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Türkei:Ein flüchtiger Kommentar im Internet genügt, um die Karriere zu riskieren

Wer suspendiert ist, bekommt immerhin noch zwei Drittel des Gehalts, aber die Prüfung der Vorwürfe ziehe sich über Monate, sagt die Gewerkschaft. Sie beklagt, dass die Betroffenen kaum Möglichkeit bekommen, sich zu verteidigen. Die Regierung hat den Ausnahmezustand verhängt, kennt im Moment keine Milde. Ein flüchtiger Kommentar im Internet genügt, um dieser Tage das Ende der Karriere zu riskieren. Andere suspendierte Lehrer erzählten Mantaş, dass ihre Freunde und Verwandten auf Distanz gingen. "Die Gesellschaft kann grausam sein", sagt Mantaş.

Die Stimmung an den Schulen ist angespannt. "Die Lehrer sind im Umgang miteinander zurückhaltender geworden", sagt Işık Uçar, Lehrerin an einer Berufsschule im Viertel Etiler im Norden Istanbuls. Niemand will einen Fehler machen, niemand der nächste sein.

Die Regierung hat eingeräumt, dass es bei den Massenentlassungen und Suspendierungen zu Fehlern gekommen sein könnte. "Wir werden uns das anschauen", versprach Premier Binali Yıldırım. Bei der Oppositionspartei CHP sind deren Angaben zufolge Tausende Beschwerden eingegangen. Das hielt die Regierung nicht davon ab, weitere 10 000 Lehrer zu suspendieren. Dieses Mal wegen angeblicher Nähe zur kurdischen Terrororganisation PKK. Jetzt gilt es, zum 19. September eine gewaltige Lücke zu stopfen. Bildungsminister İsmet Yılmaz hat vor wenigen Tagen erklärt, dass Auswahlgespräche für 15 000 neue Lehrer liefen. Mit dem Finanzministerium steht er in Verhandlungen für ein höheres Budget. "Wir brauchen 30 000 Lehrer in kürzester Zeit, damit es im neuen Schuljahr an nichts fehlt."

Gewerkschafter Çakmak ist alarmiert. Das Problem ist weniger, Personal zu finden, zwischen 200 000 und 300 000 Lehrer seien arbeitslos. Er befürchtet vielmehr, dass die islamisch-konservative AKP-Regierung die Gelegenheit nutzt, ihr nahestehende Pädagogen im Schuldienst unterzubringen. Es ginge um mehr als nur darum, ein Vakuum zu füllen. Seit die AKP regiert, versuche sie, der Religion im Unterricht mehr Platz einzuräumen.

Erdoğan träumt von einer frommen Generation. Was das praktisch heißt, schildert Berufsschullehrerin Işık Uçar. Sie bildet Jugendliche für die Tourismusbranche aus, die einmal in den Hotels und Restaurants in den Urlaubsgebieten arbeiten sollen. Bis vor zwei, drei Jahren brachte sie den Schülern noch bei, wie man Cocktails mixt. Mittlerweile ist das aus dem Lehrplan gestrichen, Alkohol habe an Schulen nicht zu suchen. Işık Uçar hat in ihren Klassen nur Kinder, die in der AKP-Zeit aufgewachsen sind. Die nichts anderes kennen als Erdoğan und seine Partei.

Die neue Generation nimmt schon Gestalt an: "Es gibt Schüler, die Republikgründer Atatürk nicht mögen, nur weil er Rakı getrunken hat", erzählt sie. Die Lehrer bekommen nicht nur Druck von oben, sondern auch von unten. Gewerkschafter Çakmak sagt: "Jetzt sieht man, was passiert, wenn man die Trennung von Staat und Religion aufweicht, wie das die Regierung gemacht hat." Er glaubt nur nicht, dass sich viel ändern wird: Gülens Fromme müssten gehen, Erdoğans Fromme übernehmen.

© SZ vom 14.09.2016/dayk
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