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Traumatisierte Soldaten im Ersten Weltkrieg:Mancher Kranke wurde als Deserteur hingerichtet

An der Front "wurde das Schicksal der Individuen stets dem der Gruppe untergeordnet", sagt der künstlerische Leiter der Genter Ausstellung, Patrick Allegaert. "Daher wurden die psychologischen Traumata oft als Probleme der Disziplin angesehen und angegangen." Mancher Kranke wurde gar als Deserteur erschossen.

Erster Weltkrieg Mit Hurra ins große Gemetzel Bilder
Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Ein überstolzer Kaiser, jubelnde Soldaten, der Glaube an einen schnellen Sieg: Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. Fotos aus dem Jahr 1914, als die Welt brannte und das alte Europa zerbrach.

Aber die Ausstellung bleibt nicht beim Ersten Weltkrieg stehen, selbst wenn dieser in Belgien und anderen Ländern weiter als "Der Große Krieg" tituliert wird, sondern widmet sich auch neueren Konflikten. Der US-Soldat, der auf dem berühmten Bild des Fotografen Don McCullin verewigt ist, hat 1968 gerade eine Schlacht im Vietnamkrieg miterlebt. Die Finger noch um den Lauf seines Gewehres gelegt, schaut er mit starrem, leerem Blick über die Kamera hinweg.

Immerhin wuchs im Laufe der Zeit mit der Zahl der Kriege und Kriegsheimkehrer auch die Sensibilität für ihre Leiden. Gerade nach den Kriegen am Golf und seit Beginn der Afghanistan-Einsätze wird das Problem der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen (kurz PTBS, in englischer Sprache PTSD) immer ernster genommen, macht Ausstellungsleiter Allegaert deutlich.

Zwar seien die PTBS weiter schwer zu diagnostizieren und zu behandeln, aber: "Dieser Typ von Trauma wird heute von der Medizin stärker berücksichtigt."

Erst seit 1994 wird PTBS als eigenständige Krankheit behandelt

Die Kunst hat sich mit ihren Mitteln der Versehrten angenommen. Das "Selbstporträt in Uniform" von Achille Van Sassenbrouck aus dem letzten Kriegsjahr 1918 zeigt Gesicht und Uniform in ähnlich düsteren Grüntönen: Die menschliche Individualität scheint sich in der Soldatentracht aufzulösen. Der Künstler Rick Wouters hat nach seinem Kriegsdienst ein Bild namens "Total verstört" gemalt. "Der Anblick dieser vielen jungen Verstorbenen hat mich verrückt gemacht", schrieb Wouters 1915.

Viel näher, jedenfalls zeitlich, ist uns die Montage "Das Opfer" von James Nachtwey. Die Dutzenden Bilder wurden 2006 unter US-Soldaten im Irak gemacht. Sie zeigen blutüberströmte Opfer neben solchen, an denen vor allem der ängstliche Blick verstört.

Die Soldaten, die mit dem Kriegszittern überlebten, wurden lange Zeit alleine mit ihren Leiden gelassen. Es dauerte bis 1994, also 80 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, bis PTBS als eingenständige Krankheit behandelt wurde.

Linktipp: Fotos von James Nachtwey, die er im Irak machte während er US-Militärärzte begleitete.

Erster Weltkrieg Wo es lärmt und schmeckt wie an der Front
Ausstellungen zu 100 Jahren Erster Weltkrieg

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