Großbritannien:Locker bleiben, weitermachen

Großbritannien: Die Lage der Tories wird nicht besser mit ihm: Der britische Premierminister Rishi Sunak.

Die Lage der Tories wird nicht besser mit ihm: Der britische Premierminister Rishi Sunak.

(Foto: CLODAGH KILCOYNE/REUTERS)

Verlorene Nachwahlen, verhaftete Abgeordnete, miese Umfragewerte: Für die britischen Tories reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Grund zur Panik? Ach wo. Ein Treffen mit Generalsekretär Greg Hands.

Von Michael Neudecker, London

Greg Hands steht in der Central Lobby des Parlamentsgebäudes, die so etwas wie das Herz des Palace of Westminster ist, von hier schlängeln sich die Gänge hinein in den riesigen Bau wie Arterien. Es ist später Mittwochnachmittag, und Greg Hands hat es eilig. Natürlich, er ist Chairman, Generalsekretär der britischen Konservativen, das heißt: Er ist gleichzeitig so etwas wie Co-Trainer, Innenverteidiger und Zeugwart. Greg Hands hat eigentlich nie Zeit, aber er nimmt sie sich, das ist eine seiner Stärken, sagen Leute, die ihn länger kennen. Er kommt etwas zu spät zum Gespräch mit der SZ, "gehen wir doch gleich hierhin", sagt er und öffnet eine Tür, die irgendwo auftaucht, dahinter zwei Stühle und ein Tisch, mitten auf dem Flur. "Das ist gut", sagt Greg Hands. "Das spart Zeit."

Im Lauf des Gesprächs wird die Tür öfter mit lautem Knall auf- und zufliegen, und die meisten, die hindurchgehen, nicken Greg Hands zu. Hands ist 57 und seit 18 Jahren Abgeordneter, er repräsentiert den Londoner Wahlkreis Chelsea und Fulham und hat für alle Premierminister der vergangenen 13 Jahre gearbeitet. Seit Februar ist er, der einstige "Remainer", nun Generalsekretär, acht Monate also. Gemessen an der Tory-Halbwertszeit der vergangenen Jahre eine Ewigkeit. Hands ist der vierte Tory-Chairman, seit Oliver Dowden im Juni 2022 zurücktrat. Gerade kursieren schon wieder Gerüchte über mögliche Umbesetzungen in Rishi Sunaks Kabinett, auch der Name Greg Hands fällt. Es gibt wenig Gewissheiten in dieser britischen Regierungspartei, und die Realität überrascht fast täglich mit neuen Eilmeldungen.

Wähler rufen ihn auch an, wenn die Waschmaschine kaputt ist

Darum soll es gehen in diesem Gespräch, um den Zustand der Partei und ihre Zukunft, genau ein Jahr nach Rishi Sunaks Amtsantritt als Premier und mutmaßlich ein Jahr vor der Wahl. Man könnte auch sagen: Darum, wie die Tories sich fühlen, und wer wüsste das besser als er? Greg Hands ist ein höflicher Mann, immer ansprechbar zu sein, ist für ihn selbstverständlich. Es kommt vor, dass Wähler in seinem Abgeordnetenbüro anrufen, weil ihre Waschmaschine oder die Heizung kaputt ist, und nein, das sei kein Witz, sagen sie in seinem Büro.

Großbritannien: Keine Zweifel, dass seine Konservativen die Wahlen nächstes Jahr gewinnen: Tory-Generalsekretär Greg Hands gibt sich unbeeindruckt von Umfragewerten.

Keine Zweifel, dass seine Konservativen die Wahlen nächstes Jahr gewinnen: Tory-Generalsekretär Greg Hands gibt sich unbeeindruckt von Umfragewerten.

(Foto: JUSTIN TALLIS/AFP)

Greg Hands ist außerdem: unerschütterlich loyal. Der stets sachliche Politikprofessor John Curtice sagte nach den beiden Nachwahlen vergangene Woche, als zwei stramm konservative Wahlkreise an Labour gingen, in der BBC: "Man kann verstehen, wenn sich einige Tories etwas unwohl fühlen." Die Botschaft von Greg Hands dagegen war dieselbe, die er jetzt wiederholt, auf den grünen Polsterstühlen im Bauch des Parlamentsgebäudes: Keine Panik. Locker bleiben, weitermachen.

Die Partei, in der zuletzt immer wieder neue Gruppierungen teils wilde Forderungen an die Spitze formulierten, sei "so vereint wie seit vielen Jahren nicht mehr". Den Vorsprung von Labour, der je nach Umfrageinstitut zwischen 16 und 21 Prozentpunkten liegt, nennt Hands "einen Vorsprung von etwas über zehn Prozent"; dass die Tories die Wahlen im nächsten Jahr gewinnen werden, daran besteht für ihn kein Zweifel. Und die verlorenen Nachwahlen: ärgerlich, "aber Nachwahlen sind nicht unbedingt ein Hinweis" auf eine generelle Stimmung im Land.

Es ist wohl so: Wenn der Co-Trainer, der Innenverteidiger und der Zeugwart alle drei nicht an den Sieg glauben würden, dann bräche die Mannschaft zusammen. Aber wenn der Eindruck aus Gesprächen mit Abgeordneten und anderen in der Westminster-Blase in diesen Wochen nicht täuscht, liegt die allgemeine Stimmungslage der Tories näher an der Einschätzung von John Curtice als der von Greg Hands.

Den Ukip-Gründer Farage will er nicht mehr in seiner Partei

Vor allem zwei Sorgen scheinen einige in der Partei umzutreiben. Zum einen, dass die Konservativen im Angesicht einer drohenden Niederlage den Verführungen des Populismus erliegen und mehr nach rechts rücken könnten. Hands sagt, er teile diese Befürchtung nicht. Die oft mit grenzwertigen Aussagen zur Immigration auffallende Innenministerin Suella Braverman bewegt sich für ihn "im Rahmen der konservativen Tradition". Eine Rückkehr des rechten Zündlers und Ukip-Gründers Nigel Farage schließt er immerhin aus - im Gegensatz zu Sunak, der sich zu Farage zuletzt eher vage äußerte. Greg Hands sagt: "Nigel Farage wird nicht in die Konservative Partei zurückkehren."

Die künftige Richtung der Tories vorherzusagen, ist schon deshalb unmöglich, weil gar nicht klar ist, wer die Tories in Zukunft überhaupt sind. Bereits 49 Abgeordnete haben angekündigt, bei der nächsten Wahl nicht mehr anzutreten, kaum ein Wahlkreis erscheint sicher. In den Fokusgruppen und Meinungsumfragen tauchen immer wieder drei Namen als beliebteste Tory-Politiker auf, Suella Braverman, Penny Mordaunt und Tom Tugendhat. Braverman gilt als das Gesicht der Partei-Rechten, Tugendhat als Hoffnung der Partei-Linken und Mordaunt als Schwertträgerin der Partei-Mitte.

Die zweite Sorge ist konkreter als diffuse Zukunftsängste: dass die schlechten Nachrichten auch mit Sunak einfach nicht aufhören. "Rishi Sunak ist der Richtige", sagt Greg Hands. Die Partei ist groß, 352 Tory-Abgeordnete gibt es derzeit, "ich kann nicht auf jeden einzelnen Abgeordneten aufpassen", sagt Hands.

Großbritannien: In Umfragen liegt Labour deutlich vorne: Parteichef Keir Starmer (re.) mit einem der Sieger der Nachwahlen vergangene Woche.

In Umfragen liegt Labour deutlich vorne: Parteichef Keir Starmer (re.) mit einem der Sieger der Nachwahlen vergangene Woche.

(Foto: JUSTIN TALLIS/AFP)

Kurz nach dem Gespräch befindet das Unterhaus über die Suspendierung von Peter Bone, Tory-Abgeordneter seit 2005. Dem 71-Jährigen wird von einem Untersuchungsausschuss vorgeworfen, vor zehn Jahren einen damals Anfang 20-jährigen Mitarbeiter genötigt und sexuell bedrängt zu haben, unter anderem soll er dem jungen Mann in einem Hotelzimmer seinen Penis vor das Gesicht gehalten haben. Bone bestreitet das. Die Partei hat ihn bereits aus der Fraktion ausgeschlossen, am Mittwochabend suspendiert ihn das Unterhaus für sechs Wochen. In seinem Wahlkreis findet nun eine Befragung statt, an deren Ende wahrscheinlich eine Nachwahl stehen wird.

Drohen wegen der Skandale von Abgeordneten weitere Nachwahlen?

Am Donnerstagabend wird öffentlich, dass die Polizei den 63-jährigen Crispin Blunt verhaftet hat, Tory-Abgeordneter seit 1997, wegen des Verdachts auf Drogenbesitz und Vergewaltigung. Blunt schreibt dazu auf X (vormals Twitter), er bestätige die Verhaftung, wolle sich aber nicht weiter dazu äußern. Mit dem Fall eines anderen Abgeordneten, der nach Vorwürfen der sexuellen Nötigung gerade auf Kaution frei ist, habe das nichts zu tun, teilt die Polizei mit.

Noch ein Skandal, noch eine Nachwahl, vielleicht zwei? Greg Hands kann dazu am Freitag zunächst keinen Kommentar geben. Das Unterhaus pausiert seit Donnerstag, die neue Saison wird am 7. November von König Charles III. eröffnet, und Pause heißt für Greg Hands: Er ist noch mehr unterwegs als sonst. Am Donnerstag war er bei einer Beerdigung in Richmond, danach hat er in der City of London eine Rede gehalten, am Abend ist er nach Birmingham gefahren, um den Bürgermeister zu treffen. Am Freitag dann war er in seinem Wahlkreis, das ist besonders wichtig. In den Umfragen in Chelsea und Fulham, wo er seit 13 Jahren stets deutlich gewann, liegt Greg Hands jetzt knapp hinter dem Labour-Konkurrenten.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusGroßbritannien
:Wie sich Premier Sunak neu erfinden will

Die Tories starten ins britische Wahljahr. Bei den traditionellen Interviewrunden mit Lokalsendern schlägt sich der Regierungschef besser als seine Vorgängerin. Aber reicht das?

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: