Gespräche mit Armenien:Türkei träumt von eigener Seidenstraße

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Gespräche mit Armenien: Die Ruinenstadt Ani im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Armenien zeugt von den Konflikten beider Länder und wird heute nur noch von Touristen besucht.

Die Ruinenstadt Ani im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Armenien zeugt von den Konflikten beider Länder und wird heute nur noch von Touristen besucht.

(Foto: Ozan Kose/AFP)

Ankara will sich mit dem Nachbarn Armenien aussöhnen und verhandelt über eine Grenzöffnung, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Doch Russland will seinen Einfluss sichern.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die seit Jahrzehnten tief verfeindeten Nachbarstaaten Türkei und Armenien gehen aufeinander zu. Die Regierungen der beiden Länder, die keine diplomatischen Beziehungen unterhalten und deren Verhältnis durch den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg schwer belastet ist, wollen nun wieder miteinander reden. Am Freitag treffen sich in Moskau die gerade ernannten Sondergesandten der Türkei und Armeniens, um über eine Normalisierung des Verhältnisses zu sprechen.

Wichtigstes Thema bei dem vom Kreml moderierten Treffen ist die Öffnung der seit 1993 geschlossenen türkisch-armenischen Grenze. Ebenfalls auf der Agenda steht die Schaffung eines Landkorridors von der Osttürkei durch Armenien nach Aserbaidschan. Das wäre ein Schritt, der die geopolitische Aufstellung im krisengeschüttelten Süd-Kaukasus verändern und wirtschaftliche Chancen für alle beteiligten Staaten eröffnen könnte: Für Armenien und Aserbaidschan, aber auch für die Türkei und Russland. Vor allem aber würde der Korridor Ankara Zugang nach Zentralasien verschaffen und so einen türkischen Traum erfüllen.

Der geplante "Sangesur-Korridor" würde den Weg frei machen von der Türkei aus über das Kaspische Meer und von dort aus nach Zentralasien. Ohne diese Landverbindung ist das nicht möglich: Aserbaidschan, ein Verbündeter Ankaras, hat im Gegensatz zu seinem Nachbarn und Erzfeind Armenien keine gemeinsame Grenze mit der Türkei. Allein die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan, die weit entfernt vom Kernland zwischen Armenien und Iran liegt, grenzt auf einer Länge von 17 Kilometern auch an die Türkei. Deshalb bedarf es des Korridors, um die Türkei mit dem aserbaidschanischen Kernland zu verbinden.

Die Türken wollen seit dem Zerfall der Sowjetunion Führungsmacht in Zentralasien werden, sich im historischen "Turkestan" sowohl einen Markt als auch eine Zone politischen Einflusses erschließen: über eine Verbindung von der Osttürkei über die Kaukasus-Staaten Armenien und Aserbaidschan bis ans Kaspische Meer. Von dort ginge es weiter nach Zentralasien mit den Turkstaaten Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan und Kasachstan. Gelänge dies, könnte die Türkei Schwergewicht werden in einer Großregion, die von Russland kontrolliert wird.

Russland versucht, seine Interessen in der Region zu schützen

In Ankara träume man seit Langem von "einer türkischen Seidenstraße", sagt Emin Şirin der Süddeutschen Zeitung. Er war Parlamentarier der Regierungspartei AKP von Präsident Recep Tayyip Erdoğan und arbeitet heute als Kolumnist und TV-Kommentator. "Die Türkei kann sich einen Weg nach Zentralasien eröffnen, der eben nicht durch Russland oder Iran führt - von Ostanatolien bis nach Kasachstan und an die chinesische Grenze." Nachdem sich Ankaras "erfolgreiche, stark militärisch unterstützte Außenpolitik der letzten Jahre erschöpft hat", sei es nun an der Zeit, "das Gespräch zu suchen bei außenpolitischen Zielen", so Şirin. Dies gelte vor allem für Zentralasien. Es gehe dabei aber nicht um großtürkische Träume, sondern um wirtschaftliche Interessen, sagt Şirin: "Der dortige Markt hat ein riesiges Potenzial."

Ankaras strategische Ambitionen dürften in Moskau und in Teheran kaum auf Gegenliebe treffen. Beide Staaten, vor allem Russland als Nachfolger der UdSSR, haben Einfluss und Interessen im ehemals zur Sowjetunion gehörenden Kaukasus und dem exsowjetischen Zentralasien. Dass Moskau die anstehenden Gespräche zwischen der Türkei und Armenien dennoch moderiere, habe eher damit zu tun, dass Russland seine Interessen in der Region auf diese Weise zu schützen versuche, sagt Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Schließlich sei der Kreml Garant des nach dem Krieg von 2020 geschlossenen Waffenstillstandsabkommens zwischen Armenien und Aserbaidschan, so der Experte für die Region der ehemaligen Sowjetunion.

Das Abkommen, das den damaligen Krieg um die Region Bergkarabach beendete, sieht auch die Schaffung des Sangesur-Korridors vor. Aber eben unter Aufsicht Moskaus. Russische Sicherheitskräfte sollen die freie Durchfahrt garantieren, nicht türkische: Ankara bliebe bei seinem strategischen Großprojekt auf Moskaus Wohlwollen angewiesen.

Großes Interesse an dem Korridor und einer Annäherung an die Türkei hat Armenien. Das verarmte Land ist nach dem verlorenen Karabach-Krieg vom Herbst 2020 fast vollständig von Russland abhängig, Moskau hatte Eriwan mit einem Machtwort vor der kompletten Niederlage in diesem Krieg bewahrt. Wirtschaftlich ist Armenien isoliert, es versorgt sich über Georgien und über Iran. Das Land braucht offene Grenzen zur Türkei.

Auch für Armenien steht viel auf dem Spiel

Darin sieht der armenische Premierminister Nikol Paschinjan seine Chance, so Kaukasus-Experte Meister. Auch wenn der Regierungschef nach dem verlorenen Karabach-Krieg politisch am Ende zu sein schien, konnte er sich an der Macht halten. Mit dem Korridor und der offenen Grenze zur Türkei könnte der politische Überlebenskünstler der Bevölkerung einen Erfolg präsentieren, erklärt Meister und führt aus: Eriwan brauche dringend Gegengewichte gegen das übermächtige Russland, "die Souveränität Armeniens hängt an der Öffnung der Grenze zur Türkei".

Doch so weit ist es noch nicht: Türken und Armenier verbindet eine tragische Vergangenheit. Die Ermordung von Hunderttausenden im damaligen Osmanischen Reich lebenden Armeniern durch die Osmanen 1915 wird international als Völkermord gewertet. Eriwan verlangt von Ankara seit Jahrzehnten erfolglos ein Eingeständnis des Genozids. Ankara verweigert dies. Es bestreitet zwar die "Massaker" an den Armeniern nicht. Es bezeichnet sie aber als Folge der Rebellion armenischer Aufständischer. Diese hätten mit Russland als Kriegsgegner des Osmanischen Reichs gemeinsame Sache gemacht, die Massaker hätten sich in den "Kriegswirren" ohne Genozid-Absicht ereignet.

Auf die Sondergesandten wartet also viel Arbeit. Ankara schickt mit Serdar Kılıc einen erfahrenen Ex-Botschafter, Eriwan den Vize-Parlamentssprecher Ruben Rubinjan. Als Geste des guten Willens vor dem Moskauer Treffen hat Eriwan sein Embargo für die Einfuhr türkischer Waren aufgehoben, Ankara die Wiederaufnahme von Charterflügen zwischen den Staaten angekündigt. Ob solch guter Wille reicht, wird sich zeigen: Anfang der 2000er-Jahre waren die Türkei und Armenien schon einmal aufeinander zugegangen, die Grenzöffnung und damit die Aussöhnung zwischen den beiden Ländern schien in greifbarer Nähe zu sein. Damals scheiterten sie.

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