Türkei Was ein Armenier in der Erdoğan-Partei von der Völkermord-Resolution hält

Demo gegen Armenien-Resolution in Berlin: Viele Türken sind dagegen, dass über das Thema in ausländischen Parlamenten entschieden wird.

(Foto: dpa)
  • Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr haben es gleich drei Politiker mit armenischen Wurzeln ins türkische Parlament geschafft. Früher undenkbar.
  • Alle drei Abgeordneten stören sich daran, dass Parlamente im Ausland über Geschehnisse in ihrem Land befinden.
  • 2014 sprach Erdoğan als erster türkischer Premier dem armenischen Volk sein Beileid für das "Leiden" während des Ersten Weltkriegs aus.
Von Mike Szymanski, Istanbul

Ein stiller, friedvoller Ort mitten in Istanbul: Markar Eseyan hat viele gute Erinnerungen an diesen armenischen Friedhof und leider auch einige düstere. Sein Vater - verwurzelt in der armenischen Gemeinde - kämpfte um jedes Grab. Er pflanzte Bäume. Markar Eseyan, damals noch ein kleiner Junge, planschte in den Wasserbecken, die es nicht mehr gibt. "Es war schön hier", sagt er. Dann kamen die Behörden und nahmen einen Teil des Friedhofs weg, um auf dem Grundstück Wohnhäuser zu errichten. Sein Vater wäre daran fast zugrunde gegangen. Aber er kämpfte um den Rest des Friedhofs. Deshalb gibt es diesen Ort heute noch.

Vor etwa zehn Jahren durfte die armenische Gemeinde eine kleine Kapelle errichten. Niemand hatte noch daran geglaubt. Früher war ihr untersagt, überhaupt Gebäude zu renovieren. Eseyan betritt das kleine Gotteshaus und nimmt vorne auf der ersten Bank Platz. Er sagt, die Geschichte der Armenier in der Türkei, das sei eine Geschichte von Licht und Schatten. Viel mehr Schatten zwar, wenn nicht gar Finsternis. Aber eben auch Licht. Jetzt sei die Zeit des Lichts. Eseyan ist nicht nur Armenier. Er ist seit vergangenem Jahr auch Abgeordneter der Regierungspartei AKP.

Markar Eseyan in der kleinen Kapelle der armenischen Gemeinde

(Foto: Mike Szymanski)

Das ist jene Partei, die sich vehement dagegen wehrt, dass der Deutsche Bundestag am Donnerstag - wie zuvor etliche andere Parlamente weltweit - eine Resolution beschließt, in der die Verbrechen an den Armeniern im auseinanderfallenden Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet werden. Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder sollen 1915 ums Leben gekommen sein. Als Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich des hundertjährigen Gedenkens 2015 von Völkermord sprach, reagierte die türkische Regierung heftig: Das Volk werde Gauck dies nicht verzeihen. Ein Vorgeschmack auf das, was in dieser Woche passieren kann.

Ein Schatten auf der Annäherung von Türken und Armeniern

Völkermord ist ein gewaltiges Wort. Es wirft auch einen Schatten auf das, was tatsächlich bei der Annäherung von Türken und Armeniern erreicht wurde. Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr haben es gleich drei Politiker mit armenischen Wurzeln ins türkische Parlament geschafft. Bis vor wenigen Jahren war das undenkbar. Neben Eseyan, 47, sitzt Selina Doğan, 39, für die säkulare Atatürk-Partei CHP in der Großen Nationalversammlung; für die prokurdische Partei HDP ist es Garo Paylan, 44.

Müssten nur diese drei Politiker über eine Völkermord-Resolution abstimmen - sie hätte momentan keine Mehrheit. Zwei zu eins, dagegen. Weil es nichts bringt, sagt Eseyan: "Wir können nicht noch einmal 100 Jahre zurückschauen, als wäre es gestern passiert. Das vergiftet die Zukunft." Selina Doğan sagt, weil es womöglich zu früh ist. Ginge es nach ihr, sollte erst mal weiter ausgeleuchtet werden, was 1915 geschah. Die Oppositionspolitikerin wünscht sich, dass eine internationale Expertenkommission die Gräueltaten aufarbeitet. Das ist die Regierungslinie. Und sie wünscht sich, dass die Parteien aufhören, sich zu streiten.

Garo Paylan dagegen glaubt, man müsse endlich aufhören, mit einer Lüge zu leben. Deshalb spricht er als Einziger auch klar und deutlich von Völkermord.

Dass drei türkische Parlamentarier mit armenischen Wurzeln in dieser Frage überhaupt streiten können, ist schon ein riesiger Fortschritt. Vor zehn Jahren wurde verklagt, wer es wagte, überhaupt von Völkermord zu sprechen. Beleidigung des Türkentums lautete dann der Straftatbestand. Damals regierte bereits die AKP. Trotzdem traute Markar Eseyan ausgerechnet dieser islamisch-konservativen Partei zu, für unterdrückte Minderheiten in der Türkei etwas zu bewegen.

Als erste Regierung hatte die AKP nach 2002 angefangen, den vom Staat beschlagnahmten armenischen Besitz zurückzugeben. Bis heute nur zögerlich, aber sie tat es. Armenische Stiftungen - jahrzehntelang vom Staat gegängelt - bekamen Luft zum Atmen.

Eseyans Chef bei "Agos" war damals Hrant Dink

Es war die Zeit, als Recep Tayyip Erdoğan sein Land an die EU heranführte. Eseyan arbeitete damals für Agos, eine zweisprachige Wochenzeitung, die eine wichtige Stimme der Armenier in der Türkei ist. Er war ein Erdoğan-Fan. Sein Chef bei Agos war damals Hrant Dink, der Gründer des Blattes. Ein Versöhner. 2007 wurde Dink in Istanbul auf offener Straße erschossen. Sein Tod war ein Weckruf für das ganze Land, offener über das Jahr 1915 zu sprechen, Interesse zu zeigen.

2014 - in dem Jahr, als Regierungschef Erdoğan zum Staatspräsidenten aufstieg - sprach er als erster türkischer Premier dem armenischen Volk sein Beileid für das "Leiden" während des Ersten Weltkriegs aus. Das sind die Trippelschritte in der türkisch-armenischen Aussöhnung. Als Selina Doğan nach ihrer Wahl zur Abgeordneten die ersten Wege im Parlament erledigte, traf sie Angestellte, die ihr zuflüsterten, dass auch sie armenische Wurzeln hätten. "Warum flüsterst du?", fragte sie. Das sei doch kein Verbrechen.

Alle drei Abgeordneten stören sich daran, dass Parlamente im Ausland über Geschehnisse in ihrem Land befinden. "Diese Wunde wird nur heilen, wenn sie im türkischen Parlament behandelt wird", sagt Garo Paylan. Ob es dazu kommt? Für Paylan und Selina Doğan macht die Türkei bei der Aussöhnung gerade wieder Rückschritte. Eseyan hingegen sieht die Hälfte des Weges zur Aussöhnung geschafft - unabhängig davon, wie man in Deutschland abstimmt.

Erster Weltkrieg Zum Sterben in die Wüste getrieben Bilder
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Völkermord an den Armeniern

Zum Sterben in die Wüste getrieben

Am 24. April 1915 begann die armenische Katastrophe. Zeitgenössische Bilder zeugen von Vertreibung, Hunger und Tod. Sie sind bis heute ein wichtiger Beweis für den Völkermord.