Timothy Garton Ash:Die Regierungen sind machtlos, die Zivilgesellschaft muss helfen

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Haben Europäer und Amerikaner noch wirksamere Hebel? Mit einer Nostalgie, die fast wehtut, blicken meine türkischen Freunde zurück auf den Beginn dieses Jahrzehnts, als die Türkei unter einem vermeintlich "sanften" islamistischen Regime glaubte, der EU beitreten zu können und hoffte, dass die EU ihrerseits sie ernsthaft haben wollte. Das ist lange her.

Angela Merkel glaubt, zu Recht oder nicht, dass sie Erdoğan während des deutschen Wahlkampfes braucht, um die Flüchtlinge zurückzuhalten. Theresa May springt wie eine Handelsvertreterin von Trump über Erdoğan zu Indiens Narendra Modi. Und nur ein Verrückter kann darauf bauen, dass ausgerechnet Donald Trump die Werte verteidigen wird, zu denen er die wandelnde Antithese ist.

Mein Schluss ist, dass wir selbst es sind, die der anderen Türkei helfen müssen. Ich bin zwar nicht ganz hoffnungslos, aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass die EU, die USA oder irgendeine andere Regierung den Kurs der Türkei ändern werden. Aber weniger ambitionierte Interventionen auf unterer Ebene können manchmal etwas bewirken. Es mag depriminierend sein, daran zurückdenken zu müssen, was die westliche Zivilgesellschaft seinerzeit für die Dissidenten in der Sowjetunion getan hat, aber da stehen wir heute mehr oder weniger.

Solidarisch sein mit den Unterdrückten

Daher sollten Universitäten auf der ganzen Welt sich für Wissenschaftler einsetzen, die sie kennen. Akademien sollten der unabhängen Akademie der Wissenschaften Hilfe anbieten, das Gleiche gilt für Thinktanks, Verlage und Theater. Besonders depriminierend war es in Istanbul zu hören, dass immer weniger Wissenschaftler, Schriftsteller, Journalisten und Künstler in die Türkei reisen. Die türkischen Kollegen fühlen sich daher von der Welt abgeschnitten. Wann immer es möglich ist, sollte man jetzt in die Türkei fahren, zuhören, berichten und die Wahrheit aussprechen. Eine Delegation des internationalen PEN-Zentrums hat dies kürzlich vorgemacht.

Menschenrechtsgruppen müssen Publizität für unterdrückte Kollegen und Gruppen herstellen, jeder kann sie dabei unterstützen. Für die besonders angegriffenen Medien gibt es Solidaritätsaktionen unter dem Hashtag #FreeTurkeyJournalists. Das International Press Institute hat die Website freeturkeyjournalists.com gestartet. Einzelne Zeitungen und Magazine können ihre Kollegen direkt unterstützen oder dafür sorgen, dass der Blick der Öffentlichkeit auf sie gerichtet bleibt. Wenn die Regierungen keine großen Schritte unternehmen, ist es umso wichtiger, dass die Zivilgesellschaft einspringt. Erdoğan zieht die Schrauben an. Jetzt ist die Zeit für unsere Solidarität.

Aus dem Englischen von Nikolaus Piper.

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