Treffen von Obama und Xi Wohlfühl-Gipfel in Sunnylands

Fast hatte man den Eindruck, US-Präsident Obama und sein chinesischer Kollege Xi sollten verkuppelt werden. So sehr wurde vom Zwischenmenschlichen geredet. Das Ziel: Im kalifornischen Anwesen Sunnylands eine unverkrampfte, gar entspannte Stimmung zwischen den Präsidenten entstehen zu lassen. Zumindest in Bezug auf die Kleiderordnung ist das gelungen.

Ein Kommentar von Nicolas Richter, Washington

Das Gipfeltreffen zwischen den beiden mächtigsten Männern der Welt hat eine klare Verliererin zurückgelassen: die Krawatte. Barack Obama und sein Gast Xi Jinping zeigten sich ohne das förmliche Tuch, zeitweise sogar ohne Jackett und mit hochgekrempelten Ärmeln.

Die lässige Kleiderordnung war Teil einer größeren Anstrengung, im kalifornischen Anwesen Sunnylands eine unverkrampfte, gar entspannte Stimmung zwischen den Präsidenten der USA und Chinas herzustellen. Während der Vorbereitungen hatten die Hintersassen Obamas so viel vom Zwischenmenschlichen geredet, dass man den Eindruck hatte, sie wollten Obama und Xi verkuppeln.

Wie nah sich die Männer persönlich gekommen sind, ist unklar, denn letztlich bemisst sich dies allein nach dem Gefühl der beiden Präsidenten, dass sie einander vertrauen können. Reagan und Gorbatschow spürten das bei ihren Begegnungen in den letzten Jahren des Kalten Kriegs von Anfang an. Obama schien sich immerhin in der Nähe seines Kollegen Xi deutlich wohler zu fühlen als mit dessen Vorgänger Hu Jintao. Die von Höflichkeits- und anderen Floskeln gefüllten, förmlich starren und inhaltsleeren Gespräche mit Hu trieben Obama beinahe zur Verzweiflung.

Allerdings ist in jüngster Zeit mit den Nettigkeiten auch der Konfliktstoff gewachsen. Der größte hat mit den chinesischen Hackerangriffen zu tun, die Washington seit Monaten offen beklagt. Die US-Regierung macht Peking dafür mittlerweile unmittelbar verantwortlich, zumindest deswegen, weil Chinas Regierung die Angriffe geschehen lasse. Obamas Sicherheitsberater Thomas Donilon sagte nach dem Gipfel, der Online-Diebstahl von Staats- und Industriegeheimnissen stehe nunmehr "im Mittelpunkt" des Verhältnisses beider Länder, es sei kein Randthema mehr. Das klingt nicht so, als sei es Präsident Xi gelungen, neues Vertrauen zu schaffen. Obama hat ihm offenbar Beweise für Datendiebstähle vorgelegt, die von chinesischem Boden ausgingen.

Gesucht: Ein "neues Modell" für die amerikanisch-chinesischen Beziehungen

Natürlich fühlen sich die Chinesen selbst angegriffen, von Obamas neuem Interesse an Asien, seinem Werben um Verbündete in ihrer Nachbarschaft. Der Internet-Konflikt ist da erst der Vorbote künftiger Auseinandersetzungen, in denen beide Seiten einander vorwerfen dürften, gegen die Regeln zu verstoßen. Obama hat China im Kreis der Großmächte willkommen geheißen, er hat aber daran erinnert, dass auch die Großen nach den Regeln spielen müssten.

Zum Teil müssen die Regeln auch erst noch geschrieben werden, für den Klimaschutz zum Beispiel. Die von Obama und Xi angekündigte Kooperation gegen Treibhausgase gilt erst einmal nur einem Gas, das in Kühlschränken und Klimaanlagen verwendet wird. Wenn sich die Welt also von den größten Volkswirtschaften der Welt Impulse erhofft, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu senken, kann sie noch sehr lange warten.

Beide Präsidenten haben beteuert, sie wünschten sich ein "neues Modell" für die amerikanisch-chinesischen Beziehungen. So gesehen war der Gipfel in Kalifornien wirklich nur ein Anfang. Er hat nicht erkennen lassen, wie das neue Modell aussehen soll und was es bewirken soll. Die Kleiderordnung mag lockerer geworden sein. Alles andere aber muss noch folgen.