bedeckt München 10°

Tibet-Konflikt:Land der Begierde

Doch bald begannen die Besatzer tibetische Klöster zu zerstören und Mönche zu verfolgen. Zugleich nahmen Kommunisten den Klöstern Teile ihres großen Landbesitzes weg. Mao beendete zwar die Leibeigenschaft der Bauern, gewährte den Menschen in Tibet aber genauso wenig individuelle Rechte wie dem Rest des chinesischen Volkes. Vor der tibetischen Kultur hatte er ebenso wenig Respekt wie gegenüber der Han-chinesischen Kultur und Tradition.

Autonomie ja, aber unter der Oberherrschaft Chinas

1951 zwang Mao der tibetischen Führung ein 17-Punkte-Abkommen auf. Es besiegelte die "Rückkehr des tibetischen Volkes in den Schoß seines Mutterlandes". Die eindeutigsten Befürworter des Abkommens waren auf tibetischer Seite interessanterweise in den Klöstern zu finden. Wichtige Ordensführer waren zunächst der Ansicht, das Abkommen garantiere mit einem Autonomie-Passus den Weiterbestand der traditionellen Religion, Kultur und Politik.

Ein Irrtum. Zwar beschreibt der dritte Artikel des Abkommens das Recht des tibetischen Volkes auf regionale Autonomie. In den ersten beiden Artikeln ist aber festgehalten, wo die eigentliche Macht liegt: bei der Zentralregierung der Volksrepublik China und der Volksbefreiungsarmee.

Die chinesische Regierung sieht das Abkommen bis heute als Grundlage für die friedliche Koexistenz zwischen dem Mutterland und der Minderheit der Tibeter. So liberal und tibetfreundlich der Vertrag auch schien, er enthielt einen Widerspruch, der sich als unüberwindbares Hindernis herausstellte: Auf dem Papier sollte zwar das alte politische System in Tibet weiterbestehen, doch bestanden die Chinesen darauf, parallel zu der lokalen tibetischen Regierung ein militärisches und administratives Gremium einzurichten, dem Han-Chinesen wie auch Tibeter angehören sollten.

In der weiteren Entwicklung wurde einzig diesen parallelen politischen Strukturen Macht übertragen, während die traditionellen lokalen Institutionen bald völlig ausgeschaltet wurden.

Bereits bei seiner Ankunft im indischen Exil 1959 kündigte der Dalai Lama das 17-Punkte-Abkommen auf. Er setzte eine Exilregierung und ein Parlament ein. Zudem organisierte er im Hintergrund die Exilgemeinde, die an ihrem Kampf für die Unabhängigkeit festhielt. Gleichzeitig warb er für Gespräche mit den Chinesen, die zu einer "friedlichen Lösung" führen sollten.

Kampf gegen China mit Hilfe der CIA

Anders als der Dalai Lama griffen in den 1950er-Jahren Tausende seiner Anhänger zu den Waffen. Der US-Geheimdienst CIA unterstützte aufständische Tibeter mit Technik, Munition, Geld und Training. Von CIA-Spezialisten lernten die Guerilleros Schießen, Sabotage, Minenlegen, Fallschirmspringen. Bis 1959 kämpften in Südtibet rund 85.000 Männer und Frauen; in kleinen, mobilen Einheiten attackierten sie die chinesische Militär-Übermacht.

Mit einem Schlag aber brach die US-Hilfe ab, Präsident Dwight David Eisenhower ließ alle Flüge über kommunistischem Luftraum einstellen. Erst 1961 warfen die Amerikaner wieder Waffen, Medizin und Nahrungsmittel aus der Luft ab. Ende 1961 stockte der CIA das Budget für Tibet auf 1,7 Millionen US-Dollar jährlich auf. Nach Henry Kissingers Geheimbesuch in Peking 1971 opferte die US-Diplomatie jedoch die tibetische Widerstandsbewegung der neu entdeckten Liebe Richard Nixons zu China.

Lesen Sie auf Seite 3, warum "Unabhängigkeit" in der chinesischen Tibet-Politik ein Tabuwort ist...

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema