefunden werden. Auch die Symptome der vergifteten Menschen können Hinweise geben. Ebenso können tote Tiere und abgestorbene Pflanzen im Kampfgebiet auf den Einsatz von Chemiewaffen hinweisen.

Obwohl Russland seit 2017 offiziell keine chemischen Waffen mehr besitzt, wird vermutet, das Land habe in der Vergangenheit immer wieder solche Substanzen eingesetzt, und zwar nicht nur in militärischen Konflikten. Die seit 2014 mehrfach verübten Angriffe des von Russland unterstützten Assad-Regimes in Syrien auf die Zivilbevölkerung sind gut dokumentiert. Im März 2018 wurde versucht, den ehemaligen KGB-Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julija im englischen Salisbury mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok zu vergiften, und im August 2020 überlebte der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny nur knapp einen Anschlag mit demselben Gift. Moskau stritt eine Beteiligung jedes Mal ab. Unstrittig ist dagegen ein russischer Gaseinsatz im Jahr 2002: Damals beendeten russische Spezialeinheiten eine Geiselnahme in einem Theater in Moskau, indem sie einen unbekannten Giftstoff in das Gebäude leiteten. Von den 850 Geiseln starben 125 an den Folgen des Gaseinsatzes.

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