bedeckt München

Atom-GAU in Tschernobyl:Kettenreaktion à la Sowjetunion

Sarkophag für Tschernobyl

Die neue Schutzhülle in Tschernobyl.

(Foto: dpa)
  • Der Autor Adam Higginbotham hat die Tschernobyl-Katastrophe neu aufgerollt und liefert damit viele erhellende Denkanstöße.
  • Das Buch wird zu einer Art anschaulichem Fakten- und Sittengemälde des realen Sozialismus.

Rezension von Felix Ekardt

Deutschland ist ein besonders ökologisches Land, jedenfalls verbal. Vom ökologischen Fußabdruck seiner Bewohner pro Kopf her ist es allerdings eher im negativen Sinne führend.

Dass der Mythos vom Umweltvorreiter dennoch weiter gepflegt wird, liegt nicht zuletzt am deutschen Atomausstieg. Dieser bringt zwar für den aktuell viel diskutierten Klimaschutz nichts, beendet aber tatsächlich die Nutzung einer gefährlichen Technologie.

Das neue Buch des Journalisten Adam Higginbotham nimmt diese Kontroverse historisch in den Blick, indem es das Kernereignis der internationalen Anti-Atom-Bewegung porträtiert: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion 1986.

Dabei wird die gesamte Geschichte des Super-GAUs und seines Ortes umfassend in den Blick genommen: die Genese der Technologie, die Gründung der sozialistischen Modellstadt Prypjat, die parallele Errichtung von vier Reaktoren, das Unglück selbst und seine umfangreichen Nachwirkungen.

Im Stil einer Reportage wird anhand des Schicksals diverser Akteure im Kraftwerk, in der Stadt und in der Kommunistischen Partei vieles zusammengetragen, was für eine breite Öffentlichkeit neu ist.

Ursächlich für das Desaster, so Higginbotham, war weniger die in Deutschland viel beschworene Unbeherrschbarkeit der Kernenergie als vielmehr eine Kette von nahezu unglaublichen Fehlern.

Kette von nahezu unglaublichen Fehlern

Das Buch wird dabei zu einer Art anschaulichem Fakten- und Sittengemälde des realen Sozialismus. Bereits bei der Errichtung des später havarierten Reaktors kam es zu massiven Materialengpässen und grob sicherheitswidrigem Improvisieren der handelnden Akteure.

Weil aber Kritik und offene Diskurse im sozialistischen Staat und in der zentral gelenkten Planwirtschaft unerwünscht waren und schlimmstenfalls zu Lagerhaft führten, konnten selbst offenkundigste Missstände nicht thematisiert werden.

Generell und auch bei der Errichtung eines Kernkraftwerks waren vielmehr willkürliche und unrealistische Ziele oberer Instanzen ebenso an der Tagesordnung wie Erfolgsmeldungen der Untergebenen, dass die bereits irrealen Ziele sogar noch übertroffen worden seien. Erstaunlich ist nach Higginbothams Analysen weniger das Unglück als solches, als vielmehr der Umstand, dass der Reaktor überhaupt einige Jahre halbwegs funktionierte.

Interessant ist die Schilderung der ambivalenten Rolle des in Deutschland - anders als in Russland - oft für seine Reformagenda verehrten Michail Gorbatschow. Tatsächlich drängte dieser im Falle von Tschernobyl auf weit mehr Transparenz und ehrliche Aufarbeitung der Ursachen, als dies bis dahin im Staatssozialismus üblich war.

Adam Higginbotham
Mitternacht in Tschernobyl
Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Irmengard Gabler

Adam Higginbotham: Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten. Aus dem Englischen von Irmengard Gabler. Verlag S. Fischer, Frankfurt 2019. 640 Seiten, 25 Euro.

Gleichzeitig ging auch der Generalsekretär der KPdSU wie selbstverständlich davon aus, dass das Unglück nicht etwa durch eine neutrale Justiz, sondern im KP-Politbüro abschließend zu beurteilen wäre, gefolgt von einem reinen Schauprozess gegen vorab feststehende, teils eher vermeintliche Haupttäter.

Ein wenig könnte das Buch eine alte Schieflage bestärken. Nämlich die Vorstellung, das größte oder gar einzige Problem der Atomenergie wäre das Unfallrisiko. Dieses kann man durchaus minimieren - wie gerade die Schilderungen sozialistischer Schlamperei und Mangelwirtschaft in dem Buch eindrucksvoll unterstreichen.

Unerwähnt bleiben jedoch andere, letztlich unkontrollierbare Gefahren, etwa das Attentatsrisiko im Stil des 11. September 2001 oder die ungelöste Endlagerfrage.

Auch dass Atomenergie zur Weltenergieversorgung - nicht zu verwechseln mit der Stromversorgung - momentan nur rund drei Prozent beiträgt und somit ein eher randständiges Phänomen darstellt, geht beim Blick auf die dramatischen Seiten dieser Technologie schnell mal unter.

Komplexität und Differenzierungen sind nötig

Higginbothams Analyse macht deutlich: Komplexität und Differenzierungen sind nötig, auch bei der Atomenergie. Und wer in kapitalistischen Krisenzeiten ökonomische Alternativen wie das rätedemokratische Gemeinwohlökonomie-Konzept propagiert oder auf einen autoritären chinesischen Öko-Sozialismus hofft, sollte bereits gemachte Erfahrungen sorgfältig zur Kenntnis nehmen.

Dass systemübergreifend menschliche Neigungen wie Eigennutzenstreben, Bequemlichkeit, Gewohnheit, Verdrängung oder Herdenverhalten einen wirksamen Umweltschutz oft blockiert haben, stimmt zwar.

Die Leistungsfähigkeit offener Gesellschaften mit offenen Märkten liegt aber darin, dass sie Kritik und kreative Lösungen ermöglichen - und damit wirksame ökologische Regelungen zumindest wahrscheinlicher werden.

Ob diese Leistungsfähigkeit offener Gesellschaften gegen deren andere Folge, den ungeheuren Wohlstand, ökologisch auf Dauer ankommen wird, bleibt eine offene Frage. Diktatorische Lösungen wären aber noch weniger sinnvoll, wie man aus Tschernobyl lernen kann.

Trotz einzelner Desiderate liefert Higginbotham mit alledem unterhaltsame, erkenntnisreiche Lektüre und gute Denkanstöße, gerade wegen der vielen erhellenden Einzelheiten zur Geschichte des bisher größten Atomunfalls der Geschichte.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Uni Rostock.

© SZ vom 17.02.2020/odg
Zur SZ-Startseite
Seite Drei Wittmann Tschernobyl

SZ PlusTschernobyl-Tourismus
:Schön hier

Wer einen Tag Tschernobyl bucht, zahlt 80 Euro. Dafür gibt es ein bisschen Strahlung und Grusel. Und wer mag, darf die Realität so hindrapieren, dass alles fürs Foto passt.

Lesen Sie mehr zum Thema